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Die Welt · 1899-04-14 · 15 (14.4.1899) · p. 5

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
15 (14.4.1899)
Article
Blätterstimmen [Kommentar] / M. Z.
Date
1899-04-14
Page
5 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 15 „Die Welt44 Seite 5 Juden zum Ziele hat, den wohlhabenden Verwandten jener Armen. Ein edles Gefühl, das auch bei Gelegenheit einer Bankgründung von ehrlichen Leuten nicht verspottet wird, beseelt und treibt die Gründer der Bank. Der Pfad für grossartige Entwicklungen liegt frei, sobald die Bank ins Leben gerufen ist.“ In Angelegeheit der J tidischen Coloialbanlc bringt „Hazefirati“ in einer ihrer letzten Nummern ein ihr aus London zugegangenes Schreiben, das gegen gewisse widerlich-pilpulistische Qengeleien unserer sattsam bekannten Stets-Verneiner und Ueberall-Mäkler in vortrefflich gelungener, äusserst verständiger Weise polemisiert. Unter anderem heisst es in der beachtenswerten Zuschrift: „Sieh da, ein nagelneues Thema für unsere Disputanten. Colonialhank, Shares, Gründershares etc. etc. — Hei, wie wonnig lässt slch's da nörgeln und kritteln, umherdeuteln und hineingeheimnissen, dass es seine Art hat! Warum haben die Besitzer der hundert Gründershares das Anrecht auf ebensoviele Stimmen, wie die Inhaber der übrigen Actien zusammengenommen? Die Antwort liegt auf der Hand : Um die Leitung der Bank in gut-zionistischem Sinne zu gewährleisten, damit dieses Unternehmen nicht zum Spielball in der Hand der Actionäre werde. Ja, aber wozu ist denn der „Pi!pul", da, wenn nicht zur Verdrehung einfacher Thafcsachen? Man macht also wacker das Gerade krumm, versucht Kameele durch ein Nadelöhr zu ziehen, und was das Schlimmste und Anwiderndste ist, man bietet eine bizarre Phraseologie auf, einen Schwall von Worten, die an sich recht schön, in ihrer Beziehung zum Gegenstände der Bede jedoch gänzlich widersinnig und unheimlich hohltönend sind. Da faseln gewisse Leute von Volksrechten und deren Wahrung, blasen Lärm wegen der Herrschaft, die sich „einzelne“ angeblich anmassen — allein all diese Verschwendung von Lun gen kraft hat keinen anderen Zweck, als die Luft mit Geschrei zu erfüllen, eine theatralische Entrüstung laut werden zu lassen, die absolut grundlos ist. Was soJl das für eine Herrschaft sein, die sich einzelne Leute anmassen? Dieses Gerede ist gar nicht wert, dass man darauf ein gehe. Die Beschränkung mancher Rechte auf die Gründer war im Interesse der Idee und zum Wohle des Volkes unbedingt nothwendig und durchaus unvermeidlich. Ueberhaupt ist jede einzelne Bestimmung die Frucht gründlicher Berathungen, das Ergebnis zahlreicher Vorschläge, die eingebracht, angenommen und mannigfach modifieiert wurden. Und nun kommen ein paar sachunkundige Tadler, sind mit ihrem abfälligen Urtheile flugs zur Hand und glauben, ein neues Amerika entdeckt zu haben, wenn ihnen irgend ein lächerliches grillenhaftes Bedenken aufsteigt. Mögen diese Herren zur Kenntnis nehmen, dass das Comite, welches sich mit dieser Angelegenheit Jahr und Tag eingehend beschäftigte, nicht das winzigste I-Tüpfelchen unberathen und ausseracht liess, sondern sein Möglichstes that, um dieses Werk unter Berücksichtigung der herrschenden Gesetze auf eine feste, durchaus einwandfreie Grundlage zu stellen, nachdem es das Für und Wider eines jeden Punktes sorgsam erwogen hatte. Es gibt Dinge, deren Aufnahme in das Statut wünschenswert "gewesen wäre, die aber doch nicht aufgenommen werden konnten, da sich ihnen andere Nothwendigkeiten in den Weg stellten. Der Prospect in seiner gegenwärtigen Gestalt ist so abgefasst, dass ihm. nicht das Mindeste hinzugefügt, nicht das Geringste davon ausgemerzt werden kann. Der Zionismus’ beansprucht keinen blinden Glauben, er verträgt sehr wohl eine vernünftige Kritik. Allein es gibt eine Art von Kritik, die nichts anderes ist, als anmassende Vordringlichkeit und unberufene Meinungsabgabe. Jedermann, der nicht ganz von krankhaftem Eigendünkel verblendet ist, muss ein sehen, dass ein Collegium von Sachverständigen, unter denen es Rechtsanwälte, Finanzleute und Politiker gibt, die alle treue Zionisten sind und die Frage auf das denkbar Tiefgründigste gemeinsam studiert und durchberathen haben, dass ein solches Collegium, sage ich, jedenfalls zuständiger ist, als selbst die scharfsinnigste Einzelperson, die nicht in der Lage war, einen tiefen Einblick in sämmtliche Einzelheiten der Angelegenheit zu gewinnen, von denen manche nicht in die O Öffentlichkeit gehört. Um dies zu begreifen, muss man kein Gläubiger sein, sondern lediglich die Fähigkeit besitzen, logisch zu denken und keine überstürzten Urtheile zu fällen. Im allgemeinen irren die Tadelsüchtigen ungemein, wenn sie sich auch in dieser Sache an Dr. H er zl reiben und ihm vorwerfen, er dehne seine Herrschaft überallhin aus und ordne seiner Person alles unter. Die Ausarbeitung der Bankstatuten war einem speciellen Comite an vertraut, und Dr. Herzl nahm sich nicht nur keinen Einfluss auf dessen Berathungen heraus, sondern sprach auch keine Ansicht über Dinge;ius, in denen er sich nicht genügende Sachkenntnis zutraute. Alles, was bestimmt und festgesetzt wurde, ist durch das gewählte Bankcomite geschehen; es ist daher so, als hätten alle Zionisten diese Bestimmungen getroffen, da doch der Vertretungskörper der Zionisten das Bankcomite gewählt hat. Diejenigen Klopffechter, die immerfort die Demokratie und die Volksrechte im Munde führen und im Namen dieser Principien gegen jede geordnete Leitung einer gemeinnützigen Institution Einspruch erheben, haben nicht die leiseste Ahnung von den Gesetzen, nach denen eine freie, ordnungsliebende Nation ihre Angelegenheiten selbst verwaltet. Zu unserem Glücke verschwinden derartige zersetzende Elemente in der grossen, kerngesunden Volksmasse. Sie können wohl geschwollene Leitartikel schreiben, immer neue Phrasen und Unterstellungen fabrieieren und was dergleichen mehr ist, sind aber zu unbedeutend, um irgendwelchen Schaden anzustiften. M. Z. Stimmungsbilder aus London. Der erste Wochentag nach den jüdischen Schlussfeiertagen war auch in der Londoner Gesellschaft „Isruchag“, denn am Ostermontag wird hier in Bankkreisen „par ordre du Roi“ oder vielmehr „du Banquier“ strenggefeiert; ist doch die gesetzlich obligatorische Einführung von 4 Montagen im Jahre als Extra-Feiertage für den überbürdeten Bank Clerk dem Banquier Sir John Lubbock, Chef der bekannten Firma Roberts Lubbock & Co. zuzuschreiben. In den Bankräumen des Jewish Colonial Trust war auch Ruhe von aussenher eingetreten, denn Brief- und Paketpost blieben aus; aber dem hinter der offiziellen Sperre arbeitenden Personale war keine Athmungszeit gegönnt, und es hiess nun, in den auf Tischen und Bänken haufenweise herumlagernden Paketen und Zeichen form ularen Ordnung schaffen. Das Exterieur der Bureaux ist ganz in dem ernsten, würdigen Stile einer englischen Bank gehalten, auch die Möblierung nüchtern, schlicht, compact, in einem Worte englisch. Hinter dieser Convention eilen Oberfläche aber beginnt der Unterschied. Die Postpakete, die in der Bank sackweise abgeliefert worden waren, sie bringen nicht die Zeichnungen der „haute finance“ in schweren Blocks, die mit ein paar dutzend Namen die Subscriptionssurmne enthaltenkönnten; einzeln, wie die Tropfen eines befruchtenden Regens, kommen die Zeichnungen, sie kommen von dem Volke, das sich selbst befreien will. Die rührendsten Briefe und Postkarten, so voll Pathos und glühendsten Enthusiasmus, dass man darob das verdorbene Deutsch vergisst, kommen zu hunderten; jede enthält neben einem Aufschrei für die leidenden Brüder die Bitte um vermehrte Prospectsendungeu und mit Stolz die Aufzählung der Subscribenten, die die ein zahl! gen Actien zeichnen. Dann wieder der im gemessenen Tone gehaltene Brief eines christlichen Advocaten aus der Grafschaft Kent mit Cheque-Einlage für 100 vollbezahlte Actien. Mit knappen und darum eindrucksvolleren Worten, motiviert er seine Zeichnung als Christ, mit dem wannen Interesse, das er diesem in seiner Art einzig dastehenden Unternehmen entgegenbringt. Ein englisches Arbeiterpaar, von . Juden immer gütig behandelt, bittet um vollgezahlte Actien; und so fort und Aort. Bei dem Oeffnen eines jeden Briefes tritt einem mehr und mehr die Sonderart der Bank klar vor Augen. Das Personal, von dem Enthusiasmus des Schreibenden angefeuert, arbeitet mit Lust und Liebe an der hundertfach vermehrten und verwickelten Arbeit. Die Vereinsberichte aus allen Ecken und Enden der Welt sind hochinteressant; sie bringen aus beiden Hemisphären und aus allen Himmelsrichtungen, aus Klondyke und Hindostan dasselbe Bild: die rührende Freude unserer Volksmassen an den Fortschritten der Bewegung; immer und immer das Verlangen nach neuen Prospecten. Eine Abtheilung des Bureaus, welches sonst der Routinearbeit gewidmet ist, musste diesem ungestümen Drängen voll-

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