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Die Welt · 1899-04-07 · 14 (7.4.1899) · p. 10

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
14 (7.4.1899)
Article
Dr. Alexander Marmorek in Wien
Date
1899-04-07
Page
10 (sequence 2)
Language
German
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Seite 10 „Die H Welt“ Nr. 14 frei gewesen? Seit dem Momente, wo die Juden von der Riesenübermacht der Römer zermalmt und in alle Richtungen der Windrose hinausgeschleudert wurden, haben ihre Dichter und Denker nie aufgehört, von der glorreichen Vergangenheit im eigenen Lande zu sprechen. Und da sich im Ruhme der Väter der Stolz des Enkels mehrt, ist es zumindest eines jeden Juden theoretische Pflicht, die Zionsidee zu hegen und zu pflegen. Dieses ackerbauende Volk hat in seine Verbannung hinaus einen ungeheueren Fonds von Idealismus mitgebracht. So standen Juden in der ersten Front bei allen Freiheitskämpfen, in allen Schlachten für die Ideale der gesammten Menschheit. Aber ihr vergossenes Blut war nicht der Kaufschilling für die Freiheit ihres Volkes: denn das Verhältnis zwischen den Juden und nichtjüdischen Völkern ist immer noch böse krank. Und von all den vielen Heilkünstlern, die um das Krankenbett herumsitzen, weiß jeder einen anderen Rath. Der erste meint: alle Juden sollen sich taufen lassen, daun gäbe es weiter keine Judenfrage. Verblüffend einfach! Wenn ein Arzt zu einem Tuberculosen gerufen wird, so wäre es doch das Einfachste, den Tuberculosen zu erschlagen, dann wird er gewiss nicht an der Tuberculose sterben! Wenige, die mit dem Judenthume nichts mehr fühlen, haben ein solches Harikiri au sich vollbracht. Aber noch gibt es solche, in denen beim Hören jüdischer Leiden, beim Gedenken an jüdische Großtaten einstiger Zeiten eine verloren geglaubte Saite im Herzen wieder anklingt, welche wahrhaft, um angeblich ihren Kindern et:ie bessere Z'it zu verschaffen, in ihrem Gemüthe sich verbluten. Dieses sogenannte Heilmittel, welches die hyperklugen Aerzte des jüdischen Volkes Vorschlägen, ist also nicht anwendbar. Aber man schlug noch ein anderes vor. Man sah ein, dass es nicht angienge, dem jüdischen Volke zuzumuthen, was keinem anderen zugemuthet werden dürfte, auszulöschen aus der Geschichte den Jahrtausende alten Stamm, und die Trauer- und Freudengesänge nicht mehr den Kindern zu überliefern. Und sie sagten: Im Innern dürft Ihr Juden sein, aber nach außen verschwindet unter den Bürgern und Vollbürgern des Staates! Flugs machten sich viele Juden im centralen und westlichen Europa daran, diese Formel, die wirklich vernünftig schien, zu befolgen. Und heute? Alles, was man gemacht, ist krank und faul. Kein Ehrlicker glaubt daran, dass es was genützt. Die Juden, die diesem Rathe gehorcht haben, müssen mit eigenen Augen den Zusammenbruch ihrer Ideen ansehen, die Völker, unter denen wir leben, erkennen uns nicht als volle Bürger an. Hilfesuchend späht, was das Beste im Judenthume ist, nach Rettung desselben. Die große Masse verkommt im psychischen Leid, geht zugrunde im grässlichen körperlichen Elend. Das Volk hat nie aufgehört zu hoffen, aber die Hoffnung war ein ferner, loser Nebel, ein Geschlecht nach dem anderen sank dahin, und nie hat sich das Schiff des Volkes diesem Nebel bedeutend genähert. In allen Völkern fühlten sich die Ersten eins mit dem letzten Bauer, beim jüdischen Volke waren die Bande gelockert und lose. Ist es nun zu verwundern, kann man es nicht begreife!,, ohne zu lächeln und zu spotten, dass Juden sich finden, welche das leidende Stammeln ihrer Brüder verstehen, welche zuerst mit dem Herzen und dann mit dem Verstände sich dieser großen Masse näherten, und den Grund seiner Leiden zu begreifen versuchten? Das Heilmittel, schrie ihnen das Volk zu, ist uralt, ist Freiheit, aber Freiheit, die wir meinen, ist Licht und Sonne, welche zu uns nicht gelangen können, weil man den Schirm der Intoleranz dazwischen gestellt. Und so kam es, dass jene Männer, welche auch ihren Kaut gelesen und den Victor Hugo vergöttern, welche auch eine ungeahnte Seligkeit beim Anhören Beethoven'scher Symphonien und Bach'scher Oratorien empfinden, dass jene Männer sich sagen mussten: Genug ist's mit dieser Selbsterniedrigung, genug mit dem Betteln um Gunst! In fernsten Welttheilen kämpfen Völker um ihre Freiheit, welche selbst von gebildeten Europäern kaum dem Namen nach gekannt werden; cubaniscke Mischlinge, welche unter ihre Ahnen nicht die Makkabäer, nicht den Psalmensänger, Spinoza und Mendelssohn zählen, sterben lieber, als den Druck der Knechtschaft freiwillig zu ertragen. Und von Juden verlangen es Juden zumeist, dass sie auch dieselbe unterwürfige Demuth besitzen sollen, wie die Hof- und Kammerknechte zu der Zeit, da auch die anderen Völker nicht wussten, wie süß die Früchte des Freiheitsbaumes schmecken! So kamen jüdische Männer durch rein logische Schlüsse — ich spreche nicht davon, dass auch das Gemüth eine Rolle gespielt hat — zur Ueberzeugung, dass der Zionismus allein imstande sei. das Volk zu befreien und zu retten. Wenn aber einmal ein ehrlicher Mann zur Ueberzeugung kommt, dass ein Ding wahr und gerecht ist, dass es die logische Resultierende gegebener Prämissen ist, dann es ist nicht mehr Wille, dass er dieselbe vertritt, dann ist es kategorischer Imperativ. Die Wortführer des Zionismus wussten, dass sie damit eine schwere Verantwortung auf sich luden, aber in dem freudigen Echo, in einer tausendstimmigen Antwort bedrückter Menschen holen sie stets neue Kraft zum Kampfe für ihre Idee. Zwar möchte es scheinen, dass die Vergangenheit jener Männer, dass das, was sie auf anderem Gebiete geleistet, dass die Stellung, welch? sie sich in der Gesellschaft erworben, dass die Achtung, welche sie allen ihren Mitbürgern abgezwungen, dass all das eine genügende praesumptio sein sollte, dass auch ihr neues Werk nicht bar klarer Ueberlegung und logischer Folgerungen sei. .Jene, welche uns bekämpfen, mögen es mit sich abthun. Wir schämen uns nicht, dass wir uns eins fühlen mit dem galizischen oder russischen Ghettomenschen, in dem Bewusstsein, dass wir, weil wir es höher hinaufgebracht auf der Stufenleiter der menschlichen Gesellschaft, nicht mehr Rechte, sondern mehr Pflichten haben. So ist der Zionismus die Resultierende, der Ausfluss der uns klar zutage liegenden Vorbedingungen, wenn auch verschönt und vergoldet durch das Gemüth. Der Zionismus ist die Rettung für jene, welche in den gegebenen Verhältnissen nicht bleiben wollen oder nicht bleiben können. Alle aber, ob sie mit uns gleiche Gefühle und Gedanken haben oder nicht, sollen doch nicht vergessen, dass die Bewegung das Ziel sich gesetzt, Millionen nuferer ärmsten Brüder zu helfen. Jenen aber, welche glauben, dass das Ziel nicht zu erreichen ist, rufen wir zu: Thut Eure Pflicht, wie wir die unsere thun, damit man von Euch, wie von uns wich sagen können: Sie haben für ihr Volk wenigstens das Höchste gewollt, weil ihre Liebe zum Volke so mächtig gewesen. (Stürmischer, immer wieder sich erneuernder Beifall.) (Fortsetzung des Berichtes in nächster Nummer.) . » Aus Galizien. Keine einzige Presse dürfte sich mit den Juden und der Judenfrage soviel beschäftigen wie die polnische. Jede beliebige Gelegenheit wird benützt, um das sie 'offenbar äusserst interessierende Thema, wenn auch oberflächlich, zu berühren. Vergebens sucht man bei ihr nach tieferem Einblicke in die Frage und nach wirklichen, positiven Angaben; fast jeder ist stark ... in der Kritik. Einen Beweis statt vieler gewährt die letzte Nummer des Petersburger „Kraj“. Tn derselben ist an leitender Stelle ein Artikel zu lesen, dessen kritischer Th eil, mit Ausnahme einiger Stellen, sehr richtig ist, wogegen der positive überaus viel zu wünschen übrig lässt. Der Titel des Artikels ist: „Rings um die Judenfrage." Der Verf. erinnert darin an die im Vorjahre im „Kraj“ publicierte Unterredung des Lemberger Correspondenten mit den maßgebendsten Kreisen der galizischen Intelligenz über den gegenwärtigen Stand der Judenfrage im Lande. Dieses Interview, welches übrigens auch den Lesern der „Welt“ aus einem vorjährigen ausführlichen Referate bekannt sein dürfte, gibt nun dem Verfasser Gelegenheit, über die öffentliche Meinung Galiziens und deren Repräsentanten ein abfälliges Urtheil zu sprechen. „Wenn in einer Gesellschaft“, heisst es im Artikel „dort, wo rassenreligiöse

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