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Die Welt · 1899-04-07 · 14 (7.4.1899) · p. 11

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
14 (7.4.1899)
Article
Aus Galizien
Date
1899-04-07
Page
11 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 14 „Die Weit“ Seite 11 und wirtschaftliche Unlustgefühle wallen und ausbrechen, wo fortwährender Zündstoff lodert, der ebenso gut von den bestehenden Verhältnissen genährt wird, als auch von einer leichtsinnigen Presse, welche in die rohen Massen Losungsworte des Hasses schleudern, wenn es in diesen Sphären schwierig ist, irgend eine zielbewusste Programmthätigkeit ausfindig zu machen, so sollte man doch mit vollem Rechte wenigstens Spuren einer einheitlichen Action verlangen können bei dem Hauptfactor jeder Politik, in den publicistischen Werkstätten und Laboratorien der gesellschaftlichen Bewegungen, an deren Spitze nicht einfache Soldaten, sondern der Generalstab steht. Wir hörten der Reihe nach, wie sich die Repräsentanten von fünf Gruppen: der Assimilationsjude (Dr. B. Goldmann), der radicale (?) Jude (Dr. A. Lilien), der gemässigte Antisemit (Reichsrathsabgeordneter T. Merunowicz), der ' „kämpfende“ Antisemit (Bohdan Czajkowski) und schliesslich ein Mann der Wissenschaft, der ruhige und nüchterne, ausserhalb des Gewirres politischer Kämpfe*stehende Bürger (Dr. A. Malecki), über die künftige Gestaltung der jüdischen Zustände in Galizien äusserten — und leider musten wird uns überzeugen, dass in einer Angelegenheit, die von unerhört wichtiger Tragweite für die Zukunft Galiziens ist, auf der ganzen Linie vollständige Programmlosigkeit herrscht“ . . . „Im Chaos der politischen Gruppen und Cofcerien, an welchen Galizien so reichen UeberfLuss hat, gibt es nur zwei Parteien, welche ein klares und deutliches Programm vor Augen haben, nämlich die Nationaljuden und Socialdemokraten.“ „Aber keine von ihnen gewährt viel Trost“ . . . „In dieser ans Verzweifeln grenzenden Lage blicken wir uns vergebens nach einer Partei ausser der kleinen Gruppe der zionistischen Schwärmer und den Socialisten um, welche irgend ein Programm einer ernsten Behandlung der Frage aufstellen und sich bemühen würde, das Land von dem drohenden Unwetter zu befreien. Von den Juden selbst wird buchstäblich nichts gefchan, um vom Lande den Sturm abzulenken. Die Assimilationen des achten Jahrzehntes vei brachten spielend die Zeit damit, dass sie Trauerfeiern veranstalteten und das Tragen der „konfederatki“ (polnischer Nationalmützen) predigten. Das war bloss eine Decorationsarbeit, welche die eigentliche Grundlage der Sache nicht erfasste. Bevor sie noch die Jugendzeit verlassen hatten, verscheuchte sie der Antisemitismus, welcher in allen Kreisen der Gesellschaft schlummerte und der jetzt genährt wird von einer eigenen, vor 10 Jahren gar nicht dagewesenen, heute aber täglich und wöchentlich erscheinenden Presse. Die Enquete cler Wiener „Israelitischen Union“ steht bloss zu Papier und niemand weiss, was sie für Resultate erzeugen dürfte. Die conservative Partei kümmert sich gar nicht um die Entwicklung der Judenfrage, im Landtage wird sorgsam dieser delicate Stoff gemieden, die Zeitungen bringen bloss Thatsaclien, welche nicht mehr verseil wiegen werden können : Unruhen und Strafprocesse.“ Auch die antisemitische Partei stellt nach der Ansicht des Autors kein klares Programm auf. Sie wächst zwar „im Vollbewusstsein ihrer Existenzberechtigung“, indem sie bereits vier Tageszeitungen und eine Unzahl von kleineren Blättchen herausgibt, welche bereits bis in die Bauernhütten lind in die Werkstätten der kleineren Handwerker dringen; „das einzige Ziel ihrer ganzen Arbeit scheint aber bloss auf Wühlereien zu beruhen“. „Kein Wort von einem positiven Programme.“ „Bloss die Merunowicz’sche Gruppe stellt ein Programm auf, mit dem man irgendwie discutieren könnte.“ „Sie verlangen Lostrennen von den Juden, und zwar nicht territoriale, sondern ökonomische, gesellschaftliche und politische Absonderung. Die Unmöglichkeit, diese Utopie durchführen zu können, scheint diese Herren gar nicht zu kümmern. Das ist ein Spiel mit geschlossenen Augen, welches früher oder später mit einer Katastrophe endigen muss oder ah eidie Factoren erwecken wird, welche ernstlich die Sachlage erkennen und eine gründliche Sanierung der Zustände vornehmen müssen.“ Hierauf scheint das „positive“ Programm des Autors zu folgen: „Nur eine einzige Partei könnte sich dieser Aufgabe unterziehen, eine Partei, welche die Macht im Lande besitzt, im Polenclub und in der Landtagsmajorität repräsentiert wird.“ Dass der Autor hier die Stanczyken, also den conservativen Club meint, ist überflüssig hinzuzufügen, ebensowenig wie seine eigentlichen Wünsche. Aber auch er sagt natürlich nicht, wie er sich dieses „Programm“ realisiert denkt. Tribüne. Die „Jüdische Akademische Lesehalle“ erlässt folgenden Aufruf: Die „Jüdische Akademische Lesehalle“ in Wien tritt in ihr 10. Semester. Mit Stolz und Genugtuung kann der Verein auf diese Zeit zurückblicken, denn schwierig, aber nicht erfolglos war seine Thätigkeit. Getreu ihrem Programme fern von jeder politischen Tendenz, ist die „Jüdische Akademische Lesehalle“ das geistige Centrum der jüdischen Studenten sämmtlicher Hochschulen Wiens ohne Rücksicht auf die sonstige Parteianschauung, eine Stätte, an welcher der Gedanke der Zusammengehörigkeit seinen kräftigsten Ausdruck findet, wo von geistig hochstehenden Männern den jüdischen Studenten geistige Anregung und Belehrung zutheil wird. Die an den Verein heran treten den Forderungen sind aber so gross, dass wir nicht hoffen können, dass die „Jüdische Akademische Lesehalle“ imstande sein werde, auch weiterhin ihrer hohen Aufgabe gerecht zu werden. Noch steht sie fest, noch hat der jugendliche Muth ihre Begründer nicht verlassen, aber ihre Kraft droht zu versagen, wenn nicht bald Hilfe wird. Es ist ja nur ein geringes, was sie fordert, im Verhältnisse zu dem, was sie leistet. Ein jeder, der das muthige Ringen zu würdigen weiss, zu dem unsere Studentenschaft verurteilt ist, wird das kleine Scherf lein beitragen, welches der „Jüdischen Akademischen Lesehalle“ die notwendigen materiellen Mittel bringen soll, um aut dem Kampfplatze ausharren zu können. Mitbürger und Gesinnungsgenossen! Treten Sie zahlreich als Förderer4*) der „Jüdischen Akademischen Lesehalle“ bei, oder beteiligen Sie sich mit einem Scherflein zu ihrer Unterstützung! J. A. d. A. Med. Otto Ehrenfes t, Gand. med. Arth. Bade r, dzt. Schriftführer. dzt. Präses. G Weltchronik. Ein ergreifendes Bild vom Elend jüdischer Arbeiter bringt ein Petersburger Blatt aus Mohilew. Hier ein Auszug aus dem betreffenden Artikel: „Sobald ein jüdisches Mädchen das Alter von zwölf Jahren erreicht, sehen sich schon dessen schwer arbeitende und nur sehr kärglich lebende Eltern gezwungen, es der Arbeit zuzuwenden, damit die Bestreitung des- Haushaltes erleichtert werde. Unglücklicherweise gibt es in dieser Gegend nur sehr wenige Fabriken und Glashütten; kaum hundert Mädchen können in denselben ihr trockenes Brot erwerben. Ihre Hauptbeschäftigung besteht in der Cigarrenfabrication. Der übrige Theil dieser arbeitenden Bevölkerung beschäftigt sich mit Schneiderei, die sie in finsteren Werkstätten ausüben, wo sie ununterbrochen fast 16 Stunden täglich arbeiten. Die der Kleidermacherei sich widmenden jüdischen Frauen zerfallen in zwei Kategorien: Eine kleine Anzahl unter ihnen, die eine rechtmässige Erlaubnis dazu besitzen, halten in ihren Diensten zwei oder drei Arbeiterinnen, die in einem verhältnismässig gut gelüfteten Zimmer arbeiten: allein das ist eine Ausnahme. Die anderen, bei weitem der grössere Theil, die keine solche Berechtigung haben, werben sich eine oder zwei Arbeiterinnen an, die in einer Art von Remise oder Keller arbeiten, während die Meisterinnen den Tag ausserhalb zur Nachsuche von Kundschaft verbringen. Gezwungen, ihre Familie zu unterhalten, ihre Miete zu bezahlen, deren Taxe alle Tage steigt, muss die Meisterin die Arbeiterinnen mit Arbeit überladen, wodurch Krankheiten und Leiden, wie Tuber- +) Förderer ist jeder, der einen Jahresbeitrag von 5 fl. zu leisten sich verpflichtet.

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