Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1899-04-07 · 14 (7.4.1899) · p. 15

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
14 (7.4.1899)
Article
Wien [Nachricht]
Date
1899-04-07
Page
15 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
correspondence
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3315709-3315796-3315811--11828-3386294
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Nr. 14 „Die Welt“ Seite 15 Standpunkt des gemeinen Interesses einbehmen und sich nach dem materiellen Nutzen fragen. Diesem gefühlsverlassenen, idealsarmen Menschentypus wird freilich das Streben des Vereines nicht verständlich sein. Der am gemeinen Boden des niedrigen Interesses sich Bewegende würde auch in Aegypten als Sclave zurückgeblieben sein und an der Erlösung, die Sinn für Höheres voraussetzt, nicht theilgenommen haben. Der bonafide Fragende, der Tarn, muss belehrt werden. — Am schwierigsten gestaltet sich jedoch die Sache beim Indifferenten, Scheeno jodea lischol, der nicht einmal zu fragen weiss und nach dieser Schöpfung zu forschen Interesse hat. Hier müsse der Hebel angesetzt und gleich den Worten der Hagada darauf hin gewiesen werden, dass die Pflege des nationalen Bewusstseins und der heiligen, stammeseigenen Sprache Selbstachtung und die Fähigkeit zur Selbstbefreiung verleiht. — In den Vorstand wurden folgende fünf Mitglieder gewählt: Herr Lector M Friedmann, Herr Rabbiner Michael Papo, Herr Professor Leon Kellner, Herr Rabbiner Dr. M. Ehrenpreis und Herr Hof- und Gerichts-Advocat Dr. Leopold Kahn. Zum Schlüsse hielt Herr Lector Friedmann eine geistvolle, ebenso witzige wie anfeuernde Ansprache, die tiefen Eindruck machte, und schloss die Versammlung. Erfreulich ist die Thatsache, dass schon auf das Bekanntwerden des Aufrufes hin ca. 170 Mitglieder mit einem Betrage in der Gesammtsumme von beiläufig 450 Kronen ihren Beitritt anmeldeten. Allein, wenn der Verein prosperieren und seine Zwecke erreichen soll, so muss er nach vielen tausenden von Mitgliedern zählen und von Freunden der Sache kräftig unterstützt werden. Hier ist wieder ein Ziel, welches wahrlich des Schweisses der Edeln wert ist! Wien. Am 15. April a. c. veranstaltet die Ortsgruppe Ma riahilf-Neub au des „Zion“ in Löbels Restaurant, VI., Schmalzhofgasse, einen Vortragsabend. Referent: Director Jacques Philpp. Thema: Jüdische Handwerker und Kleingewerbetreibende. Begi an der Versammlung präcise 8 Uhr abends. Gäste, auch Damen, herzlich willkommen. Wien. Die Zionsvereine Wieden-Margarethen und Favoriten veranstalten am 13. April abends 8 Uhr im Kaufmännischen Verein, I. Bezirk, Johannesgasse, einen Vortragsabend. Mitwirkende: Schriftsteller Heinrich Glücksmann und Frau Henriette von Leuthold, ehemalige Hofschauspielerin. Bielitz. (Jüd.-akad. Ferialverbindung- „Emunah“.) In dem am 28. März stattgefundenen Wahlconvente der Ferialv erb in düng „Emunah“ wurden gewählt: Präses stud. ing. H. Nachmann, V.-Präses ehern. Oswald Brüc k, Schriftführer stud. ing. J. Blum, Cassier stud. iur. W. Wagner. Im abgelaufenen Vereinsjahre wurden neben den wöchentlichen internen Vorträgen auch folgende öffentliche Vorträge gehalten: I. Zionismus, die einzige Rettung dos Judenthums. Von stud. ing. H. Nachmann. II. Das neue Ghetto. Von stud. phil. V. Spitz. III. Das sociale Moment in der mosaischen Gesetzgebung. Von cand. iur. S. Schembeck. IV. Die Colonisation Palästinas. Von stud. ing. Isidor Blum. V. Emancipations-Bestrebungen der Juden. Von stud. ing. Mor. P r a m e r. Sadagöra. Am 28. d. M. hielt im Locale des Zionvereines in Sadagöra der bekannte jüdische Volksdichter Hr. Josef Buxenbaum aus Sniatyn vor einer zahlreich besuchten Versammlung unserer Zionsmitglieder und mancher Nichtzionisten einen fesselnden, sehr beifällig aufgenommenen Vortrag über das Thema „Jüdische Osterfeiertage und Zion“. Genf. Anlässlich des Purimfestes veranstaltete unser zionistischer Verein, unterstützt von der Vereinigung „Jüdische Jugend“ eine musikalisch-declamatorische Soiree, die einen überaus grossen Besuch aufwies. Der Präsident des Zionvereines, Herr Dreyfus, eröffnete den Abend mit einer kurzen Uebersieht über die Fortschritte der zionistischen Bewegung. Hierauf executierte ein gemischter Chor unter der tüchtigen Leitung des Herrn Ravinson mehrere nationale Lieder, welche bei dem Publicum begeisterten Beifall fanden. Ein von der Vereinigung „Jüdische Jugend“ aufgeführtes Lustspiel gab den Herren Levy, Liebmann, M. Weil, Mochensohn und S o m m e r Gelegenheit zu oft überraschenden schauspielerischen Leistungen. Den Höhepunkt des Abends bildete die Rede des Dr. Weizmann aus Bern, welche das Publicum für den Zionismus förmlich enthusiasmierte. Das Fest wurde durch einen Ball abgeschlossen, bei dem einige höchst originelle jüdische Tänze aufgeführt wurden. G Zeitschriftenrundschau. Der Lemberg er „Israelit" nimmt in einem Leitartikel Stellung zum Zionismus, dessen Hohe Bedeutung das Blatt anerkennt, wenn es auch mit dem politischen Zionismus nicht ganz zufrieden ist, weil er „die Priester und Leviten von sich stößt und religiösen Enthusiasmus beim Werk für überflüssig hält." Wir wissen nicht, woher der „Israelit" seine Kunde vom politischen Zionismus erhalten hat. In Lemberg existiert ja ein Zionsverein streng religiöser Juden. Vielleicht wird der Leitartikler dort Belehrung finden, wenn er schon die offieiellen Veröffentlichungen der politischen Zionisten nicht gelesen hat. Als zweiten Artikel bringt das Blatt den Aufruf der Jüdischen Eolonialbank im Wortlaute. Um des zweiten Artikels willen mag ihm der erste nicht zu schwer angerechnet werden. Dr. K u r r e i n s „Jüdische Chronik" bringt in ihrem Aprilhefte Artikel von Dr. Kurrein, Dr. Friedländer, den Schluss des Purimspieles aus dem Jahre 1715, einen Artikel von Dr. Bi ach über Maimonides, sowie einen kurzen Essay Weiß manns über die Samaritaner. Im Feuilleton schließt Dr. Grüns eld seine „Er.nnerungen eines Ghettomenschen". Dr. Vierer bespricht in nicht ganz einwandfreier Weise den Congress der bulgarischen Zionisten. — Die „Chronik" ist, wie immer, mit großem Fleiße redigiert und bietet ihren Lesern in den erwähnten Artikeln eine Reihe lesenswerter Originalarbeiten. ^üäisLlis Musik. In den „Neun geistliche» Arie«" für g o t1 e §= dienstliche und häusliche AndachtmitClavieroderHarmoniumbegleitungvonS. T. Friedland, Breslau. Selbstverlag des C o m p o n i st e n, haben wir wieder einen Beitrag zu unserer, leider so spärlichen Musik- Literatur erhalten. Man wird im allgemeinen gut thun, solange die Frage, ob und inwiefern es eine nationale jüdische Musik gibt, nicht endgiltig gelöst ist, davon abzusehen, jüdisch sein sollende Musik auf ihren nationalen Charakter zu prüfen. Wir haben bei jedem Musikstücke Melodie und Harmonie zu unterscheiden. In den „Syrischen Weisen" des Herrn Friedland, welche heute schon Gemeingut des für nationale Empfindung empfänglichen Theiles der Juden geworden sind, trug die Melodie ausgesprochen orientalisches Gepräge, sie war aus dem Geiste und Gefühle des jüdischen Volkes heraus geschrieben und hat in vielen tausend jüdischen Herzen jenes instinetive, wehmüthige Ahnen, die Sehnsucht nach einem aus fernen Zeiten herüberschimmernden Etwas wachgerusen — eine Stimmung die wir Heimweh nennen möchten, wenn es ein Heimweh bei Menschen geben kann, die ihre Heimat nie betreten haben. Uno doch ist dieser sehnende, klagende Zug das hervorragendste Merkmal jüdischer Melodien, weil es die Grundtöne speeifisch jüdischen Empfindens, des Empfindens eines aus dem Lande der Väter verbannten Volkes, zum M-tschrvingen bringt. In seinem neuesten Opus, das Herr Friedland ausdrücklich als g e i st l i ch e Arien bezeichnet, tritt das melodische Element hinter dem harmonischen zurück, was ja vielleicht für den Gebrauch in der Synagoge seine Berechtigung haben mag. Inwiefern die Art der Harmonisierung mit ihren zahlreichen Vorhalten, übermäßigen Quarten und verminderten Sexten auch fernerhin, als dem Geiste jüdischer Musik entsprechend, festzuhalten ist, soll ein anderesmal eingehend besprochen werden. Wir hätten nur gewünscht, dass der Componist seine, mit dem größten Fleiße und ausgezeichnetem Verständnisse gearbeitete Harmonisierung nicht allein in das begleitende Instrument verlegt, sondern uns statt der Arien Chöre geschenkt hätte; die Composition verlangt stellenweise direct nach diesen, und die bloß instrumentale Ausfüllung von Stellen, wie zum Beispiel „Höre Israel" u. s. f. am Anfänge und Ende der ersten Arie kann unser Ohr nicht vollständig befriedigen. — Wre schön wäre auch der 133. Psalm in choraler Ausführung, wie etwa das dem Texte nach verwandte „Wie lieblich sind die Boten, die den Frieden verkündigen" in Mendelssohns „Paulus". — Nichtsdestoweniger sind nnr überzeugt, dass sich die neuen Arien vermöge ihrer nicht zu unterschätzenden musikalischen Schönheiten einen bleibenden Platz im gottesdienstlichen Gesänge erobern werden. Ferner liegt uns in „Chasidem, marche des Juifs par Ben Akim, chez H. Pardini, Czernowitz“ ein geistvolles Charakterstück vor; in dem sprunghaften, hastenden Wesen, dem fortwährenden Schwanken zwischen Dur und Moll, zwischen Wehklagen und Begeisterung, spiegelt sich jene eigenthümliche Welt der Ehassidim wieder. Eine Musik, die, frei von Traditionen, durch Schilderung modernen jüdischen Lebens zu wirken sucht, weist vielleicht auf den Weg hin, aus welchem die Schaffung einer jüdischen Musik gelingen wird. L. Fl. ff

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.