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Die Welt · 1899-03-31 · 13 (31.3.1899) · p. 16

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
13 (31.3.1899)
Article
Ein Lied
Date
1899-03-31
Page
16 (sequence 1)
Language
German
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Seite 16 „Die A Welt“ Nr. 13 Feuilleton Ein Lied. Ich hörte ein Lied. Von fernher es klang, Fern von der Erde Weiten ... Ich hörte eine Thräne, die raunte und. sang Ein Lied aus langen Zeiten. Und es zog das Lied in die Seele mir ein, Ins funkelnde Auge die Thränen . . . Und Weinen und Lachen und Sonnenschein Und ein wildes, zehrendes Sehnen. Freiburg i. Br. Theodor Zlocisti Der Auszug. Von Ben-Ami (Odessa). II. Auf einem ungeheuren ebenen Raume wimmelt es hx, allen Richtungen von zehntausenden von Sclaven, die noch vor dem Aufgang der Morgenröthe gleich Lastthieren zur Arbeit hinausgetrieben worden waren. Bei jeder Abtheilunfgx stehen einige Beamte und Aufseher mit Peitschen in den Händen. Ungeheure Granitblöcke, gehobelte und ungehobelte Stämme von Palmen und Eichen und Haufen von Lehm und Stroh liegen überall wirr herum. An verschiedenen Stellen sieht man die begonnenen Bauten grandioser Tempel und Paläste. Hier soll die neue Residenz Ramses oder Tanis5 mit Bauten geschmückt werden für die neue Dynastie, die ihre Residenz nach dem Norden, hart an das Delta, verlegt * hatte. Abgemagert, abgehetzt und ausgemergelt sehen diese unglücklichen Parias aus, gleichsam wandelnde Gerippe*^ Nur die tief eingefallenen Augen mit dem ewigen Ausdruck der Furcht vor der schrecklichen Peitsche des grausamen Aufsehers, diese von Qual und Hass entstellten und von Falten tief durchfurchten, erdfahlen Gesichter legen Zeugnis davon ab, dass es lebende Menschenwesen sind, die den Druck und das Schandmal der Sclaverei brennend empfinden. Der nackte Leib, der mit einem nach vorne zu sich aus-’' breitenden Gurt bedeckt ist, ist von tiefen blutigblauen Streifen durchzogen und besäet mit blutenden Geschwüren und Wunden von den grausamen unmenschlichen Schlägen und Peitschenhieben, die ihnen die pharaonischen Henkersknechte bei den unmenschlichen Arbeiten austheilen. Trotz der frühen Zeit ist die Arbeit bereits in vollem Gange. Abseits von den anderen steht ein entkräfteter Greis und quält sich damit ab, einen ungeheuren Stein, den er fallen gelassen, wieder auf die ausgemergelten, sonnverbrannten Schultern zu laden. Er nimmt seine letzte Kraft zusammen, und es gelingt ihm, den Stein zu heben, doch in seiner Erschöpfung kann er den Stein nicht halten und kraftlos bricht er unter der gewaltigen Last zusammen. Der dem Greise nachfolgende Aufseher wirft sich fluchend über ihn her, und mit bestialischer Wuth peitscht und tritt er den Körper des Greises. Da, ausserstande, die in dem jungen feurigen Herzen auflodernden Gefühle des Schmerzes und Zornes zurückzudrängen, ergreift Moses sein Schwert und stürzt sich auf den verthierten Söldling. Und nachdem er die Leiche des erschlagenen Aegypters im Sande verscharrt, zieht er weiter. Unweit sieht man einige hundert Sclaven, deren skelettartig ausgetrocknete Leiber mit schwarzem, schmutzigen Schweisse gänzlich bedeckt sind, einen colossalen Stein heben und die fürchterlichsten Anstrengungen machen, um ihn . unter dem bedrohenden Peitschenknalle der ägyptischen Beamten auf einen Stein von derselben Grösse zu wälzen In einiger Entfernung sieht man unzählige Gruben, in denen Herausgeber: P. Naschauer. Verantw. Red.: Dr. Siegm. Werner. es ameisenartig von Sclaven wimmelt, die mit den Füssen einen dichten, mit Stroh untermischten Lehm treten, und gleichsam als Musikbegleitung schallt der ununterbrochene Knall der herniedersausenden Peitschen und das Jammergeschrei der gefolterten Opfer. „Dies sind die Mittel, durch die der Ruhm und die Herrlichkeit der Herrscher errichtet werden,“ dachte Moses in tiefer Bekümmernis. — »Der Ruhmesstein eines berühmten Herrschers wird zum Grabstein für hunderttausende, von denen keine Kunde auf die Nachwelt dringt. Nicht die Grossthaten des Menschen verkünden diese Paläste, Tempel, Pyramiden und Obelisken, — sie zeugen vielmehr von seiner tiefen Erniedrigung. Nicht Ruhm und Preis, sondern Schmach und Schande verewigen diese Denkmäler. Nicht sollten sie in uns Bewunderung und Entzücken erregen, sondern Schmerz und Entrüstung.“ Abermals streifte sein Blick die hunderttausende der Gemarterten, todtgehetzten Parias. In tiefer Bewegung richtete er seine thränenglänzenden Augen zum Himmel empor und senkte sie wieder, und mit einemmale von einem allumfassenden Mitleid und einer grenzenlosen Liebe zu all diesen verachteten Märtyrern ergriffen, sprach er gerührt „O, meine theuren, angestammten Brüder, wie konnte ich auch nur einen Augenblick Euer vergessen und, ferne von Euch, in einem Kreise leben, der mir fremd ist. Sie haben mich allerdings geliebt und gekost und dachten eine zeitlang nicht an meine Geburt. Aber ist es nicht erniedrigend und schmachvoll, sich an dem zu ergötzen, wessen hunderttausende unserer Brüder beraubt sind! Gnaden- und Gunstbezeugungen aus denselben Händen zu empfangen, die Schmach und Erniedrigung meinem Volke bringen! Ich, der Sohn des geknechteten, zu einem Lastthier herabgedrückten Pariavolkes, ich sollte mich den Freuden des Genusses hingeben an der Tafel seiner Kn echter! Mich stillschweigend laben an den Früchten seiner Qualen, seiner Schande. Nein, o nein, nicht dort, nicht in dem prunkenden Palaste des Pharaokönigs ist fortan mein Platz, sondern in Eurer Mitte, unter meinen unglücklichen, schicksalsverfolgten Brüdern. Mit Euch und für Euch will ich von nun an leben und leiden. Fremd sind mir die Aegypter, fremd und verhasst ihre Götter, nie wird mir Aegypten das Land der Heimat werden, auch Euch nicht, meine Brüder, die Ihr hier nur Schmach und Knechtschaft erfahren. Nein, ich bin kein Aegypter, ich bin der Sprosse Abrahams, und Kanaan ist mein Heimatsland. Ich bin Dein, Dein bin ich von nun an, mein unglückliches Volk. Euch, meine Brüder, gehöre ich nun ganz, mit euch will ich theilen Freuden und Leiden. Entweder Ihr alle werdet freieMänner sein, oderauchich werde ein Sclave sein gleich Euch. Doch Ihr werdet frei sein. Mein Herz, das in unendlicher Liehe zu Euch auflodert, mit Macht und Kraft ist es erfüllt. Gleich dem Nil zur Zeit der Ueberschwemmung, so überfluten es Hoffnung und Vertrauen, und zu Grossem fühle ich mich berufen. Fürwahr, meine leiderfüllten Brüder, frei sollt Ihr sein, frei in Eurem eigenen Heim.“ Bittend und zugleich vertrauensvoll hob sich sein begeistert glühendes Auge gen Himmel, abermals Hess er seinen Blick voll unendlicher Liebe und tiefen Mitleids über die Schar seiner geknechteten Brüder schweifen, und raschen Schrittes begab er sich auf den Weg nach dem Lande Midjans. (Forsetzung folgt.) Briefkasten der Redaction. Die zionistischen Vereine werden nochmals aufmerksam gemacht, dass nur Berichte, die mit der Vereinsstampiglie versehen sind, berücksichtigt werden. Die Publication erfolgt nach Massgabe des Raumes. Es wird gebeten, die Berichte ganz kurz zu fassen, damit die Veröffentlichung nicht unnöthigerweise verzögert "werde. Die p. t. Einsender werden gebeten, das Papier nur einseitig zu beschreiben! Manuscripte werden nicht retourniert. Buchdruckerei „Industrie“ (S. Bergmann) VIII., Schlösselg. U

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