Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 14 (7.4.1899)
- Article
- Die Propaganda
- Date
- 1899-04-07
- Page
- 6 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 6 Nr. 14 „Die & Welt?*- weissem Boden mit blauen Lettern in hebräischer Schrift „Subscriptions-Stelle der Jüdischen Colonialbank in London“ hergestellten mächtigen, schön ausstatteten Tafel hat unter dem hiesigen jüdischen Volke eine grosse Begeisterung hervorgerufen. Zum erstenmale sieht das Volk das Schild eines modernen Finanzinstitutes in einer dem ganzen Judenthume verständlichen Sprache und Schrift prangen. — Leute, von denen man Zeichnungen von bloss je einer Actie erwartet hat, haben freiwillig, fast unaufgefordert, das Zehnfache subscribiert. Schon am 28. wurden unterm Volke bei geringer Agitation über 500 Shares gezeichnet. Trotz der Gegenagitation ist mit aller Bestimmtheit zu erwarten, dass die Kolomeaer Zionisten 3000 Shares der Jüdischen Colonialbank zeichnen werden. Dank unserem unermüdeten, rastlos arbeitenden galizischen Führer Herrn Dr. Rosenheck wird auch in der Provinz sehr rührig gearbeitet und bedeutende Subscriptionen erzielt. Das Verlangen nach Zeichnungs-Formularen war so gross, dass das Subscriptions-Bureau sich veranlasst sah, eine grosse Auflage von Subscriptions-Erklärungen hier drucken zu lassen, um den Anforderungen gerecht werden zu können. Das zionistische galizische Bureau hat am 28. März zwölf tüchtige Wanderredner, darunter auch den beliebten Volksredner Herrn L. Taubes, nach allen Provinzstädten entsendet. Sehr charakteristisch ist, dass mit jeder Post von den entlegensten Winkeln Galiziens, wohin der Mahnruf zur Zeichnung ganz und gar nicht gedrungen, einzelne Zeichnungen, darunter auch Vollzahlungen mittelst Postanweisungen, anlangen. Auch in Zabic, einem Dorfe im tiefsten Karpathengebirge, wo in den Wäldern der schwarzen Berge (czarna göry) jeder culturelle und politische Weckruf verhallen muss, hat sich Israel aufgerafft und agitiert eifrig für die Subscription. Bis heute sind aus Zabic 20 einzelne Shares angekommen. Kossow, ein kleines Gebirgsstädtchen, hat bis zum 31. März 300 Shares geliefert. Kh. Belgrad. Bisher 800 Shares gezeichnet. Jassy. Die Agitationen für die „Jüdische Colonialbank“ dauern immer fort. Vorige Woche ist Dr. Lippe nach Podal-Iloie und Rabbiner Dr. Niemerover nach Trg.-Frumos gefahren und hielten daselbst Versammlungen zugunsten der Colonialbank ab. Die Resultate waren, dass Podal-Iloie, ein Städtchen von kaum 500 jüdischen Familien, auf der Stelle für 150 (hundertfünfzig) Shares die 20% einzahlte (viele, darunter Formular III), und in Trg.-Frumos der Andrang zur Subscription sehr stark ist. Auch hier bei uns wird nichts vernachlässigt, was das Unternehmen fördern könnte. Es wurden von der Section „prjf '221N" allein mehrere Commissionen behufs Aufnahme der Subscriptionen eingesetzt, die mit grossem Erfolge arbeiten. Unter diesen befinden sich die Herren M. Mathes, Dr. Nacht, J. Hirschensohn, Is. Nacht, Brande und viele andere. Seit dem Erscheinen der Prospecte ist auch der Andrang zur Zeichnung bedeutend lebhafter, die meisten der früheren Subscribenten vei doppeln, manche verzehnfachen sogar die früher (bei 10% Anzahlung) gezeichnete Zahl. Einige Details werden Ihnen wohl zeigen, wie weit das Volk seine Hoffnungen in die Bank setzt. Diese Woche gelang es einem sehr armen Wasserträger, die Zeichenstelle (Leo Popper, Banquier), die in einer der lebhaftesten Hauptstrassen sich befindet, zu erfragen. Flugs eilte er mit zwei Wasserkannen mit denen er beladen war, dahin, stellte seine Last draussen nieder und zeichnete drinnen eine „Jüdische Actie“.-In Podal-Iloie verlangte ein Holzhacker eine Actie mit dem Bemerken: „Ich will auch einen Th eil am Baue Jerusalems haben.“ — Besonders hervorzuheben ist es, dass diese beiden kaum 1—1-50 Frcs. per Tag verdienen, und dass sie die 20% für eine Actie vom Munde absparten. Im Vereine „p'Jt hatte man die gute Idee, am letzten Tage des Passah-Festes Aufrufe im Jargon in den Synagogen vertheilen zu lassen, und die Wirkung wird, wie ich hier zeige, die erfolgreichste sein. In den Synagogen und auf dem Heimwege hörte man von nichts anderem als von der Bank sprechen. Viele Synagogenvorsteher übernahmen es, in ihren Synagogen die Subscription zu besorgen. Bei den meisten bildete es das Tischgespräch. Ich selber war Zeuge, wie in einem Hause bei Tisch infolge des Gespräches mehrere hundert Shares gezeichnet wurden. Auch alle anderen Sectionen, wie I. „P'L mty“ u. „P'2 mpnÄ HI. „p'2 nm“ IV. ,)p'L *q“ und V. ni£}w entfalten eine wirksame Thätigkeit zugunsten der Bank. Die Section „Dr. Gaster“ (Universitäts-Studenten) und „p^ Hifi“ halten jeden Samstag und Sonntag Versammlungen ab. Auch wird ein kleines Fest geplant, das von allen zionistischen Vereinen gegeben werden soll. Warschau. Die hiesige Discontobank nimmt Beträge von zwanzig Rubel aufwärts für die Jüdische Colonialbank entgegen. — Als Rechtsconsulent für alle einschlägigen Angelegenheiten fungiert unentgeltlich Herr Rechtsanwelt Dr. J. J a s s i n o w s k i, 19, Nowolipki. Odessa. Einzelne Personen haben sich eifrig bemüht und auf eigene Faust Subscriptionen gesammelt. So brachte Herr J. Konstantinowsky 1120, Herr Dr. Awino wi z ky 540 Shares nur von kleinen Zeichnern zusammen. Massenmeeting in London. Am 26. v. M. fand im „Jewish Working Men's Club“ ein öffentliches Meeting statt, auf dessen Tagesordnung die Jüdische Colonialbank stand. Die Versammlung, der Dr. Gaster präsidierte, umfasste mehr als 2000 Personen, die in heller Begeisterung den Rednern des Abends, insbesondere Herrn Dr. Gaster, lauschten und markante Aussprüche mit stürmischem Beifall belohnten. Der Vorsitzende erklärte zunächst, dass an dem Abend des Meetings selber keine Subscriptionen entgegengenommen würden, um auch nicht den leisesten Verdacht aufkommen zu lassen. Erst nach Eintritt des angekündigten Eröffnungstermines könne an den bezeichneten Stellen Geld deponiert werden. Rabbi A. Werner (lebhaft begrüsst) sagte: „Vor drei Jahren ward das jüdische Volk durch das machtvolle Wort eines Mannes erweckt. Heute nun beginnt die active Arbeit, durch welche wir Juden unsere Fähigkeit beweisen sollen, die eigene Befreiung durchzusetzen. Ohne Geld lässt sich nichts erreichen. Wenn es uns gelänge, die ganze Summe aufzubringen, so würde das auf die Welt einen grossen, bleibenden Eindruck machen. Ich glaube wahrhaftig, dass es eine heilige Pflicht ist, Shares zu zeichnen. So zeigen wir Gott, dass es uns ernst ist mit unserer Sehnsucht nach dem heiligen Lande. Das Geld wird weder verschleudert, noch selbstsüchtigen Zwecken dienstbar gemacht werden. Wir dürfen ruhig den Namen vertrauen, die auf dem Prospecte stehen. Durch unsere Zeichnungen unterstützen wir ein Werk, das den Leiden unseres Volkes ein Ende machen wird, und das einen mächtigen Schritt vorwärts in der Verwirklichung des Ideals eines jeden treuen Juden bedeutet.“ Mr. J. Simons stellte sich als streng orthodoxen Juden vor. Er finde den Vorhalt als sei das Streben nach Palästina gegen den Geist des geschriebenen oder mündlichen Gesetzes, für absurd und lächerlich. „Wir haben unstreitig dasselbe gute Recht wie unsere Vorfahren, im alten Lande unseres Volkes Boden zu erwerben. Sollten wir denn niemals zu den Mitteln der Selbsthilfe greifen? Niemals den unglücklichsten von unseren Brüdern Rettung bringen? Als orthodoxer Jude warne ich Sie nicht allein, an das Märchen zu glauben, dass die zionistische Bewegung der Thora widerspreche, sondern ich fordere Sie direct auf, an dem Bankunternehmen sich zu betheiligen.“ Mr. Simons beantragte folgende Resolution: „Die Versammlung erkennt in der Gründung der Jüdischen Colonialbank das geeignete Mittel, um für das jüdische Volk eine Heimstätte in Palästina zu erwerben.“ Mr. J. Suwalsky weist auf die Nothwendiglceit hin, eine starke Geldmacht zu begründen. Es gehe eine Sage im jüdischen Volke, dass wir einst über eine goldene oder papierene Brücke heimziehen werden. Heute erhalte die alte Legende Sinn und Bedeutung. Es werde eine Brücke von Gold sein, das durch die papierenen Shares beschafft worden.