Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 15 (14.4.1899)
- Article
- [Ohne Titel] / Rosenthal, L.
- Date
- 1899-04-14
- Page
- 10 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 10 „Die H Welt44 Nr. 15 Indes hat eine kleine Nachricht des Herrn Malach i, deren absolute Unrichtigkeit für jeden Kenner der Verhältnisse klar zutage liegt, berechtigte Zweifel an der Glaubhaftigkeit seiner übrigen Meldungen in mir wachgerufen. Der Herr Specialcorrespondent theilt nämlich mit, dass -las Centralcomite der „Chowewe Zion“ zur Unterstützung der Colonie Castinie 300.000Francs ausgegeben habe. Ich wiederhole: DieseNachricht ist eine einf a c h e U n w ahr hei t. Das Odessas r Comite hat wohl der Colonie Castinie Subventionen im Gesammtbetrage von ungefähr 250.000 Franes gewährt, allein ich kann auf das Bestimmteste versichern, dass dieses Comite mit dem Pariser Centralcomite absolut nichts zu schaffen hat und mit demselben in keiner wie immer gearteten Verbindung steht. Wenn sich .alle Mittheilungen des Herrn M a 1 a c h i, hei Lichte besehen, so ausnehmen, wie die im Vorstehenden beleuchtete Nachricht, dann dauert mich der Redacteur des ..Hamagid“. der sich von seinen Specialcorrespondenten derartige „exaete“ Berichte aufbinden lässt. Geradezu lächerlich ist auch eine andere Meldung des wohlinformierten Herrn Specialcorrespondenten, wonach sich die Einnahmen des Pariser Centralcomites mit denen der „Jewish Colon ization Association“ zusammen auf li Millionen Francs jährlich beziffern. Dies erinnert mich an die ergötzliche Prahlerei des Schnorrers in der bekannten Anekdote, der einem seiner Bekannten die überraschende Eröffnung machte, er und Br'oclsky besässen insgesammt ein Vermögen von so und soviel Millionen Rubel. — Ich d enke, jeder Redacteur muss wisse n, \v a s e r d rucken lass t. H o chacht u n gs v o 11 L. R o s e n t li a 1. Spenden für die darbenden Arbeiter Boryslaws. Von einer fröhlichen Tischgesellschaft in Brünn; fl. 5.— P Weltchronik. Wieder ein Ritualmord? Unter diesem perfiden, niederträchtigen Titel bringt das Wiener Leiborgan der deutschnationalen Antisemiten folgende Nachricht: „Deutschlirod, 11. April. In einem Walde bei Polna war am Charsonntag die arg verstümmelte Leiche der seit dem 27. v. M. vermissten 19jährigen Näherin Agnes Iruza aufgefunden worden. Alle Nachforschungen nach dem Thäter sind bisher ohne Erfolg geblieben. Dagegen verbreitete sich in Polna und Umgebung das Gerücht, welches Juden mit dieser Mordthat in Verbindung brachte. Infolgedessen machte sich in Polna eine bedeutende Gälirung geltend, so dass der Bezirkshauptmann von Deutschbrod 10 Mann Gendarmerie dahin absandte und umfassende Vorkehrungen traf, um etwaigen Ausschreitungen vorzubeugen. Auch die Gemeinde wurde auf ihre Verpflichtung hinsichtlich der Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung aufmerksam gemacht. Als muthmasslicher Mörder wurde der jüdische Schuhmacher Hülsner verhaftet.“ Judenauswanderung nach dem Sudan. Ahasver kann den Wanderstab nicht loswerden. Kaum wird der Cultur ein neues Landgebiet erschlossen, so erblickt man in der Vorhut der Pionniere die wohlbekannte, bündeltragende Gestalt, die noch immer nicht zur Ruhe kommen kann . . . Auch der Sudan wird binnen kurzem seine Juden haben. Einige hundert jüdische Familien aus Aegypten tragen sich mit dem Plane, dahin auszinvalidem. Die englische Regierung hat ihnen Unterstützung und mancherlei Begünstigungen zugesagt. Erwählung eines Juden zum Grossmeister. Die italienischen Freimaurer, deren Zahl sich auf ungefähr 200.000 beläuft, nahmen kürzlich die Wahl ihres höchsten Würdenträgers, des Grossmeisters, vor. Der Jude Ernst. N at h a n wurde zu dieser Würde mit grosser Majorität, erkoren. Judenreine Gesangvereine. In der letzten PIenar-Versammlung des St. PöltenerMänner-Gesangvereines wurde von einem Mitgliede der Antrag gestellt, in Hinkunft nur Arier in den Verein aufzunehmen. Der Antrag wurde angenommen. Der bekannle Antisemitenhäuptling und ehemalige Maire von Algier, Max Regis, wurde wegen einer in einer Versammlung gehaltenen Rede, in welcher er den Gouverneur von Algerien überaus heftig an griff, verhaftet. Regis wurde bereits früher, vor zwei Monaten, vom Schwurgerichte wegen seiner zu Mord und Plünderung aufreizenden Reden, die er in seiner Eigenschaft als Maire von Algier hielt, zu drei Jahren Gefängnis und 1000 Francs Geldstrafe verurtheilt. Ein trauriges Recht wurde dieser Tage einem Theile der jüdischen Frauen Russlands verliehen. Der russische Senat fällte nämlich die Entscheidung, dass es den Gattinnen von •Juden, die zur Deportation nach Sibirien verurtheilt sind, entgegen der bisher geübten Praxis freisteht, ihren Männern nach deren Verbannungsorte zu. folgen. Einbruch in eine Synagoge. In der Synagoge von J a e k son vi 11 e, Florida, wurde ein Einbruch verübt. In Ermanglung von Geld — die Armenbüchsen waren tagszuvor geleert worden — begnügten sich die Diebe mit dem Paroches. das immerhin einen Wert von 150 Dollars repräsentierte. Der hohe Percentsatz der jüdischen Schüler an den'höheren Lehranstalten zeigt sich auch recht auffällig an den Mädchenschulen. Die Victoriaschule in Berlin hatte am I. Februar .499 christliche und 200 jüdische Schülerinnen, die Luisen- S' hule 473 christliche und 253 jüdische und die Margarethen-, Schule 384 christliche und 310 jüdische Schülerinnen. Arische Zahntechniker. In Oesterreich ist eine „Freie Vereinigung nichtconcessionierter Zahntechniker“, die ausschliesslich aus „Ariern“ besteht, in Bildung begriffen. DeutschbÖfimen. Der deutschnationale Antisemitismus treibt in Böhmen fortdauernd frische Blüten. Die Zahl der „radicalen“ Blätter, in denen die Juden eines bestimmten JJistrictes einmal oder zweimal wöchentlich besudelt werden, nimmt munter zu. Mit dem 29. April erscheint in Karlsbad ein neues deutschnational-antisemitisches Blatt die „Wacht an der Eger“. Berücksichtigung jüdischer Feiertage. Der Landtagsabgeordnete für Berlin Dr. Max Hirsch hat dem Minister des Innern Freiherrn v. d. Recke im Aufträge des deutschisraelitischen Gemeindebundes eine Petition um Berücksichtigung der jüdischen Feiertage bei Festsetzung von Messen und Märkten überreicht. Die Petition hat folgende Vorgeschichte. Der Magistrat der Stadt Kottbus nahm in früheren Jahren bei Festsetzung der Frühjahrs- und Herbst - markte auf die jüdischen Feiertage Rücksicht und erfuhr deshalb zahlreiche Angriffe. Im November vorigen Jahres wurde der Herbstjahrinarkt 1899 auf einen Termin festgesetzt, der mit dem jüdischen Neujahrsfeste zusammenfällt. Trotz der von den Interessenten der jüdischen Synagogengemeinde und deren Prediger beim Magistrate, sowie bei der Regierung in Frankfurt a. d. O. unternommenen Schritte gelang es nicht, eine Verlegung des Jahrmarktes zu erwirken. Endlich legte sich der deutsch-israelitische Gemeinde!)und ins Mittel und veranlasst die Abgeordneten Dr. Kirsch und Rickert zur Abfassung der vorerwähnten Eingabe! Der Minister nahm die Petition wohlwollend unter Zusage sorgfältiger Prüfung entgegen. Sollte es, äusserte er, nach der Lage der Sache in diesem Falle zu spät sein, eine Aenderung zu treffen, so werde er gewiss für die Zukunft die Angelegenheit im Sinne der Bittsteller regeln und den zuständigen Behörden eine Berücksichtigung der hohen jüdischen Feiertage anempfehlen. Personalnachricht. Herr Meier Hübner (Nadworna) hat sich mit Fräulein Pepi Wundermaim (Pasicezna) verlobt. — Unser Gesinnungsgenosse und A. H. der „Kadi m all“ Herr Dr. Josef Burstyn, Rabbiner und k. lc. Feldprediger in Ung.-Hradisch, Sohn des Herrn Oberrabbiners Pinkas Burstyn in Sereth. hat sich mit Fräulein Camilla T a u b e r. Tochter des Herrn Rabbiners Dr. Jakob Tauber in Prerau, verlobt. G Correspondenzen. England. London, 31. März. Die vergangene Woche könnte man die Bankwoche nennen, und eine richtige, tüchtige dazu. Im Centrum eines riesigen Häuserblockes, in der Nähe eines der grössten Bahnhöfe Englands und der Kreiizungsstelle zweier Localbahnen, unmittelbar hinter einer, erst kürzlich geschlossenen katholischen Kirche hat sich die Jüdische Colonialbank etabliert. In die fünf Sale, die das Bureau der Bank ausmachen, hallt unablässig der monotone Lärm der kommenden und abführenden Züge. Beim Eintreten sieht man linker Hand den Archivraum, der zur Aufbewahrung der Documenta dient, geradeaus steht, von einem Messinggeländer ein gefriedet, der Zahltisch, hinter dem An-