Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 14 (7.4.1899)
- Article
- Ein ergreifendes Bild vom Elend jüdischer Arbeiter
- Date
- 1899-04-07
- Page
- 12 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 12 „Die H Welt“ Nr. 14 culose und Blutleere entstehen. Ein jüngst erlassenes Gesetz schreibt die Sonntagsruhe vor. Wenn man hierzu noch die Sabbathruhe, der sich die jüdischen Arbeiter freiwillig unterziehen, hinzufügt, so versteht man leicht, dass die Beschränkung der Arbeitszeit auf 5 Tage wöchentlich die jüdischen Industriellen und Unternehmer in eine heikle Lage setzt. — Die Tabakfabriken beschäftigen fast 600 israelitische Arbeiter täglich. Die Arbeiter, die in den Geschäften arbeiten, welche der Ueberwachung von seiten des Staates unterworfen sind, sind alle Feiertage zu ruhen gezwungen. Nach dem neuen Gesetze würden sich nun die jüdischen Arbeiter nur noch 210 Tage im Jahre der Arbeit widmen können. Ein jüdischer Unternehmer, M. Zaritzky, erhielt vom Director der indirecten Steuern der Provinz Kiew die Ermächtigung, jüdische Arbeiter selbst während der christlichen Feiertage arbeiten zu lassen." Entführung eines jüdischen Kindes. In Boguslaw (Russland), trug sich vor einigen Wochen ein mysteriöser Fall von Kindesraub zu. Aus dem Hause eines Juden namens Chmu t o w wurde nämlich ein vierjähriger Knabe gestohlen, ohne dass man dom Thäter — trotzdem ein Anhaltspunkt vorhanden ist — bis jetzt auf die Spur gekommen wäre. Der Hergang ist folgender: Der Jude Chmutow, seines Zeichens ein wandernder Spielmann, wie sie unter den russischen Juden'nicht selten sind, war eines Abends seinem Gewerbe in einer benachbarten Ortschaft nachgegangen und hatte daheim seine Frau saimnt drei kleinen Kindern, nämlich einem vierjährigen Knaben und zwei Mädchen von fünf und sechs Jahren zurückgelassen. Im Hause befand sich ferner ein christliches Dienstmädchen. Um drei Uhr morgens etwa wurde. die Frau Chmutow plötzlich durch das Geheul des Knaben, welches durch das anstossende Zimmer zu ihr drang, aus dem Schlafe aufgeschreckt und rief dem Dienstmädchen, das bei den Kindern schlief, hinüber, sie sollte das Kind beruhigen. Da es bald still wurde, stand Frau Chmutow nicht auf, sondern schlief gleich wieder ein. Als sie nun des Morgens aufstand und ins Kinderzimmer gieng, da fand sie die Mädchen im Bette liegen, neben ihnen auf der Erde den Dienstboten, der Knabe aber war verschwunden. Die arme Frau erschrak heftig, rüttelte die Magd aus dem Schlafe und fragte sie, wo das Kind sei. Diese antwortete, sie wisse von nichts. Dies erscheint umso unwahrscheinlicher, als die Thür noch in der Früh von innen verschlossen war und man nothwendig annehmen musste, das Dienstmädchen habe in der Nacht das Zimmer geöffnet. Trotz dieses belastenden Umstandes beharrt jedoch die Magd hartnäckig hei ihrem Leugnen und es ist dem Untersuchungsrichter bisher, ungeachtet seiner Gewandtheit, noch nicht gelungen, sie zu einem Geständnisse zu bewegen. Ein jüdischer Bürgermeister, ln Lundenburg war seit dem Jahre 1872 ein Jude, H. Kuffner, Bürgermeister. Der Fall Lundenburg pflogte öfters als Exempel cifiert zu werden, wenn man beweisen wollte, wie weit es die Juden hierzulande bringen können, und wie der Liberalismus doch kein leerer Wahn sei. Nun ist das hübsche Lundenburger Idyll zerronnen. Statt des Juden Kuffner haben sich die ehrsamen Gemeindemannen von Lundenburg einen Christen, den Kaufmann S t r i e g 1, zum Stadtoberhaupte erwählt. Ein neuer Tempel soll im V. Bezirke von Budapest gebaut. werden. Von den 23 Plänen zum neuen israelitischen Tempel im hauptstädtischen V. Bezirke wurden drei von der Jury ausgezeichnet und zwar: der Plan mit dem Motto „Aleph“ (der Assistenten des Professors Steine! I : Förk und Schöne r) mit dem ersten Preise von 30 uo fl., der mit dem Motto „Mözes“ (der Architekten Bali nt und Ludwig J ü m b o r) mit dem zweiten Preise von 2000 fl. und der mit dem Motto „Pentagramm" und der Jahreszahl 5(559 (des Architekten Bela Leitersdorfe jj mit dem dritten Preise von 1000 fl. Die Pläne werden im zweiten Stocke des israelitischen Gemeindeschulgebäudes (Sip-u. 12) ausgestellt. Michael von Newlinski. Ein Telegramm aus Pera meldet den am letzten Sonntag erfolgten plötzlichen Tod des Herausgebers der „Correspon dance de l’Es t“, Herrn Michael Ritter v. Newlinski. Mit ihm verschwindet eine in den diplomatischen und politischen, sowie auch in künstlerischen Kreisen der Residenz bekannte Persönlichkeit von der Bildfläche des Wiener gesellschaftlichen Lebens. In Russisch-Wolhynien im Jahre 1847 geboren, entstammte er einer alten polnischen Adelsfamilie, deren Güter nach dem Aufstande confisciert wurden. Nachdem er in Russland und Polen studiert hatte, kam Newlinski 1870 nach Wien, wo er durch seine journalistische Begabung, insbesondere durch sein hervorragendes Sprachentalent die Aufmerksamkeit auf sich lenkte und ins Ministerium des Auswärtigen berufen wurde, dessen Chef damals Andrassy war. Er rückte bis zum Hof- und Ministerialsecretär vor und war einige Zeit hindurch auch der Botschaft in Constantinopel zugetheilt. Aus jener Zeit rührten seine Beziehungen zu türkischen Würdenträgern her, aus denen später, nachdem er aus dem Amte geschieden war, Beziehungen zum Sultan selbst entsprangen, der Newlinski wiederholt mit persönlichen Missionen betraute und ihn mit Zeichen seiner Gunst überhäufte. Dass Newlinski auch bei den einleitenden Schritten, die d er Anerkennung Bu]gariens]seitens der europäischen Grossmächte vorausgingen und insbesondere anlässlich des ersten Besuches des Fürsten^Ferdinand in Constantinopel eine Rolle spielte, werden officielle und offieiöse Quellen vielleicht bestreiten, ohne deshalb der historischen Wahrheit nahetreten zu können. Fürst Ferdinand übersandte unmittelbar nach seiner Rückkehr von Constantinopel nach Sophia Newlinski den Alexander-Orden in Brillanten. Ueherbau pt war Newlinski einer der „meistdecorierten“ Menschen in Wien, er besass zweiunddreissig Auszeichnungen von fast allen europäischen Souveränen. Mehrere seiner politischen Essays, unter anderen „La Pologne et les Habsbourgs“ und „La Question des Natonalites en Hongrie“ sind im Buchhandel erschienen. Herr von Newlinski war auch ein aufrichtiger und bewährter Freund der zionistischen Bewegung, die er gelegentlich des zweiten Baseler Congresses in ihrem ganzen Umfange kennen gelernt hatte. Er wohnte denVerhandlungen bei und— war von den Vorgängen ganz enthusiasmiert. Eine zahlreiche Schar von Freunden trauert um deu liebenswürdigen Mann. A. B, G Correspondenzen. Deutschland. München. Protest-München macht Fortschritte. Proteste, mEfin (verzeihen Sie mir gütigst, dass ich Ihnen halb deutsch, halb jüdisch schreibe; ich bin es von dem zu Mainz erscheinenden NVV-Blättel gewohnt) und dergl. aus der alten, guten Zeit herübergebrachte Mittelchen scheinen ihre wunderbar wirksame Macht doch verloren zu haben. Ideen, und vor allem gesunde Ideen, brechen sich, trotz aller Proteste und Rabbinererklärungen, Bahn und bewegen die Gemüther und wirken begeisternd. Auch in München ist vor kurzem, endlich einmal, eine zionistische Gruppe organisiert werden, und zwar eine solche, die, in Bezug auf Zahl und Tüchtigkeit der Mitglieder, sehr bedeutend zu werden verspricht. Die Leitung der Gruppe liegt in den Händen einiger, sehr eifriger Genossen, die Muth und Willen genug besitzen, .für die heilige Sache unseres Volkes ihr Möglichstes zu thun. Tank der regen, vielseitigen Agitation, kann ich freudig eonstatieren, dass unsere Gruppe von Tag zu Tag an Mitgliedern zuuinnnt, und wir hoffen mit Bestimmtheit auf großen Erfolg. Gestern fand hier im großen, festlich decorierten Saale des Geselljchaftshanses „zur Lacke", Holzstraße 3, eine große Versammlung der Deutschen Vvlkspartei statt, die das Andenken der Volkserhebung und der Märzgefallenen vom Jahre 1848 feierte. Dieser Versammlung wohnten auch einige unserer Gesinnungsgenossen bei. Nach einer Festrede des Herrn Prof. Dr. L. Quid de über Völkerfrieden und Revolution brachte der bekannte Schriftsteller Herr M. G. Conrad einen glänzenden, geistvollen Toast auf das freie Deutschland ans. Redner pries mit begeisterten Worten jede Volkserhebung, jedes Streben nach freier, kräftiger, individueller Entwicklung und äußerte sich in der allersympathischesten Weise auch über den Zionismus und dessen Existenzberechtigung. Als er seine Ausführungen schloss, traten unsere Genossen an ihn heran und sprachen ihm, im Namen der ganzen hiesigen Gruppe, ihren wärmsten Dank aus. Herr Conrad freute sich sehr, dass es hier auch Zionisten