Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 14 (7.4.1899)
- Article
- Brief an die Rabbiner
- Date
- 1899-04-07
- Page
- 3 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 14 „Die Welt“ Seite 3 Beistand und Ermunterung aufblickt. Er raubt also dem Volke dessen einzige Stütze, die Hoffnung. Was aber gibt er ihm an deren Stelle? — Die Verzweiflung! Und in Anbetracht dessen, dass ein solcher Mann den Namen Zion tagtäglich beim Verrichten der Gebete und Segenssprüche im Munde führt, vom Herzen des Volkes jedoch die Liebe zu Zion tilgt, ist er ein Gleissner. 3. Ich behaupte, dass diejenigen orthodoxen Rabbiner, die den Zionismus unter dem Vorwände verwerfen, dass der Messias auf einem Esel zu reiten kommen werde, ohne dass ihm vorher die Bahn geebnet werden dürfte, unter dem Volke bewusst oder in Unwissenheit falsche Ansichten verbreiten, da die grössten unter den wirklichen Weisen in Israel (Maimonides u. a.), denen gegenüber unsere heutigen orthodoxen Rabbiner blosse Zwerge sind, stets betonten, dass die Golonisierung Palästinas ein wichtiges Gebot und eine schätzbare Vorarbeit für den messianischen Gedanken sei. 4. Ferner behaupte ich, dass diese Protestrabbiner, wenn sie öffentlich verkünden, dass wir Zionisten Zwecke verfolgen, welche den Principien des orthodoxen Judenthums widerstreiten, absichtlich falsche Beschuldigungen unter dem Volke ausstreuen, Müssen sie ja wissen, was wir auf beiden Baseler Gongressen aller Welt ausdrücklich kundgethan haben, dass nämlich unsere Culturbestrebungen die religiösen Ueberzeugungen nicht im geringsten berühren und dass wir Zionisten jeden Juden nach seiner Fa<jon selig werden lassen. Wir wollen bloss unserer Jugend eine jüdische Erziehung geben, das heisst wir wollen unseren Kindern ausser den allgemeinen Kenntnissen, die sie sich den Landesgesetzen zufolge aneignen müssen, die Kunde der hebräischen Sprache, der Bibel, des Talmud und der jüdischen Geschichte beibringen und fernerhin ihre abgemergelten, kraftlosen Leiber d u r c h E i n f ü h r u n g v o n Luft und Licht in die Ghedarim, sowie durch schul gerechtes Turnen stärken. Alles andere überlassen wir den Eltern und Rabbinern. Dieses unser Verfahren ist von allen orthodoxen Rabbinern, die der Geist des Judenthums erfüllt und die das Heil ihres Volkes suchen, gutgeheissen worden. Gott sei Dank, es gibt auch noch solche Rabbiner in Israel. Glauben aber diejenigen Orthodoxen, welche uns verdächtigen, thatsächlich, dass die Gymnasien und sonstigen allgemeinen Lehranstalten unsere Jugend besser vor dem Unglauben schützen, als die zionistischen Schulen? Leiten s i e etwa den Unterricht oder können sie ihn leiten? Wir Zionisten machen nicht viel Worte, sondern handeln entschlossen und ehrlich. 5. Ich behaupte, dass, wie jetzt, ebenso in Zukunft, wie in Europa so auch in anderen Weltheilen, nicht minder in Palästina, verschiedene Tendenzen und Auffassungen hinsichtlich der religiösen Begriffe herrschen werden, da es anders nicht sein kann. Ebenso wie der orthodoxe Rabbiner gegenwärtig nicht bewirken kann, dass es nebst Ghassidim und Frommen nicht auch Freisinnige gebe, ebenso wie diese letzteren die Orthodoxen nicht zum Aufgeben ihres Standpunktes bewegen können, genau so wird es sich in Palästina und anderwärts verhalten. Dies darf uns jedoch nicht abhalten, gute Juden zu sein. Uebrigens bin ich fest überzeugt, dass unsere künftigen Rabbiner in Palästina tiefer in den Geist der Thora und des Talmud eindringen und infolge dessen toleranter sein werdeli als diejenigen, die nur den Buchstaben hochhalten, ohne in den Geist einzudringen. 6. Wiewohl sich nicht sämmtliche Zionistenführer rituell die Hände waschen, sind ihre Hände reinlicher als die mancher Protestler und Scribenten, die alle Angelegenheiten des Volkes in Pacht genommen zu haben glauben und uns ohne Unterlass verdächtigen und am Vorwärtsschreiten behindern. Wiewohl ferner nicht alle Zionistenführer ein rituelles Bad nehmen — vielleicht aus hygienischen Gründen — schlägt ihr Herz jedenfalls wärmer für ihr Volk als das gewisser frömmelnder jüdischer Jesuiten, die alle Gebräuche haarklein üben und daneben bereit sind, ihr Volk um ein Linsengericht zu verkaufen. Ich will bei dieser Gelegenheit durchaus nicht den Bescheidenen spielen. Es sind jetzt ungefähr 35 Jahre, seitdem ich mich auf dem Schlachtfelde befinde, um die körperlichen und geistigen Wunden Israels zu heilen. Ich habe mehr jüdische Seelen gerettet als hundert Protestrabbiner zusammengenommen und blicke daher mit Verachtung auf die gleissnerischen Müssiggänger, die die Hände in den Schoss legen und dem Zugrundegehen ihres Volkes seelenruhig zuschauen, bloss um ihre eigene Haut besorgt, die durch den Zionismus allenfalls Schaden nehmen könnte. Ich bin einstweilen nicht in der Lage, irgendeinem von ihnen ein gutes Stellchen zu verschaffen, das möglicherweise bei manchem einen Sinnesumschwung herbeiführen würde ... 7. Ich begreife diejenigen Juden ganz gut, die an der Realisierbarkeit des zionistischen Planes zweifeln und die deswegen kleinmüthigbeiseite stehen. Es gibt viele Hindernisse auf unserem Wege, die sich zuweilen zur Bergeshöhe erheben. Ich selbst verzweifle manchmal an dem Erfolge unserer Sache, insbesondere, wenn ich mir derlei Protestrabbiner und zahlreiche andere offene und heimliche Gegner aus unserer eigenen Mitte gegenwärtig halte. Allein der Jude, der die Idee des Zionismus zu erschüttern trachtet, der ihr entgegentritt oder mit ihr sein Gespötte treibt, der versündigt sich an der Menschheit und Menschlichkeit, macht nicht den Zionismus, sondern sich selbst lächerlich. Denn die zionistische Bewegung ist gross und herrlich, und sie kann vollständig ihr Ziel erreichen, wenn nur der Geist Gottes den verstockten Sinn Israels beseelt und diesem Volke die Augen öffnet und die Ohren erschließt, oder aber die Schale seines Zornes über die Feinde in unserer Mitte ergiesst. G Die Jüdische Colonialbank. Subscriptionsstellen: Centrale I. The Jewish Colonial Trust (Jüdische Colonialbank) Limited, London E. C. Broad Street Avenue. * London und englische Provinzen. London and Provincial Bank (Limited) London. 7 Bank Buildings, Lothbury. * Südafrika. The Bank of Afrika (Limited). * Oesterreich-Ungarn, J. L A. Brecher, Wien, IX. Liechtensteinstrasse 2. Jüdisch-nationaler Bankverein, Kolomea. *