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Die Welt · 1899-04-14 · 15 (14.4.1899) · p. 9

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
15 (14.4.1899)
Article
Brief aus Lodz
Date
1899-04-14
Page
9 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 15 „Die A Welt“ Seite 9 dürften wohl nicht in Betracht kommen.) Daher der Mangel an allem, an Schulen, Creditanstalten, Arbeitergenossenschaften, Consumvereinen und dergleichen; daher die Desorganisation auf allen Gebieten, selbst auf dem der Armenpflege. Die letzte Volkszählung hat ergeben, dass die Zahl der Personen, welche die Landessprache weder schreiben, noch lesen können, bei den Juden ebenso gross ist, wie bei den Lartaren. Die Intelligenz und die besitzenden Classen rührten keinen Finger für die leidende Masse und fühlten nicht einmal, dass sie etwas thun müssen. Infolge des Mangels an einem öffentlichen Leben war der Gemeinsinn äusserst schwach, entwickelt. Das Nationalgefühl der Masse war ein Gemisch von religiösem Gefühl und .Geselligkeitstriebe, aber kein Gemeinsinn, denn es beruhte nicht auf dem Bewusstsein der Interessengemeinschaft, man fühlte keinen Antrieb, den bedrängten Brüdern zu helfen. Die quälende Unruhe und Entrüstung, die andere Völker empfinden, wenn auch nur einigen ihrer Volksgenossen in einem entfernten Lande Unrecht geschieht, waren bei uns fremd. Für die aus Moskau Ausgewiesenen wurden seinerzeit in ganz Europa Unterstützungs vereine gegründet, in Russland that man für sie nichts. Diesen unleidlichen Zuständen machte der Zionismus mit einemmale ein Ende. Er führte dem Judenthume einen frischen, mächtigen Lebensstrom zu, der die Geister immer mehr fortreisst. Alles regt sich, alles hofft, alles strebt, alles arbeitet, alles organisiert sich. Noch haben wir die oberwähnten fehlenden Anstalten nicht geschaffen, aber die Voraussetzung ist bereits vorhanden, nämlich der Gemeinsinn. Und dieser bethätigt sich bereits. Die Jugend schliesst sich in Kreisen zusammen, um die hebräische Sprache, die jüdische Geschichte und Literatur und die ökonomische Lage der Juden zu studieren, die Masse ist vom Streben nach einer Wiedergeburt, sowohl im europäischen, als im jüdischen Sinne, beseelt und opfert diesem Streben die ihnen so karg zugemessene Zeit und auch Geld; die Intelligenz sucht das Volk zu belehren. Ein geradezu eclatantes Beispiel von der siegreichen Macht der zionistischen Idee bietet unsere Stadt. Sie ist eine rnercantile Stadt, wie kaum eine zweite in Bussland. Hier fanden keine anderen Werte Anerkennung, als die, welche bei den Banquiers gangbar sind, und nichts hatte Credit, was nicht in klingende Münze umgesetzt werden konnte. War das gesammte Leben der russischen Juden in socialer und geistiger Begiehung eine Wüste, so war Lodz, wenn man sich so ausdrücken kann, eine Wüste in der Wüste. Jeder Versuch, das geistige Niveau der Bevölkerung zu heben, scheiterte. Dem Zionismus gelang es aber, viele Herzen zu erwärmen und viele Geister aufzurütteln, und die bereits erzielten Resultate lassen mit Zuversicht erhoffen, dass das rege geistige Leben, welches zur Zeit nur erst in engeren Kreisen herrscht, bald die ganze Stadt ergreifen werde. Eine bedeutende Anzahl von zionistischen Vereinen und Kreisen*) entwickelt hier eine rege Thätigkeit. Am erspriesslichsten arbeitet der hiesige Culturverein. Sein erstes Werk war die Gründung eines Frauen verein es, der bereits sehr segensreich gewirkt hat. Er besteht aus einer literarischen und einer pädagogischen Section. In der literarischen Section werden Vorträge über jüdische Geschichte und Literatur gehalten, woran sich Discussionen anknüpfen, und interessante Werke über das Judenthum vorgelesen. Auch ein Fragekasten ist eingeführt worden, und die hineingeworfenen Fragen werden Damen, die sich dazu melden, zum Studium übergeben, und die Beantwortung bis zur folgendenTagung verschoben. DieDamen, die bisher nicht nur vom Judenthume nichts wussten, sondern auch nichts wissen wollten, legen nun ein reges Interesse für alles Jüdische an den Tag und haben bereits in einer Reihe glänzender Vorträge gezeigt, was man mit Eifer und Lust zur Sache selbst in kurzer Zeit leisten kann. Solche Anfänge dürfen nicht unterschätzt werden. Angesichts der Gefahr, in welcher das Judenthum schwebt, ist jeder Stein, welcher zur Wiederaufrichtung des schwankend gewordenen Gebäudes herbeigeschleppt wird, ein wertvoller Schatz. In unserer unglückseligen Zeit, wo unsere Intelligenz fremde Schriftsteller feiert und das Los der hebräischen Schriftsteller Armut und Verachtung ist, ist jedes Zeichen der Umkehr eine frohe Botschaft, die den Anbruch einer besseren Zeit verkündigt. Die pädagogische Section hat sich vorwiegend praktische Aufgaben gestellt, doch werden in dieser Section auch Gegenstände jüdischen, pädagogischen und hygienischen Inhaltes vorgetragen, bezw. vorgelesen und discutiert. *) Anmerkung. Wir sprechen von anticipierten Vereinen und Kreisen, die in der Voraussetzung, dass sie bald dazu die Concession erlangen werden, sich in unbestimmten Zeiträumen gelegentlich versammeln. Besondere Aufmerksamkeit wird da der Frage der Erziehung im nationalen Geiste zugewendet. lieber dieses Thema wurde oft debattiert und von allen Seiten ist das Vorhandensein eines Nothstandes in dieser Beziehung constatiert worden. Der Nothstand besteht darin, dass in den Häusern, wo die Kinder eine europäische Bildung gemessen, für ihre Entwicklung in jüdischem Geiste nichts gethan wird. Geradezu hervorragend ist die Leistung der pädagogischen Section auf praktischem Gebiete. Neunzig junge Mädchen, bezw. Frauen ertheilen 140 armen Mädchen unentgeltlichen Unterricht und widmen sich dieser edlen Sache mit grossem Ernst und Eifer. Auch eine Abendschule für Mädchen wird die Section bald eröffnen. Auf die Initiative des Cultusvereins und mit demselben arbeitet der Damen verein noch an der Gründung einer Bibliothek für Hebraica und Judaica. Vor der Gründung des Vereines stand es mit der geistigen Regsamkeit der Frauen in jüdischen Dingen noch schlimmer als bei den Männern. Es ist erfreulich, dass ein solcher Umschwung eingetreten ist. Jetzt gibt der Frauenverein seinen Mitgliedern Nahrung für Geist und Herz und bietet ihnen eine in jeder Beziehung wohlthuende und fruchtbringende Beschäftigung. Er ist eine Schule für die Mütter und für ihre Kinder. In dem Masse, in welchem die Mütter ernster werden, werden sie auch ihre Kinder ernster erziehen, d. h. für den Ernst des Lebens, nicht für das Spiel des Salons. Durch die Beschäftigung mit der Pädagogik und der Literatur werden sie hoffentlich ball die Erkenntnis gewinnen, dass es wichtiger sei, in einer Sprache zu denken, als in einigen Sprachen gedankenlos zu conversieren. Die zweite Schöpfung des Culturvereines sind drei Abendschulen für Kinder und Erwachsene, welche den ganzen Tag in Fabriken oder zuhause beschäftigt sind. Dieselben werden 13 Stunden wöchentlich in den jüdischen und Elementargegenständen unterrichtet. Dabei legen die meisten Schüler eine bewundernswürdige Energie an den Tag. Manche arbeiten bis 8 Uhr abends und stellen sich pünktlich um halb neun in der Schule ein, wo sie bis halb elf verbleiben. Es gibt unter ihnen Leute von mehr als zwanzig Jahren, welche so beschränkt sind, dass es ihnen schwer fällt, den Unterschied zwischen a und o zu begreifen, und trotzdem lassen sie sich diese trockene, langweilige und mühselige Arbeit nicht verdriessen und versäumen keine einzige Lection. Bei Eröffnung dieser Schulen hatten wir Gelegenheit zu erfahren, wie entsetzlich gross dieNoth an Schulen sei, und wie sehr wir uns an unseren Armen bisher versündigt haben. Das Gedränge im Hofraume und auf den Treppen des Talmud-Thora-Gebäudes, wo die Aufnahme stattfand, war jeden Abend enorm, und die Beklemmung und marternde Ungeduld, die sich in den Gesichtern der Petenten malten, waren herzzereissend. Die meisten mussten wegen Mangels an Platz ab gewiesen werden. Als Menschen wie als Juden müssen wir uns eines solchen Zustandes schämen. Da waren doch unsere Väter besser als wir „Modernen“. Sie hatten immer Geld für diejenigen, die lernen wollten, und gaben ihnen nicht nur Lehrer, sondern auch ihren Lebensunterhalt! Auch wir könnten eine bedeutende Anzahl von Schulen gründen. Das ist ein neutrales Gebiet, wo selbst die Polen „mosaischen Glaubens" mit uns zusammen arbeiten können. Auch von den Stockfrommen haben wir das Recht, Unterstützung zu erwarten. Und bald muss die Cooperation erfolgen. Wir haben 26jährige Analphabeten — auch in der hebräischen Sprache — gefunden, und wir müssen selbstmitErwachsenen oft beim Aleph-Beth beginnen. Zuletzt wollen wir noch erwähnen, dass der Culturverein eine pädagogische Commission ins Leben gerufen hat zu dem Zwecke, den Unterricht in den Chedarim rationell zu gestalten und bei der Jugend neben dem religiösen auch das Nationalgefühl zu pflegen. Von den übrigen Vereinen und Kreisen werden wir vielleicht nächstens sprechen. X. G Tribüne. ‘Bialystok, den 24. März 18W. G eehrter Herr Re dacteur! Ich bitte Sie höflichst, folgenden Zeilen zur Steuer der Wahrheit in der nächsten Nummer Ihrer geschätzten Zeitschrift Raum zu geben. In Nr. 22 des „Hamagid" meldet der unter dem Pseudonym „Malachi" schreibenden Specialcorrespondent dieses Blattes „Erfreuliches" über die Colonisation Palästinas und verherrlicht die Thätigkeit des Pariser Centraicomitds der „Chowewe Zion" in überschwänglichen Worten. Leid er bin ich nicht in der Lage, sämmtliche Angaben des gedachten Correspondenten auf ihre Wahrheit zu prüfen.

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