Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 14 (7.4.1899)
- Article
- München
- Date
- 1899-04-07
- Page
- 13 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. li „bie x£x Welt“ Aeite 13 gebe, und erzählte, dass er schon lange mit dieser Idee sympathisiere, nun aber freue es ihn ganz besonders, dass seine Freunde, die Herren Dr. Herzl und Nordau, die Leitung dieser Sache in ihre Hände genommen haben. Er versprach uns, unsere Versammlungen öfters zu besuchen, und munterte uns zum Kampfe auf. Nach herzlichem Gespräche und nachdem wir freundlich angestoßen, nahmen wir Ahschied von ihm. Er schüttelte uns kräftig die Hände und sagte: „Wir sind gesunde, brave Kerle!" Es freut uns ungemein, in diesem großen Manne ein so warmes Interesse für unsere heilige Sache gefunden zu haben. Abraham Salkind. Frankreich. Paris. Am 1. April ist hiei die Baronin Clara Hirsch nach langem schweren Leiden gestorben. Mit ihr ist eine der edelsten jüdischen Frauen aus dem Leben geschieden. Sie wurde im Jahre 1833 als Tochter des Banquiers B i s ch o ffsh eim geboren und erhielt im Hause ihres Vaters in Brüssel eine überaus sorgfältige Erziehung. Im Alter von 23 Jahren heiratete sie Baron Moriz Hirsch. Nachdem sie kurze Zeit in München und dann in Brüssel gelebt hatte, übersiedelte sie nach Paris, wo sie bald eine hervorragende Stellung in der Gesellschaft ein nahm. Die vornehme, wahrhaft bescheidene, hochbegabte, mit dem reinsten Herzen gesegnete Frau wusste sich überall die herzlichsten Sympathien zu erwerben. Schon bei Lebzeiten ihres Mannes nahm sie eifrig Antheil an seinen grossartigen philanthropischen Plänen, und als ihr der Gatte entrissen wurde, da betrachtete sie es als ihre Ehrenpflicht, in seinem Sinne mit wahrhaft fürstlicher Freigebigkeit alle humanitären Bestrebungen zu unterstützen. Sie prüfte selbst alle an sie gelangenden Gesuche und war bis zur Erschöpfung thätig, um ihren Mitmenschen mit ihrem Vermögen beizustehen. Alle die Stiftungen und menschenfreundlichen Unternehmungen ihres verstorbenen Gemahls gestaltete sie in munificentester Weise aus und errichtete eine ganze Anzahl neuer. Dass den Juden ein grosser Theil dieses menschenfreundlichen Wirkens gewidmet war, braucht nicht des Näheren ausgeführt zu werden. Es ist das aller Welt bekannt. Von Argentinien bis in die entlegensten Provinzen Russlands, von Jerusalem bis New-York war ihre Fürsorge immer thätig, und wenn auch sonst das Almosengebon, selbst im grössten Stile, nur wenig Spuren zurücklässt und nur wenig dauernde und wirkliche Hille mit sich bringt, so kann man von der weitaussehenden Wohlthätigkeit dieser Frau und ihres Gatten sagen, dass sie es aufs Glücklichste verstanden haben, der momentanen Hilfe, wenigstens in vielen Fällen, eine längere Dauer zu verleihen. Freilich hätten diese enormen Summen, die so freigebig verschenkt wurden, wenn sie dem jüdischen Volke und seinem grossen Befreiungswerke gewidmet worden wären, Grösseres, Schöneres und Dauerhafteres bewirken können. Thatsache ist es aber, dass auch durch die Verwendung, die sie durch das Ehepaar Hirsch fanden, viel Elend gemildert und viel Gutes geschaffen wurde. Deshalb wird das Andenken dieser Frau und ihres Gatten noch lange Zeit fortleben im Herzen der Juden aller Länder, und deshalb hat die Nachricht von ihrem Tode überall mit Recht die schmerzlichste Theilnahme wachgerufen. Allerlei Nachrichten. ln Liegnitz starb Ehrenbürger Prager, der durch 4-2 Jahre dem Magistrate angehörte und sich grosse Verdienste um die Stadt erworben. * Mit dem vor kurzer Zeit in Saloniki im Alter von 72 Jahren verstorbenen Rabbiner Juda Nahama ist eine der interessantesten Figuren der Judenschaft; von hinnen gegangen. Schon in frühester Jugend beschäftigte er sich mit Sprachen und philosophischen Werken und führte später eine ausgedehnte Correspondenz mit Zunz, Rappaport, Luzzatto etc. Auch verfasste er eine Geschichte der asiatischen und afrikanischen Völkerschaften. Seinen Reichthum verwandte er zugunsten seiner leidenden Brüder, und er war eigentlich derjenige, welcher die Grundlage zur „Alliance Israelite universelle“ legte, deren Vicepräsident des Salonikier Comites er bis zu seinem Tode war. Leider wurde bei der grossen Feuersbrunst im Jahre 1890 neben seiner reichhaltigen Bibliothek auch ein druckfertiges Manuscript über die Geschichte der Juden in Saloniki mit vielen, darauf bezüglichen unersetzbaren Handschriften vernichtet, worüber er sich nie hatte trösten können. Eine „Duplicität der Ereignisse“, wenn auch eine traurige, ist zu verzeichnen. In W i e n starb J a c o b Rothberge r, der die Herren-Confection, in Breslau Emanuel Breslauer, der die Damen-Confection zu einem achtunggebietenden Industriezweige gescha ffen bat. Welche Stellung diese beiden von Juden aus der Erde gestampften Weltindustrien heute einnehmen, braucht nicht weiter hervorgehoben zu werden. Josef W e r t h e i m aus F r a n k f u r t a. M., der Gründer der deutschen Nähmaschinen-Industrie, starb in Nizza. Bevor er es wagen konnte, seine erste Maschine zu bauen, hatte er mit grossen Vorurth eilen zu kämpfen. Er kann thatsächlich als derjenige gelten, der dieses heute in keinem Hause fehlende Inventarstück in Deutschland eingeführt hat. Die WertheinTsche Nähmaschinenfabrik geniesst einen Weltruf. * Zwei bedeutende Männer hat die englische Judenheit in voriger Woche durch den Tod verloren: L. E. Pyke war einer der bedeutendsten Advocaten. .Schon im Alter von 21 Jahren wurde er zur Advocatur zugelassen, und 37 Jahre alt, erhielt er die Würde eines Queens-couneil, als welcher er am Admiralitäts-Gerichte thätig war. in den Gerichtshöfen, an denen der Verstorbene amtierte, wurden ihm von den Gerichtspräsidenten ehrenvolle Nachrufe gehalten. Simon Simons, der zweite der Verstorbenen, war eines der bedeutendsten und bekanntesten Mitglieder in officiellen jüdischen Kreisen. Unter anderem war er 18 Jahre Schatzmeister des Begräbnis Vereines. Geboren 1.837 im Haag, gehörte er zu den wenigen in England ansässigen holländischen Juden und — merkwürdig — er hatte die Absicht geäussert, auf die Feiertage zu verreisen. Nun. hat er die grosse Reise an getreten, auch vor den Feiertagen noch. Am Freitag ^wurde er beerdigt und zu seinem Andenken eine Stiftung errichtet, die seinen Namen tragen wird. Merkwürdige Gegensätze finden sich doch bei den in London eingewanderten russischen Juden. Tn der Angelegenheit mit den „Chedarim“ geben sie den Beweis, dass ihnen der Unterricht in den unter staatlicher Aufsicht stehenden öffentlichen jüdischen Schulen nicht gut genug ist, und andererseits suchen sie diese Kinder vom gesetzlichen Schulbesuche fernzuhalten, wie aus einem an die „J. W.“ unterm 27. v. M. gerichteten Schreiben der Schuldirection hervorgellt. Das englische Gesetz bestimmt für derartige Fälle eine Strafe bis zu vier Monaten Gefängnis oder Geldstrafe, und „Unkenntnis des Gesetzes schützt nicht“. * Der „Antijuif“ hat sein Domicil von Lyon nach Genf verlegt. Der Verkauf desselben in Frankreich wurde untersagt. Anstatt des auch vom Grandrabbin Z a d o k Cohn für die nächstjährige Weltausstellung proponierten Religionscongresses soll nunmehr auf Antrag von vierzig französischen Gelehrten über „Geschichte der Religionen“ verhandelt werden. * Vorige Woche starb in Paris einer der drei jüdischeii Generale der französischen Armee* Levy-Alvares. Derselbe war Grossofficier der Ehrenlegion und hatte sich namentlich bei der Belagerung von Paris im Kriege 1870/71 hervorgethan. Die durch die Dreyfüs-Affaire hervorgerufenen gleichzeitigen Angriffe auf die Juden, wie auf die Armee hatten ihm die letzten Lebensjahre sehr verkümmert, namentlich da er sich nicht hineinmischen wollte in den Streit der Parteien. * Sofort nach Zusammentritt der französichen Deputiertenkammer nach den Osterferien wird eine Interpellation des Deputierten Rouanet zur Debatte kommen, um von der Regierung Auskünfte zu verlangen „über die Massnahmen, welche sie zu nehmen gedenkt, um die Verfolgungen unmöglich zu machen, unter denen das jüdische Proletariat in Algier leidet“ — — wenn die Debatte nicht „auf vier Wochen vertagt“ wird. Jedenfalls wird es den Antisemiten nicht erspart werden, unangenehme Wahrheiten zu vernehmen, da der Interpellant ein grosses Material zur Verfügung hat und, obgleich leidend, entschlossen ist* die Sache persönlich zur Sprache zu bringen.