Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 15 (14.4.1899)
- Article
- [Ohne Titel] / Rosenberger, Erwin
- Date
- 1899-04-14
- Page
- 7 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 15 „Die A Welt“ Seite 7 die Truppen in den einzelnen Judenhäusern dauernd einquartieren. Bei reicheren Juden mehr, bei ärmeren Juden weniger Mannschaft. Das würde aber sehr viel Umständlichkeiten machen und dürfte schwerlich durchführbar sein. * * * Noch eine alte Erfahrung hat sich bestätigt: Der Jude macht alle gleich — ein Sprichwort, das sonst nur auf den Tod Anwendung findet. Mag der Jude in civilisierten oder halbbarbarischen, in gemäßigten oder ungemäßigten Zonen wohnen, der nichtjüdische Mitbürger wird ihm zu geeigneter Zeit in dergleichen vandalischen Gestalt entgegentreten. Die Judenheit ist eine unfreiwillige Ciree, die durch ihre Berührung die anderen in Thiere verwandelt. Als vor mehreren Wochen, zur Zeit der galizischen Judenkrawalle der galizische Bauer zum raubenden, zerstörenden Thiere wurde, da hat vielleicht mancher die Metamorphose nicht für gar so ungeheuerlich und unglaublich angesehen, weil der galizische Bauer keine allzugroße Strecke zurücklegen rnuss, um von seinem normalen Zustande 31111t thierischen Culturniveau zu gelangen. Aber Böhmen liegt heute nicht mehr, wie zur Zeit Shakespeares, am fernen, civilisationsfremden Meeresstrande, die böhmischen Wälder sind seit Spiegelbergs Zeiten doch etwas ausgerodet worden, und die beiden Vocabeln — Boheme und Zigeuner — sind weiter auseinandergerückt. Und gleichwohl das verblüffend gleiche Verhalten des böhmischen Arbeiters und des galizischen Bauern. Nachod könnte eine Tochtereolonie von Neusandee sein. Und wir können getrost annehmen, dass jede beliebige Stadt in jedein anderen Lande, wo Juden wohnen, im entsprechenden Augenblicke zu Neusandee in das gleiche Verwandschaftsverhältnis treten kann. * * * „Arbeiter" waren es, die in Nachod nach Banditenart zur Nachtzeit in die Häuser der Juden eingebrochen sind. Auch dieser llmstand ist sehr belehrend. Ten verschiedenen „Arbeiterzeitungen" ist die Affaire Nachod, wie leicht begreiflich, sehr unangenehm, und in ihrer Verlegenheit suchen sie den Thatbestand ein bisschen anders zu beleuchten. Wie gesagt, das ist zu begreifen, jeder Verlegene handelt so. Aber die socialdemokratischen Parteiblätter haben eigentlich gar keinen Grund zur Verlegenheit. Niemand wird die Partei für Judenercesse, die von nichtjüdischen Arbeitern vollführt werden, verantwortlich machen. Gewiss, der socialdemokratische Katechismus verdammt antisemitische Krawatte aufs entschiedenste, und manchen Arbeiterführern, zumal jüdischen, wäre es sehr lieb, könnten sie die Nachoder Excesse ungeschehen machen. Und dabei wird sich ihnen eine Ueberzeugung aufdrängen: Kein socialistisches Prograinm, und wenn es auch aus noch soviel Punkten besteht und noch so logisch gegliedert ist, wird imstande sein, dem nichtjüdischen Durchschuittsarbeiter den instinetiven Judenhass wegzudisputieren. Keine noch so energische Parteidisciplin wird sich bei bestem Willen dauernd verbürgen können, dass es gelingen werde, die gelegentlich auflodernden Ausbrüche dieses Hasses zu unterdrücken. So wird es bleiben, dem judenfeindlichen Jnstinete gegenüber ist jede Gleichheitstehre, ist jeder Parteidrill machtlos. Die Juden aber werden sich an Nachod eine Lehre nehmen. * * Die Arbeiterzeitungen — in begreiflicher Verlegenheit — erklären, dass sich an den Excefsen keine „organisierten" Arbeiter betheiligt haben. Gut, nehmen wir an, dass dem so ist, so bleibt dennoch Folgendes aufrecht: Der Nachoder Strike ist von organisierten Arbeitern ansgegangen, sie sind der Herd, der die Aaubgesellen mit der nöthigen Erregung versorgt und gegen die Häuser der Juden gelenkt hat. Die organisierten Arbeiter haben nicht das geringste gethan, um die „Nichtorganisierten" Arbeiterstrolche von Gewaltthaten abzuhalten. Sie waren gegenüber der Wuth des Llrbeiterpöbels machtlos? Das ist es eben. Der beschwichtigende Zuspruch wird immer an brutalen Jnstincten machtlos abpralleit, die Organisation wird an den wüsten Regungen des Judenhasses zuschanden. Da lasst sich nichts thun. Der Elassenkampf nimmt, wenn er sich gegen einen Inden kehrt, die roheste Form an, der Ausstand wird zum Excess. Die Stinkenden, die ihren Lohnkampf gegen einen christlichen Unternehmer mit Vermeidung gewaltthätiger Mittel führen, werden, wenn sie dem jüdischen Arbeitsgeber gegenüberstehen, zu gemeinen Wegelagerern. Die Strauchdiebe im Arbeiterkittel haben jüdische Geschäftsleute um Hab und Gut gebracht. Die Geschäftsleute sollen — wir wollen auch darauf entgehen — den Fabrikanten unterstützt haben. Der christliche Händler wird, wenn er sich auf die Seite irgendeines Fabrikanten stellt, boyeottiert, man nimmt ihm keine Waren ab. Dem jüdischen Geschäftsmanne hingegen nimmt man die Waren bereitwilligst ab — mit Hilfe von Stemmeisen und anderen Einbruchswerkzengen. Und bei dieser Gelegenheit geht man auch über die Depots von jüdischen Kaufleuten, die mit der Lohnstreiterei in gar keinem Zusammenhang stehen. Siehe Nachod. — Die Juden werden sich an Nachod eine Lehre nehmen. Erwin Rosenberger. V Antisemitische Ausschreitungen in Nachod. In N acho cl in Böhmen fanden in der Nacht vom 5. auf den 0. April empörende antisemitische Excesse statt. Geschäftsläden und Wohnungen von Juden wurden von einer singenden, betrunkenen Menge beim Klange einer Ziehharmonika geplündert und theilweise demoliert. Von den Behörden erhielten die Juden keine Unterstützung. Militär traf erst spät ein. Die excedierende Menge hatte vollständig freies Spiel. Fünf Gendarmen und der Bezirkscommissär standen während der ärgsten Greuelscenen thatlos am Marktplatze. Um Mitternacht veranstalteten die Plünderer eine Auction : „Hier ein Rock! Wer will ihn? Hier ein Sonimer-Ueberzieher, ganz umsonst! Wer braucht ihn?'' Dieses Treiben dauerte ungestört länger als eine Stunde. Um 3 Uhr früh erscholl Feuerlärm. Die Excesse trugen einen specifisch antisemitischen Charakter, was schon daraus hervorgellt, dass eine Anzahl jüdischer Familien und Geschäftsleute, wie der Kaufmann Strass und der Branntweinhändler Lewith, von den Plünderern nur aus dem Grunde verschont wurden, weil der Besitzer des Hauses, in welchem sie wohnten, Christ ist oder weil die Excedenten die Fensterscheiben und Waren - vorräthe eines christlichen Nachbars nicht beschädigen wollten. In welch grossem Stile die Raubzüge unternommen wurden, beweist der Umstand, dass ein grosser Th eil der gestohlenen. Waren auf freien}. Felde und in ruhigen Strassen aufgefunden wurde. Erst am ä. April, morgens traf aus Josefstadt eine Militärabtheilung in der Stärke von JOO Mann und A) Offieieren in Nachod ein, welche den Plünderungen ein Ende machte und die Ruhe wieder herstellte. Doch hielten noch in den Morgenstunden einzelne Weiber Nachlese auf der Strasse, um aus den geplünderten Läden das, was noch übrig geblieben wai, zusammenzuraffen; niemand hinderte sie daran. Bemerkenswert ist der Umstand, dass auch mehrere Schlosser verhaftet wurden, die beschuldigt erscheinen, Rollbalken und Gewölbethüren der geplünderten Geschäfte erbrochen zu haben. Dieses Moment deutet darauf hin, dass die Excesse wohl vorbereitet waren, denn die Schlosser sind mit Einbruchswerkzeugen nur dann versehen, wenn sie ihrer bedürfen. Dass übrigens, wie liier immer betont wurde, nach einem wohldurchdachten Plane vorgegangen wurde, dafür spricht eine ganze Reihe von Thatsachen, und czeehische Blätter constatieren in den Berichten über die Excesse einleitend wörtlich, „dass das, was jeder einsichtige Mann schon früher vorhergesehen hat, auch facti sch in Nachod eingetreten ist". Aus Kosteletz, woselbst sich die Fabrik der Firma Leopold Abeies befindet, wird gemeldet, dass auch dort mehreren Juden Fenster eingeschlagen wurden. Der