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Die Welt · 1899-04-07 · 14 (7.4.1899) · p. 2

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
14 (7.4.1899)
Article
Colonialgedanken
Date
1899-04-07
Page
2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 „Die Welt“ Nr. 14 wie mit einem einzigen Ruck weit hinausgekommen; das Weltideal hat seine Physiognomie verändert und anstatt des bisherigen politischen Merkmals wird es von dem civilisatorischen beherrscht. Fürwahr, es lohnt nicht mehr, in engem Kreise sich um Rheingrenze und Reichsland, um Zollschranken und Ausgleich, um Homerule und Garantiegesetz herumzubalgen, wenn draussen weit in jüngst noch märchenhafter Oceansferne die Contouren eines neuen, unermesslich reichen Himmels auftauchen, der zur Verkeilung steht. Nur aber ist es damit nicht gethan, dass sich unsere Jugend im Kampfe um Secession und „Moderne“, im erniedrigenden Classen- und Rassengezänk erschöpft; aus dem Geschlechte von heute müssen neue Cortes und Pizarros heraufwachsen, die mit den gesitteten Mitteln der heutigen Civilisation unsere hypertrophische Gultur zum Universalbesitze erweitern, zum Besitze auch derjenigen Völker, die überhaupt noch keine Cultur besitzen oder in der Unbeweglichkeit und Altersschwäche der ihrigen erstarrt sind. Im Handumdrehen und ohne eigenes Hinzuthun wird kein Volkznm Colonialvolke und keine Macht zur Colonialmacht; wenn ein Cecil Rhodos den Plan fasst, Afrika vom Cap der guten Hoffnung bis zum Nildelta mit einer Eisenbahn und einer Telegraphenlinie zu durchqueren, so steht er auf den Schultern von zwölf zur Colonialpolitik erzogenen Generationen des englischen Volkes. Uns continentalen Europäern kommt dieser moderne englische Conquistador der Civilisation wie ein Abenteurer oder im besten Falle wie ein Wunderthier vor; wir können in unserer blutjungen colonialen Evolution uns noch nicht losmachen von der gewohnten altvaterischen Vorstellung eines Afrikareisenden wie Vogel, Barth, Junker, Livingstone, eines Asienpilgers wie Marco Polo oder eines Löwenjägers, wieGerard. Aber es wird doch wohl geschehen müssen dass wir aus der Continentmenschen-Haut herausfahren, wenn wir in die Haut unserer Zeit hineinwachsen wollen. Uns thut eine neue Pädagogik noth, eine Pädagogik der Weltcivilisation, anstatt derjenigen der europäischen Civilisation, in welcher wir bisher befangen waren. Wie diese Pädagogik beschaffen sein soll P Wir denken, die Geographie allein thut’s nicht. Hat Goethe einmal von einer Weltliteratur und das politische Geschlecht, das nach ihm kam, von einem Weltbürgerthum geschwärmt, so ist es an der Zeit, das in argen Verruf gerathene alte Weltbiirgerthum für unsere Zeit umzuprägen, so zwar, dass es sich mit einem starken Nationalgefühle verträgt, welches seiner überschüssigen Kraft neue Gebiete eröffnet und erobert. Das englische Volk muss als untrügliches Lehrbeispiel dienen. Die Franzosen haben sich durch ihren monotonen Gloirecultus effeminiert, die Deutschen durch metaphysische Speculation entmannt. Jetzt sind sie aufgerüttelt durch Englands Vorbild und Russlands immanente Expansionskraft. So viel steht fest: die alten Macht- und Herrschaftsideale beginnen „dürre Heide“ zu werden, seitdem die Erkenntnis platzgegriffen hat, dass in der Ferne am Gelben Meere „schöne, grüne Weide" ist, die allen zugänglich. Im unwiderstehlichen Zuge dieser grossen, beinahe phantastischen Zeit muss jede Bewegung, von der die Völker ergriffen sind, sie nenne sich, wie sie wolle, versanden, wenn sie nicht anknüpft an das grosse Problem der Golonisation. Der Zionismus befindet sich mitten in diesem Zuge der Zeit, denn die Colonisation ist sein Lebensprincip. Eine Golonisation freilich, die nicht erst neue Gefilde nationaler Lebenskraft zu erobern hat, sondern alten heimatlichen Boden der modernen Civilisation zu erschlossen bestimmt ist. Wir haben es gesagt: ein echtes, unverfälschtes Nationalgefühl ist die Voraussetzung gedeihlicher Colonisation. Der Zionismus hat bereits seine coloniale Pädagogik bei der Arbeit; die Pionniere, deren er bedürfen wird, stellt ihm die tapfere, sehnsüchtige Jugend, die sich zu ihm bekennt und die seine Zukunft darstellt. Ihre Gedanken sind hingelenkt zu dem Lande der Väter, zu dem Erbe, das seit zweitausend Jahren ihrer harrt. Und die jungen Augen blitzen freudig auf, wenn sie aus der Ferne erblicken, was nahe, ganz nahe werden soll, denn näher ist dem Menschen doch nichts in der Welt, als die Heimat. Die Fremde zur Heimat zu machen, ist das Ziel der europäischen Colonialpolitik, zur Heimat aus der Fremde strebt die zionistische Colonisation. In ihr vermählt sich das universelle Ideal der Gegenwart mit dem unauslöschlichen Ideal einer ehrwürdigen Vergangenheit. - G Brief an die Rabbiner.*) Von Dr. Max Mandelstamm. „Von einem vertrauenswürdigen, hochgeachteten Gesinnungsgenossen ist mir die Nachricht zugekommen, es befänden sich unter den russischen orthodoxen Rabbinern etliche, die sich anschicken, die deutschen Protestrabbiner nachzuahmen und gleich ihnen wider den Zionismus den Bannfluch zu schleudern. Als einer der zionistischen Führer erachte ich es für meine Pflicht, gegenüber diesen gesetzestreuen Herren nachstehende Erklärungen abzugeben: 1. Ich behaupte, dass diejenigen Juden, die nicht zumindest der Idee und dem Empfinden nach Zionisten sind — auch keine Juden sind. Zionist sein heisst Jude sein; sich als ein Glied des jüdischen Volkskörpers ansehen und fühlen. Für den Zionismus thäug sein heisst, sich bestreben, dieser Nation behilflich zu sein in der Auffindung einer gesicherten, friedlichen Heimstätte für ihre unsteten Söhne, wo diese ein Leben wie jedes andere Volk führen sollen — ehrenvoll und menschenwürdig, ihrer Eigenthümlichkeit und Veranlagung gemäss. Jeder Jude, der dieses Bestreben, welches sich auf die allgemeine Menschenliebe, auf die Anforderungen des Rechtes und der Moral gründe!, bekämpft, der möge sein, was er will — Jude ist er gewiss nicht. Die Beobachtung von Vorschriften allein berechtigt noch niemand, sich als Jude anzusehen. Es gibt unter den Bewohnern unseres Landes zahlreiche Sectierer — sie werden als „Judaisierende“ bezeichnet — die das Gebot der Beschneidung, der Zizitli und Tefillin, des 8chachtens etc. treu befolgen und die sich dennoch mit demselben Rechte Juden — im nationalen Sinne — nennen dürfen, wie ich mir den Namen Chinese beilegen dürfte, wenn es mir in den fcinn käme, die Gebräuche der Chinesen zu beobachten. 2. Ich behaupte, dass orthodoxe Rabbiner, insofern sie sich gegen den Zionismus feindselig wenden, eine grössere Sünde begehen als diejenigen, die ihr Volk treulos verlassen. Denn diejenigen, die ihr Volk verlassen, wenden ihm für immer den Rücken, offen und ohneaHintergedanken. Sie stellen keine Ansprüche an das Volk, ja nützen ihm sogar zuweilen. Allein ein orthodoxer Rabbiner, der den Zionismus schmäht, behält seine Stellung innerhalb der Gemeinde, lebt in ihr und von ihr und verlässt sein Volk trotzdem zu einer Zeit, da dieses zu seinen geistlichen Führern um *) Unser ausgezeichneter Gesinnungsgenosse Professoi Mandelstamm hat an die orthodoxen Rabbiner Russlands diese Erklärung gerichtet, die in den hebräischen 'Tagesblättern „Hameliz“ und „Hazefirah“ vom 24. März d. J. abgedruckt ist. Anm. d. Red.

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