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Die Welt · 1899-04-14 · 15 (14.4.1899) · p. 8

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
15 (14.4.1899)
Article
Antisemitische Ausschreitungen in Nachod
Date
1899-04-14
Page
8 (sequence 2)
Language
German
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Seite 8 „Die A Welt44 Nr. 15 Bezirkshauptmann hat sofort die nöthigen Massregeln eingeleitet, um Excesse im Keime zu ersticken. Die Excesse hängen mit dem Strike der Nachoder Weher zusammen. Die Arbeiterbewegung in Nachod datiert vom 16. Februar d. J., an welchem Tage der Strike der Weber ausbrach, welcher bis zum 22. März dauerte. Von da ab waren die Arbeiter bereits in alle Fabriken zurückgekehrt; nur in der Jakob Pick’schen Weberei feierten noch 160 Mann. Die Revolte brach plötzlich auf ein förmliches Commando einiger Hetzer aus. Hausdurchsuchungen finden nicht allein in Nachod,. sondern auch in der Umgebung statt und haben fortwährend Verhaftungen zur Folge. In einzelnen Fabriken wurden im Laufe des Tages mehrere compromittierte Arbeiter direct vom Webstuhl weg verhaftet. Die Commissäre begaben sich in Begleitung von Militär-Abtheilungen bis zu 20 Mann in die Arbeitssäle und nahmen die Verhaftungen vor. Die Genossen der Verhafteten Hessen dies ganz anstandslos geschehen. Auf Grund der Hausdurchsuchungen, welche noch immer fortgesetzt werden, sind mehr als hundert Verhaftungen vorgenommen worden; die meisten der Verhafteten wurden gefesselt nach Königgrätz gebracht. Der Schaden wird auf 70.000 fl. geschätzt. V Dr. Alrrander Marmorek in Wie«. (Schluss.) Nach dem Vortrage Dr. Marmoreks wurde über Antrag Dr. Herzls eine Discussion eröffnet. Als erster eoutru-Redner trat ein Herr Dr. Alois P o l l a k ans. Er erklärte, der Zionismus widerspreche der Mission des Judenthums und mache es zu einer Caricatur, der Zionismus compromittiere die Juden und setze sie vor der Welt herab. (Lebhafter Widerspruch.) Die berufenen Vertreter des Judenthums seien die Rabbiner und die Vorsteher der Gemeinde. Er könne den Zionismus nicht acceptieren, denn auch diese Vertreter hätten sich gegen den Zionismus erklärt. Dr. H e r z l (von stürmischem Beifalle begrüßt) vermisst in den Ausführungen des Herrn Dr. Pollak Gründe für seine Behauptungen, insbesondere dafür, dass die Zionisten das Judenthum compromittieren und erniedrigen. Er weist auf den Zustand hin, in welchen das Judenthum von den sogenannten „berufenen Vertretern" gesetzt wurde, und wie es die Zionisten übernommen hätten. „Denn," so fährt der Redner fort, „wir haben es thatsächlich übernommen, wir sind die Vertreter des Judenthums, sträuben Sie sich dagegen, wie Sie wollen (Lebhafter Beifall). Alles, was im Judenthume triebkräftig, jung und stark ist, schließt sich uns an, und nur, was träge, unfähig ist, sich neuen Gedanken anzuschließen oder auch nur die alten ordentlich zu conservieren, ist gegen uns. Wir haben die Juden! in einem Zustande übernommen, in welchem die Bezeichnung „Jude" als Schimpfwort, für das man Genugthuung fordert, gilt. Und in diesem Zustande compromittieren und erniedrigen wir das Judemhum?" Redner deutet sodann auf die Umwälzung in der öffentlichen Meinung Europas und Amerikas in den letzten drei Jahren bezüglich des Zionismus hin, der heute achtunggebietend dastehe, sowie auf die den Führern der zionistischen Bewegung zutheil gewordenen, in der Geschichte einzig dastehenden Auszeichnungen. Wenn Doctor Pollak von diesem Umschwünge nichts wisse, dann sei er in dieselben Mauer» eingeschlossen, welche die „berufenen Vertreter" des Judenthums um die Juden errichteten, die sie zu einem Widerstands-, ehruud rechtsunfähigen Körper gemacht haben. (Lebhafter Beifall.) „Wir wollen", schließt Dr. Herzl, „in diese Mauern eine Bresche schlagen, wir haben schon angefangen, wir werden sortfahren. Es ist einfach eine leere Phrase) dass die zionistische Bewegung nicht für die Menschheit wirkt.! Wenn wir verschiedene socialpolitische Probleme durch praktische Thaten lösen, haben wir nicht nur für die Juden, sondern für die ganze Menschheit gearbeitet." Dr. Alois Pollak will in längerer Ausführung seine Behauptung, der Zionismus sei eine Caricatur des Judenthums und comprountiere es, begründen. Er sagt, das Judenthnm sei international und nicht an die Scholle gebunden, eine Weltreligion, die die Menschheit einigen soll in den Idealen der Freiheit uud Liebe. Durch die Beschränkung auf Palästina werde das Judenthum herabgesetzt. (Gelächter.) Palästina sei für die Juden ebensowenig ein geographischer Begriff, wie das Judenthum eine Nationalität. (Zischen und Gelächter.) Dr. Herzl constatiert, dass Dr. Pollak sich nach seiner Begründung des Wortes „compromittieren" nicht im Einklänge mit dem Sprachgebrauch befinde. Hierauf sprach in ausgezeichneter Weise Aork- Steiner gegen den Contra-Redner. Herr Dr. Alle r h and schließt sich den Ausführungen des Dr. Pollak an und legte namentlich Wert darauf, dass das jüdische Volk seine Mission noch nicht erfüllt habe. Nur deshalb existiere es noch. In prächtiger Weise widerlegten Dr. K ö n i g st e i n und Doctor Leopold Kahn den Vorredner. Ueber Antrag Dr. Herzls wird sodann folgende Resolution mit allen gegen drei Stimmen angenommen: „Die hier Anwesenden sind von den Aufklärungen, die sie von den Rednern erhalten haben, befriedigt und finden, dass der Zionismus, wie er hier auseinandergesetzt worden ist, einem Bedürfnisse des jüdischen Volkes entspricht." (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Nach Annahme der Resolution erklärte Dr. Fuchs: Dr.Pollak habe auf „höheren" Befehl und in „höheren" Diensten gesprochen. Aber so wie Moses im Jubeljahre allen Leuten, die die volle Krippe der Freiheit vorzogen, das Ohr an den Thürpfosten heften ließ, so gehören auch die Leute, denen heutc die Krippe höher stehe als die Freiheit, an diesen Thürpfosten. (Lebhafter Beifall.) Zum Schluffe forderte Architekt Marmorek zu einer regen Betheiliguug an der Subscription für die Jüdische Colonialbank auf. Mit großer Wärme trat er dafür ein, dass alle Juden, Zionisten oder Nichtzionisten, im Interesse desjüdischen Volkes sich vereinigen und zum Gelingen der Ban! beitragen möge». Um 3/4l2 Uhr nachts konnte erst der Vorsitzende Dr. M. T. S ch n i r e r die Versammlung schließen. Den Veranstaltern derselben, namentlich Herrn Dr. Benedikt, gebürt die wärmste Anerkennung für ihre Bemühungen. G Brief aus Lodz. Der beste Beweis für die Wahrheit und historische Berechtigung einer Idee ist das spontane Auftreten derselben. Das Merkmal einer solchen Idee trägt der Zionismus an sich. Spontan tauchte er'auf und spontan verbreitete er sich unter den breiten Schichten des Volkes in allen Ländern und Welttheilen. Der Antisemitismus war nur seine nächste Veranlassung, aber nicht sein Erzeuger. Es existierten auch früher ähnliche Bestrebungen, aber die Schwungkraft der Idee kam ganz unvermittelt. Kaum war das Wort Zionismus in die Welt geworfen, so durchzuckte es alle jüdischen Herzen wie ein Blitz. Nicht alle waren überzeugt aber alle, Freunde und Gegner, waren bewegt. Am augenfälligsten ist der spontane Charakter des Zionismus in Russland und in Polen. Da hat derselbe in kurzer Zeit einen geistigen Aufschwung hervorgerufen, wie es der gewöhnliche Lauf der Geschichte kaum in einem halben Jahrhunderi vermöchte. Das sociale Leben der jüdischen Gemeinschaft war früher ganz verwahrlost. Das jüdische Volk lief Gefahr, nicht nur proletarisiert, sondern geradezu zu einem Bettlervolke zu werden, und keiner dachte daran, irgendwelche Anstalten ins Leben zu rufen, um das Elend einigermasser zu mildern. Das Gros der jüdischen Bevölkerung besteh! jaus Kleinhändlern und Handwerkern ohne Capital. Es wurde jlaber von keiner Seite etwas unternommen, um den*! »dringenden Bedürfnisse nach billigem Credit und auch nach IlFortbildungsschulen entgegenzukommen. (Einzelne Anstaltei

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