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Die Welt · 1899-04-07 · 14 (7.4.1899) · p. None

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
14 (7.4.1899)
Date
1899-04-07
Page
None (sequence 5)
Language
German
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Noch nie sind zwei Zeitabschnitte, die einander folgten, so unähnlich gewesen, wie die Gegenwart, in der wir leben, und die unmittelbare Vergangenheit, deren letzte Reste wir abzuräumen im Begriffe sind. Man sucht nach Analogien, aber man findet sie nicht. Die Scholastik wird von der Renaissance abgelöst, aber es ist ein langer Process, der sich reichlich über anderthalb Jahrhunderte erstreckt, von Dante bis Erasmus. Die Entdeckung Amerikas wird schulmässig als der Grenzpunkt zwischen Mittelalter und neuer Zeit bezeichnet, aber erst Kopornikus und Galilei mussten noch kommen, um den zähen Geist des Mittelalters ganz zu verscheuchen* Wir Jetztlebende haben das Phänomen der Epochenablösung mit unheimlicher Raschheit innerhalb dreier Jahrzehnte sich vollziehen gesehen, wir gewahren an der Grenze noch die Rück* zugsscharmützel der abtretenden Generation, die nach .hartem Kampfe von der neuen überwunden wurde, und wie immer, wenn eine Zeit sich geneigt hat und eine andere angebrochen ist, weht ein scharfer, aufregender Wind durch die Welt. Man hat das Gefühl, als ob man durch einen zugigen Hohlpass schritte, jenseits dessen etwas völlig Neues, etwas noch niemals Dagewesenes harre. So ist es in den Perioden, die wir als Uebefgangs- Zeiten zu benennen pflegen, bis zu einem gewissen Masse wohl immer gewesen, aber heftiger, rapider, überraschender als der Pebergang, den wir erleben, war keiner, seitdem es Geschichte gibt. Nicht umsonst ist der elektrische Funke, der Raum und Zeit verkürzt, das wahre Symbolum unserer Epoche. Wenn wir die ungeheure Wandlung, die sich zwischen dem Leben unserer Eltern und dem unseren vollzogen hat, an ihren bestimmenden Merkmalen erkennen wollen, so ist es das deutlichste, zu sagen, dass wir aus dem Zeitalter des Nationalitätenkampfes in das Golonialzeitalter hinüber- und heraufgewachsen sind. Hinüber- und heraufgewachsen — wir sagen es mit Bedacht, weil mit den ungleich edleren Motiven und nützlicheren Zielen des Colonialzeitalters die Motive und Ziele der Nationialitätenepoche sich nicht entfernt zu messen Vermögen* Es waren ohne Zweifel grossartige Veränderungen, welche durch die Einigung Deutschlands und Italiens herbeigeführt wurden, und statthaft ist sogar vielleicht der Glaube, dass diese Veränderungen die nothwendige Voraussetzung des Colonialzeitalters waren. Aus dem erfüllten oder nach Erfüllung ringenden Nationalitätsgefühle reifen die Kraft und der Muth, die zur Besiedlung und zur völligen Besitznahme des Heimatbodens erforderlich sind. Der Zionismus ist in dieser Hinsicht eines der lehrreichsten Beispiele. Doch der Nationalitätenkampf ist an sich kein erhebender Kampf, wenn er die Leidenschaften der Nationalitäten gegeneinander entfesselt, und er bietet überdies nur zu sehr despotischer Herrschbegier ein bequemes Instrument, um aus dem Hader der Nationalitäten ein gefährliches Drittes, die Macht der Reaction, zu destillieren. In diesem Sinne hat Louis Napoleon das zweite Kaiserreich zum Hort der Nationalitäten ausgerufen. Wie anders, auch im Lichte der slavisch* deutschen Batrachomyomachie unseres nächsten Umkreises betrachtet, stellt' sich der gewaltige civilisatorische Fern* drang dar, der mit einemmale die starken und einigen Völker ergriffen hat und zur weltausgreifenden Gon* currenz mit dem meerbeherrschenden England antreibt! Und wie unfassbar gross beinahe ist das Bild deP Ereignisse, das sich seitdem vor unseren Blicken auf5 rollt! Wir haben staunend gesehen, wie binnen weniger! Monaten die Colonialmacht Spaniens nach vierhundertjährigem Bestände jählings zusammenbrach, aber zugleich tauchte, wie ein Märchen zuerst, das sich aber bald in greifbare Wirklichkeit verwandelte, die unermess* liehe Idee von der Auftheilung Chinas zwischen den europäischen Colonialmächten auf. Die alten Eifersüchten, Nebenbuhlerschaften und Machtstreitigkeiten auf unserem Welttheil schrumpfen zwerghaft zusammen, niemand erhitzt sich mehr wegen der polnischen, der finnländischen, der trentinischen Frage, ja nicht einmal mehr wegen der französischen Revanche-Idee. Wie hypnotisiert heften sich alle Augen nach dem Grossen Ocean, zu dem das ungeheure Werk der sibirischen Eisenbahn hinstrebt, wo die Flaggen der europäischen Mächte über neu erworbenen Strandgebieten flattern und Handel, Verkehr Industrie sich neue Export- und Absatzquellen zu ei> sehliessen im Zuge sind. Schiller fasste den Sinn der Staatenpolitik indenVers zusammen: „UmHerrschaft und um Freiheit wird gerungen“, aber darüber sind wir

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