Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 14 (7.4.1899)
- Article
- Blätterstimmen [Kommentar] / Leiserowitsch, E.
- Date
- 1899-04-07
- Page
- 9 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 14 „Die Welt“ Seite 9 seit?, verleugnen ihre Abstammung, verleugnen ihre Brüder, helfen ihnen nicht bloss nicht, sondern haben den vermessenen Muth, dem Volke entgegenzutreten und ihr Vermögen gegen dasselbe zu verwenden. Solche Dinge sind gewiss sehr traurig, aber entmuthigen können sie uns nicht im mindesten. „Auch das ist zum Guten.“ Weit heilsamer für das jüdische Volk ist es, wenn der grosse Befreiungsplan durch das ganze Volk gefördert wird, als wenn dies durch einige Finanzgrössen geschähe. Wir müssen es uns abgewohnen, uns auf unsere „Grossen“ zu verlassen, wir müssen uns mit dem Gedanken vertraut machen, dass wir nur selbst uns helfen können und helfen werden. Unser grosser Lehrer Hillel hat gesagt: „Wenn ich nicht selbst für mich bin, wer denn?“ Wenn wir nicht selbst für uns arbeiten, wer denn soll es thun? Selbst müssen wir ein jeder Antheil nehmen an der Jüdischen Colonialbank. Unsere Sache in die Hände dieser Reichen zu legen, wäre ein Zeichen von Sclavensinn und Selbsterniedrigung. Genug lange schon dauert unsere Abhängigkeit von ihnen! Bevor wir uns vom fremden Golus befreien, müssen wir uns von unserem jüdischen befreien. Wir glaubten immer, dass wir allein nicht leben können, dass wir unter Fremden sein müssen, um eine Existenz zu finden. Wir glaubten ferner, unser ganzes Volk lebe von den Gnaden unserer Reichen, nur durch ihren Einfluss. Beide Meinungen sind falsch, und gegen diese beiden falschen Meinungen zieht der Zionismus zu Felde. Wir können allein in einem Lande leben, und wir brauchen auch jene gewissen Reichen nicht. Und das wird uns vor allem die Subscription auf die Actien der „Jüdischen Colonialbank“ zeigen. Was wir zur Ausführung unserer Pläne brauchen, ist Geld. Wenn die Shares rasch übernommen werden, so werden wir Geld haben. Dass aber das Geld gerade von den kleinen Leuten hereinkommen wird, von armen Arbeitern, welche ihre schwer verdienten Schillinge bereitwillig in Shares der Jüdischen Colonialbank anlegen, das ist etwas Erhebendes in unserer Bewegung, und das zeigt wiederum, dass wir mit dem Guten auch das Schöne auf unserem Wege finden. E. Leisero witsch. G Der erste Suliscriptwristag m London. (Orig.-Bericht der „Welt".) Was Stimmungsbilder anbelangt, so kann ich Ihnen erzählen, wie dafür gesorgt wnrde, dass das Interesse fortwährend wachgehalten werde, indem die frühzeitige Pnblicierung des Prospectes in der Londoner jüdischen Presse für den ganzen Freitag-Abend und Sonnabend einen Theil unserer Glaubensgenossen fesselte, während die Prospecte selbst, zwar vor dem Feiertage von uns versendet, aber nachlässigerweise von der Post verspätet an die Adressaten geliefert, dem anderen Theile über die Osterfeiertage Unterhaltungsstoff lieferte. Diesmal hörte man von feiner Philippika gegen die Bank von der Kanzel herab! Etwa wegen des geänderten Namens? Nun kam der 28. heran, der Tag, an dem ganz London und die Provinz ihre Zeitung und damit auch unsere Annonce zur Hand nahm. Früh schon stürmten Bekannte ins Bureau, um ein Resume der eolportierten City-Meinung 51t bringen. Es waren lauter uninteressierte Boten und wie wirklich günstig war diese Meinung! Jeder nahm es ganz ernstlich als sicher an, dass wir wenigstens unsere Viertelmillivn, wenn nicht mehr erreichen würden. Gegen Mittag war schon das jüdische Börsenelement bereit, alles ins Lächerliche zu ziehen, während die christlichen Brotters ihre Commis um Posten von Zeichenformularen entsandten und dieselben vor dem Bureau Queue machen mussten. Dies voraussehend, hatten wir schon in der Nacht vorher mit Hilfe unseres Personales und zweier Commis der Rechnungsrevision das Bureau so eingerichtet, dass keine Verwirrung stattfinden konnte. Im letzten Zimmer waren Drucksachen in allen Sprachen hoch aufgestapelt und Schreibtische zur Bequemlichkeit des Publicnms aufgestellt. Das Haupt- Bnreau war in alphabetische Abtheilungen getheilt; große Placate zeigten an, dass die exacten Beträge bereitzuhallen seien und keine Geldstücke gewechselt würden, und bezeichneten ferner den Ein- und Ansgang, um jedes Gedränge zu vermeiden. Besondere Comptoirs waren für locale Zeichnungen und für Postsendungen eingerichtet. Die Annahme-Listen der Beamten waren so arrangiert, dass sie einer dopelten Controlle unterzogen waren. Die ersten Zeichner kamen gleich früh aus Whitechapel und Spitalfields und mit feierlicher Würde wurde die erste Subscription am Ladenüsch vollzogen. Dann folgten die Provincial-Briefträger, und bis Mittag war schon wieder das Berzeichnungs-Bureau in vollster Thätigkeit. Dazwischen kamen die telegraphischen Glückwünsche zur Eröffnung der Subscription aus allen fernen Ländern und die Po fi brachte sackweise dicke Listen ausländischer Zeichnungen. Charakteristisch waren die Briefe von interessierten christtichen Judenfreundcn, die dem Unternehmen Glück und Segen wünschten und unter keiner Bedingung von der Subscription ausgeschlossen sein wollten. Geradezu reizende Briefe langten ans Irland von zwei christlichen Damen an, die ans 100 Actien subscribierten und gleich voll bezahlten, um nur sicher zu sein, sie zu erhalten. Ein jüdischer Arbeiter hielt sich stundenlang im Bureau auf, weil er ohne, die effectiven Actien, zu deren Bezahlung er gleich zwei goldene Souvereigns mitgebracht, nicht fortgehen wollte. Er hege kein Misstrauen, das Geld dazulassen, aber da er wüsste, dass die 2 Millionen weit überzeichnet würden, könne er selbst mit seiner Quittung übergangen werden, und erst das feierliche Ehrenwort des General-Secretärs bewog ihn, sich der Form zu fügen. Truppen von East-End-Bewohuern bildeten Spalier und sahen diejenigen, die mit ihren Quittungen zu der anderen Thüre hinansgiengen, ordentlich neidisch an. Die Nachfrage wegen Gründer -Actien war geradezu enorm. G ' fr. Alexander Marmorelt in Wien. Am Abend des 4. April a. c. fand sich im Ballsaale Ronacher ein außerordentlich zahlreiches und sehr gewähltes Publicum ein, um Dr. Marmorek aus Paris zu hören, der über das Thema: „ZurPsychologiedesZionismus" sprach. Der bekannte Gelehrte des Instituts Pasteur, einer unserer allereifrigsten und opferfreudigsten Gesinnungsgenossen, hatte sich auf die Bitte des Wiener Agitationscomitos in liebenswürdigster Weise bereit erklärt, einen Theil seines kurzen, nur wenige Tage dauernden Urlaubes unserer Propaganda zur Verfügung zu stellen. Mit großer Aufmerksamkeit folgte das Publicum den Ausführungen des Redners, der am Schlüsse seiner Rede durch allseitigen lebhaften Beifall belohnt wurde. Dr. Marmorek begann mit einem Hinweise auf das jüngst vergangene Peßachfest. Während die Freiheitsfeste, diese schönsten und stolzesten aller Feste, bei anderen Völkern von allen Kreisen gefeiert werden, haltert sich bei den Inden die gesellschaftlich Höherstehenden solchen Gedenktagen meistens fern: sie können ebensowenig die Erinnerung au Freiheit begreifen, wie sie das Streben nach dieser verstehen. Selbstverständlich stoßen neue Ideen auf Widerspruch. Der Kampf gegen das Nelle ist ebenso leicht, als er natürlich ist. Auch die Deutschen, die seit Jahrhunderten an der Viel- und Kleinstaaterei litten, begrüßten mit wenig Jubel den Vorstoß jener, welche sagten: „Es ist Zeit, alle zu vereinigen." Herzog Ernst von Coburg,, der sich über alle Standesvorurtheile hinwegsetzte und zu Turnern und Lehrern, Schützen und Sängern gieng, um in ihren Herzen die Sehnsllcht nach deutscher Einheit 51t wecken, wnrde nicht bloß von den Junkern und Fürsten — das wäre verständlich —, sondern auch am Biertische des Bürgers und in der Kneipe des gemeinen Mannes verspottet und verhöhnt. Und selbst die Guten, die treu mit ihrem Stamme ' Fühlenden billigten seine Pläne nicht, weil sie nicht realisierbar seien. So verhält es sich mit einer Bewegung, die heute der Geschichte angehört; es inöge nun an einem Beispiele, das uns am meisten angeht, der psychische Vorgang bei baden Factoren, der großen Masse und den denkenden Führern, geschildert werden. Der zionistische Gedallke ist uralt. Kann es denn anders sein, als dass ein Volk mit Wehmuth der Zeit gedenkt, da cs