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Die Welt · 1899-04-14 · 15 (14.4.1899) · p. 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
15 (14.4.1899)
Article
Stimmungsbilder aus London
Date
1899-04-14
Page
6 (sequence 2)
Language
German
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Seite 6 Nr. 15 „Die A Welt<‘ ständig eingerichtet werden und unermüdlich von früh bis abends wird nichts anderes gethan als eingepackt und versendet. Ebensogross wie der Unterschied zwischen unserem Personal und dem englischen Durchnittsbeamten ist, der um i Uhr nachmittags sein Pult verlässt, ist auch unser englisches Directorat und die beiden Gouverneur-Vertreter andersartig als der traditionelle „Guinea-pig“-Director. Letzterer kommt zu der, ganz in der Zeit seiner Convenienz anberaumten Sitzung, in der Mittagsstunde, erledigt die spärlich vorliegenden Fragen und begibt sich in das neben dem Sitzungssaale liegende Speisezimmer, wo auf ..Generalulikosten" ein opulentes Luncheon für die berathenden Häupter aufgetragenen ist: nachdem er es sich an all den Deli catessen hat wohl sein lassen, eassiert er seine Guinea als Honorar ein und ruht sich in einem seiner Clubs von seinen Mühen aus. Wie anders unsere Herren! Unbesoldet und ohne opulente Bewirtung aus der Lasse der Actionäre. kommen sie, so wie sie der Ruf des General-Secretärs erreicht, sie entziehen sich ihren eigenen Berufen, die die Londoner Entfernungen und Verhältnisse aufreibend genug machen; sie kommen und berathen bis in die Nachl hinein, wenn nöthig, wie alles zum Besten, zum Nützlichen einzurichten sei, und wenn wohl auch manchesmal die Geister aufeinander platzen, die gemeinsame Liebe zu der heiligen Sache bringt doch alles zu einem harmonischen Zusammenklingen. Eine Erklärung. Vom Secretariate des Actionscomites erhalten wir die nachstehende Erklärung: ..Ein sehr geschätzter Gesinnungsgenosse theilfc in einer Zuschrift an das Action sc omite mit, dass in manchen Kreisen die Nachricht verbreitet werde, die Bank solle zur Bekämpfung der Orthodoxie dienen, und was dergleichen Unsinn mehr ist. Wir brauchten eigentlich nicht erst zu erklären, dass diese und ähnliche Behauptungen plumpe Erfindungen sind. Die Bank ist ein rein, finanzielles Institut zur Ausführung der Baseler Beschlüsse. Mit sogenannten „Culturzweeken“ ist sie nicht verquickt und darf sie nicht verquickt werden. Diese Aufklärung wird wohl genügen." London 12. April (Telegramm). Nach den bisher eingelaufenen Anmeldungen ist das Zustandekommen der Bank als gesichert anzusehen. G Die Woche. Wien, 12. April 1899. Die böhmischen Wälder haben ein Lebenszeichen von sich gegeben. In dem böhmischen Städtchen N ach o d ere'gnetn sich in der Nacht vom 5. auf den 6. April Judenexeesse. Und um dieselbe Zeit fanden in demselben Städtchen Arbeiterexeesse statt. „Arbeiterexeesse in Nachod", „Jndenexeesse in Nachod" — die beiden Neuigkeiten erschienen am gleichen Morgen in den Blättern. Ein merkwürdiges Zusammentreffen. Die Theilnehmer der genannten beiden Exeesse zeigten ein nicht ganz übereinstimmendes Benehmen. Das Excedieren der Juden bestand darin, dass ihnen die Geschäftsläden demoliert und ansgeplündert wurden, das Excedieren der Arbeiter bestand darin, dass sie Kaufgewölbe ausraubten und verwüsteten. Da N a ch o d eine kleinere Stadt ist, so waren die Wirkungsstätten, die den beiden Gruvpen der Exeedierenden zur Verfügung standen, räumlich stark beschränkt und eingeengt, und es konnte daher nicht verhütet werden, dass die zwei Excessgebiete sich da und dort ganz nahe berührten, oder sich vielleicht theilweise örtlich deckten, oder gar in der ganzen Ausdehnung vollständig zusammenfielen und verschmolzen. Und man konnte recht wohl von einer gegenseitigen ergänzenden Verknüpfung der beiden Excessthätigkeiten sprechen. Das Excedieren der Juden griff harmonisch vervollständigend hinüber in das Excedieren der Arbeiter, es war eine abgemessene Arbeitstheilnng der beiden betheiligten Factoren zur Erzeugung bestimmter Producle. Die Juden lieferten das Rohmaterial: Fertige Kleider, fertige Selch-, Bäcker-, Tischler- und Glaswaren. Und aus diesen Rohprodueten stellten die Arbeiter nun die Ganzfabrieate her: Glasscherben, Holzsplitter, Kleiderfetzen, Speisereste u. dgl. Die judenfeindlichen Ausschreitungen in Nachod liefern charakteristische Beiträge zur Judenfrage. Es zeigt sich, dass nicht nurfür die besitzlosen, sondern auch für die besitzenden Elasten der Inden das eiserne Gesetz der Judennoth gilt. In der Regel schreiben wir den reichen Juden höchstens eine „moralische Judennoth" zu. Eine wohlausstaffierte Wertheimer-Casse scheint das massivste Bollwerk gegen materielle, physische Judennoth zu sein. Denkt man an den jüdischen Capitalisten, so sieht man einen unbehelligten, Mann vor sich, der mit sicherem, behäbigem Lächeln ein Päckchen Wertpapiere in den feuerfesten Schrein legt; nur dann, wenn sein Blick auf das antisemitische Zeitungsblatt fällt, in das die Wertpapiere zufällig eingehüllt sind, dann seufzt der reiche Jude leise auf. Dieses halbunterdrückte, sentimentale Seufzen, das im übrigen den bequemen Verlauf eines zinsenreichen Daseins nicht allzu heftig stören kann, konnte als moralische Judennoth bezeichnet werden, und man mochte annehmen, dass der besitzende Jude gegen grobe Formen des semitischen Rastenleides so ziemlich gefeit sei. Nachod hat bewiesen, dass sich die Judennoth allstündlich auch zum wohlhabenden Juden den Weg mit Knüppeln und Straßensteinen zu bahnen weiß. In der windgerüttelten Baracke des galizischen Proletariers nistet die Judennoth als ständige Mitwohnerin, aber auch vor dem Ringstraßenpalais des jüdischen Millionärs, vor der Comptoirthür des jüdische.n Kaufmannes steht die Judennoth und wartet. Beim armen Juden sitzt sie mitten in der Stube, beim reichen Juden hält sie den Thürdrücker in der Hand, zum Eintreten bereit. Beiur besitzlosen Juden ist sie endemisch, beim besitzenden Juden kann sie jeden Moment epidemisch anftreten. Banditenstreiche ä la Nachod liegen überall, wo Judenhäuser sind, in der Luft. Finden sich die entsprechenden Aufwiegler, dann ist ein Raubzug, der den wüstesten Scenen eines Ueberfalles in „Wildwest" aufs Haar ähnelt, im Nu arrangiert. Eine beutegierige Horde nichtjüdischer Mitbürger wirft sich in der Dämmerung auf die Häuser der Juden und plündert und brandschatzt nach Herzenslust. Kahle Wände, heruntergeristene Tapeten, das ist typisch-jüdischer Decorationsstil. Nachod bat den Beweis erbracht. Und je reicher der Jude ist, desto mehr neigt er zur materiellen Judennoth, weil der Schein des gehäuften Geldes die Plünderer stärker anlockt. Man könnte sagen: Je reicher der Jude wird, desto mehr nähert er sich der Verarmung. Der ausgeleet Geldsack, eingeäscherte Häuser und die Eeremonie „Sack und Asche" — das sind zwei Bilder, die in der Geschichte der Juden nahe verquickt sind. Der Bettelstab, der an einem Haar über dem Haupte des Juden hängt, sollte zum jüdischen Nationalzeichen erwählt werden. ❖ # Gendarmen, Polizei, Militär — mit diesen drei Worten auf den Lippen schlummert der besitzende Jude abends ruhig ein und lächelt im Traume. Der Traum gaukelt ihm eine Schar Engelein vor, die aus weißen Wölkchen schützend und sorgend über dem Hanse schweben. Jedes Engelein ist uniformiert, hat vorne eine Patrontasche und über der Schulter ein scharf geladenes Gewehr. — Die Exeesse in Nachod haben wieder die Erfahrungsregel bestätigt, dass die Schutzeinrichtung, die der Staat und die Gemeinde dem bedrohten Juden zur Verfügung stellen können, im entscheidenden Momente wider ihren Willen versagt. Begreiflicherweise. Die Judenexeesse brechen immer, wenn sie nicht von langer Hand — oder langen Fingern — vorbereitet sind, urplötzlich aus. Wer soll was ahnen? Ein Mittel gäbe es, um die Juden gehörig und zur rechten Zeit zu schützen: Alle Polizei-, Gendarmerie- und Soldatenkasernen anfheben und

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