Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1899-04-07 · 14 (7.4.1899) · p. 16

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
14 (7.4.1899)
Article
Die Goldschilds
Date
1899-04-07
Page
16 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3315709-3315796-3315811-3386222--11846-3386295
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 4 Seite 1 (i „Die Weit** Feuilleton Die Goldschilds. Roman aus dem Ende des 19. Jahrhunderts von Friedrich Fürst Wrede. (43. Fortsetzung.) X. Während die Equipage des Baron Isak durch die winterliche Nacht dem Westbahnhofe zurollte, stieg Doctor David langsam die hellerleuchtete, teppichbelegte Treppe der byzantinischen Villa empor. Wie er es nicht anders erwartet, fand er den kleinen Jonathan in erregter Stimmung. Die Aufregung der Taufe machte sich nachträglich geltend. Das grosse erweiterte Herz des Kranken schlug so heftig, dass man seinen Schlag hinter der weissen, weichen Seide des Hemdes beobachten konnte. Den durch einen Berg von Kissen gestützten Kopf seitwärts gewendet, die trockenen Lippen halb geöffnet, lag das gequälte Kind schwer athmend auf seiner Bahre — unfähig sich zu rühren, während die grossen, fiebernden Angen inbrünstig flehend auf eine kleine, hölzerne Statue der Mutter Gottes.— ein Geschenk des Pfarrers — geheftet waren. Der Knabe hatte das Bildnis auf ein kleines Tischchen neben seiner Bahre aufstellen lassen, wo es sich in der Mitte der Medicinfläschchen und sonstigen Krankengerät,he recht sonderlich ausnahm. Der Arzt schob sich einen Stuhl herbei und versuchte den Kranken zu zerstreuen. Um die Phantasie des Leidenden nicht noch mehr zu erhitzen, erwähnte er geflissentlich nicht die Geschehnisse des Tages, sondern suchte vielmehr das Kind von seinen frommen Gedanken abzuwenden. Da er aber nicht mehr von den Helden und Richtern Israels erzählen durfte, griff er wieder wie zur Zeit, als er mit dem Pfarrer Josef um die Seele Jonathans gerungen, auf die deutschen Kaiser und nordischen Recken zurück. Aber auch diese kernigen Gestalten hatten für den jüngsten Goldschild jeden Reiz eingebüsst. Was half es, wenn das todkranke Kind auch mit rührender Liebenswürdigkeit Aufmerksamkeit zu heucheln versuchte? Immer und immer wieder irrten seine sehnsüchtigen Blicke nach dem Madonnenbilde zwischen den Fläschchen Und Phiolen zurück. Pfarrer Josef hatte den alten Arzt gründlich aus.dem Felde geschlagen* Jonathan Goldschild, der Nachkomme eines grossen, durch Noth und Arbeit, durch Reichthum und Müssiggang Völlig degenerierten Stammes, wollte leben, wollte gesund \v erden. An die Kunst des Arztes hatte er den Glauben verloren. Da war der Priester gekommen — ein Mann so grundverschieden von allen denen, die er bisher gesehen — und hatte ihm durch das Gebet Heilung des Körpers versprochen. Was war natürliche!,als dass sich das leidende,hoffende Kind mit dem vergrößerten Herzen lind dem frühreifen Verstände an die neue, entsagende Lehre anklammerte. Als ehrlicher Mann musste sich der Arzt gestehen, dass er mit seinen Tröstungen zu Ende sei. Es waren ja gewiss grosse und sittliche Wahrheiten, die David im Laufe seines rastlosen Lebens gesammelt, und sie waren auch sicherlich mächtig genug um sein eigenes Lager, wenn er einmal dem Siechthum verfallen, erträglich zu gestalten. Aber um diesem Kinder verstände den Schatz seines Wissens zu eröffnen, musste er ihn in kleinen Münzen ausgeben, deren Wert nicht die sinkende Hoffnung des Kranken aufwog. . Nie war sich Dr. David über seine Niederlage klarer gewesen, als in dieser bitteren Stunde, wo er gewahrte, wie das gequälte Kind während seiner Erzählungen immer und immer wieder verstohlen nach der kleinen hölzernen Statue hinüberschielte und wahrscheinlich die Gegenwart des Arztes nur als unliebsame Störung der inbrünstigen Gebete empfand* Wie gut kannte der alte Freigeist das Bild der Madonna. Schon vor vierzig Jahren war ein ähnliches hinter dem Auslagefenster des Goldschild’schen Paramentengeschäftes gestanden. Die Kleidung allerdings war damals verschieden. Der Mantel war blau, der Rock roth gewesen, und das Haupt hatte eine Krone getragen, während der Fuss den Kopf einer Schlange zertrat. Plötzlich war diese Darstellung in Vergessenheit gerathen. Aus den fernen blauen Bergen der Pyrenäen war im Anfänge der Sechzigerjahre die seltsame, geh einin iss volle Kunde von den Wundern der Grotte zu Lourdes wie ein Märchen des Mittelalters durch das moderne, freigeistige Europa bis nach Oesterreich hinübergeklungen. Dr. David erinnerte sich noch ganz gut des Tages, an welchem das erste Modell der Statue eingetroffen war, die die Gottesmutter in der Gestalt darstellte, wie sie dem Hirtenmädchen erschienen war. Mit Stolz hatte der Paramentenhändler ihm das kleine Kunstwerk gezeigt. Die neue Auffassung der heiligen Jungfrau war noch einfacher und schlichter als die früheren. Nicht nur die Schlange zu ihren Füssen, auch die Krone auf ihrem Haupte fehlten. Aber diese Vermenschlichung, diese Entkleidung übersinnlicher Symbole schien auf die Phantasie der Massen nur umso bestrickender zu wirken. Bald konnten die Wandschränke des Goldschildischen Geschäftes kaum einen genügend grossen Vorrath des wundertätigen Heiligenbildes bergen, und unzähligemale war Dr. David während seiner Nachmittagsbesuche Zeuge gewesen, wie der Paramentenhändler eine der kleinen Statuetten liebevoll aus dem Kasten genommen, fein säuberlich in Papier gewickelt und seinen Kundschaften ausgeliefert hatte. Auch hatten die unleugbaren Heilungen derpyrenäischen Grotte zu wiederholtenmalen sein Interesse als Arzt erweckt und ihm manche schlaflose Nacht verursacht. Aberdass die geheimnisvolle Erscheinung Bernadettes so tief in sein Gefühlsleben eingreife n würde, hätte sich der alte Skeptiker nie träumen lassen. Was blieb ihm jetzt* wo die Dinge nun einmal so weit gediehen waren, zu thun Übrig? Er musste sein Verhalten dem Täuflinge und dem Täufer gegenüber nach einem bestimmten, vorausgezeichlieten Plane regeln, um sich nicht in ein Netz von Widersprüchen zu verwickeln. (Fortsetzung folgt.) Briefkasten der Redaction. Eifriger Leser. Anonyme Anfragen können nicht beantwortet werden* Commerstheilnehmer, Dorschei Schiom Zion, Lemberg. Herzlichsten Dank und Grüsse. L. R., Bialystok. Ja. Uebrigens haben wir in Nr. 13 darüber berichtet. Gruss. D. B., Darabani. Voll warmer Empfindung, aber etwas holperig. Nicht druckreif. Vielleicht etwas anderes. Dorsche Schiom Zion* Lemberg. Herzlichsten Dank und Gruss. Dr. J., F. und H., Warschau. Dank für erfreuliche Nach* richten. Herzlichsten Gruss. Herausgeber: P, Naschauer. Vetantw. Red.; Dr. Siegm. Werner. Ruchdruckerei „Industrie“ (S. Bergmann) VIII., Sclilösselg. 11

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.