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Die Welt · 1899-03-31 · 13 (31.3.1899) · p. 10

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
13 (31.3.1899)
Article
Budapest [Nachricht]
Date
1899-03-31
Page
10 (sequence 2)
Language
German
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Seite 10 „Die H Welt“ Nr. 13 stadt sehr beweinen. Seine Woliltliätigkeit war grenzenlos. Ganze Familien lebten von seinen Unterstützungen, er selbst jedoch, der ein Vermögen von anderthalb Millionen hinterliess, bewohnte zwei Zimmer im dritten Stocke, gleich einem armen Diurnisten. Er that dies nicht aus Knauserei, gab er doch jährlich im Stillen Tausende für Wohlthätigkeitszwecke hin, aber er hatte eben keine Bedürfnisse. Er beschäftigte sich überhaupt mit lichts anderem als der Unt< rstützung von Armen, damit verstrich sein ganzes Leben. Bereits Moriz Wahrmann sägte einmal von ihm: „WennT ich soviel Zeit hätte wie mein Bruder Alexander und so viel Verstand wie mein Bruder Josef, so würde ich unter die grössten Männer .'es Jahrhunderts gereiht werden“. Diesem seinem Bruder Josef hinterliess Alexander Wahrmann 300.000 fl. Ebensoviel erbt eine Schwester von ihm, und sein in Wien lebender Bruder, der Arzt ist. Eine andere Schwester, die in Wien wohnt, erhielt nur 10.000 fl., weil deren Kinder, mit Ausnahme eines Knaben getault sind. Die 10.000 fl. kommen dem Jude gebliebenen Knaben zugute, die Mutter bat nur den Niessb tauch der Zinsen. Die Kinder Moriz W a hrman ns, R i e h a r d, Ernst und Rene, die sämmtlich getauft sind, liess er in seinem Testamente leer ausgeben. In demselben wendet er sich mit äusserster Schärfe gegen diejenigen, die i h r er C o n f e s s i o n den Rücken kehren.“ — Die Volkspartei, unter deren Banner sich sänmitliche dermalen und judenfeindlichen Elemente Ungarns scharen, geht mit dein Plane um, in nächster Zeit christliche Co n s u m vereine nach dem Muster der galizischen Kölka rolni« zzu gründen, die sich in unzähligen Verzweigungen über das ganze Land erstrecken sollen. Käme dieser Plan zur Ausführung, so würde das einen empfindlichen Schlag für den jüdischen Kleinhandel, insbesondere auf dein Lande, bedeuten. Frankreich. Paris, 27. März. Die vereinigten Senate des Cassationshofes unter Vorsitz des Präsidenten Mazeau prüften heute in geheimer Sitzung das geheime Dossier Dreifus’, welches von General Chanoine und Capitän Cuignet aus dem Kriegsministerium gebracht worden war. — Im Senat äusserte Trarieux den Wunsch, über die Art der Führung der Untersuchung gegen die „Ligue de la defense des droits de rhomme“ zu interpellieren. Justizminister Lehret erklärte sich mit der sofortigen Fragestellung einverstanden. Trarieux fragte, warum man bloss gegen 5 von den 33 Comitemitgliedern die Untersuchung eingeleitet habe, und protestierte gegen die ungleich-massige Behandlung. Lehret erwiderte, die Regierung habe sich die Auflösung der Vereinigungen zum Ziele gesetzt. Zu diesem Behüte sei es nicht nothwendig, das gesummte Comite zu verfolgen. Die Regierung lege nicht Wert darauf, die Strafbarkeit constatiert zu wissen, sondern sie wolle lediglich eine gerichtliche Entscheidung provozieren. — Marcel Prcvost wurde zum Präsidenten der „Societd des gens de lettres“ gewählt. Dies besiegelt die Niederlage der Anti-Revisionisten. Rumänien. Bukarest. Im rumänischen Parlament gab's neulich eine interessante Judendebatte. Der Deputierte C o g ä l n i c e a n u griff die Regierung in heftiger Weise an, weil sie im Verlaufe der letzten zwei Monate nicht weniger als zweihundert Fremde, d. h. eingeborene Juden, ausgewiesen hatte. Der bekannte Antisemit Politimus nahm die Regierung in Schutz und entgegnete Herrn Cogalniceanu, die meisten Juden seien wahre Anarchisten und ein Krebsschaden für Rumänien. Dem gegenüber machte Cogalniceanu geltend, dass in dem Zuchthause zu Oku a gegenwärtig 3'0 Mörder hinter »Schloss und Riegel sitzen, von denen bloss einem einzigen das Blut der Patriarchen durch die Adern rinnt, während die übrigen sich der Abstammung von den römischen Colonisten berühmen, die Trajan in Dacien an sied eite. Allein Herr Politimus liess nicht locker. Er ist als Vollblut-Arier eine Herrennatur und — triebhaft-natürlich — ein eingefleischter Gegner des „Solavenaufstandes in der Moral“. So ein kraftvollwuchtiger Hieb mit der Mordaxt, meinte er, zeuge von mannhaftem Muth und unverzagter Entschlossenheit, Eigenschaften, die der knechtischen Menschenrasse der Juden ganz und gar abgehen. Herr Cogalniceanu wäre kein richtiger Judenbeschützer gewesen, hätte er dieser letzteren Behauptung nicht ohne weiteres unumwunden beigepflichtet, doch erlaubte er sich, zu bemerken, dass es auch mit der Tapferkeit der rumänischen Mörder nicht gar weit her sei: diese sehen es vielmehr hauptsächlich "auf den schnöden Mammon ab. Unser edler Freund und Fürsprecher vergac;s dabei bloss eines. Zwei „feige“ Juden sind es gewesen, die seinerzeit mit des Herrn Cogalniceanu „grossem“ Vater Michail Cogalniceanu Schulter an Schulter für die Unabhängigkeit Rumäniens fochten: die „Fremden“ Daniel Rosenfchal und Bali Sie verspritzten dabei jene kostbare Flüssigkeit, die auch in den Arterien und Venen eines Juden ein gar besonderer Saft ist. — Uebrigens thut Herr Cogalniceanu seinen modernen Stammesgenossen bitter unrecht. Nein, so habgierig, wie er sie hinstellt, sind die edelbürtigen Römer stammlinge mit nichten. Es kommt schon dann und wann vor, dass ein recht armer Teufel, sofern er nur den Vorzug hat, als Fremder im Lande geboren zu sein, regelrecht rumänenhaft in ein besseres Jenseits befördert wird. Dies beweist der Fall des jüdischen Soldaten Adolf Weiser, der hier vor kurzer Zeit von seinem Corporal zutode geprügelt wurde. — Allerdings muss man Herrn Cogalniceanu einräumen, dass diejenigen seiner Connationalen, die auf eine Freistatt in Okna aspirieren, sich, lieber an vermögende Juden wenden.. Auch dies lässt sich an der Hand der Tagesgeschichte nachweisen. In einem Dorfe nächst Braila ereignete sich nämlich vor einigen Wochen folgende Mordgeschichte: Zwei jüdische Getreidehändler reisten auf der Eisenbahn von Galatz nach Braila. In demselben Coupe fuhren auch mehrere rumänische Bauern. Deren einer machte clen Juden den Vorschlag, sie sollten mit ihm in einem nahen Dorfe aussteigen, wo er ihnen billiges Getreide vermitteln könne. Da übergab der eine Getreidehändler seinem Genossen namens Fuchs 800 Frcs. und bat ihn, mit dem Rumänen in das Dorf zu gehen; er selbst wolle, wenn der Kauf erst vollzogen sei, nachkommen und den etwa noch fehlenden Betrag erlegen. Fuchs gieng darauf ein und folgte dem Rumänen in das besagte Dorf. Unweit vom Dorfe hielt dieser plötzlich an und gieng in ein einsam gelegenes Gehöfte, das er als sein Wohnhaus bezeichnete, um, wie er sagte, seinem Gesinde einen kleinen Auftrag zu geben. Bald kam er mit einer Büchse in der Hand zurück und schoss den ahnungslosen Juden nieder. Als der wackere Rumäne sah, dass er gut gezielt hatte und Fuchs sich in seinem Blute wälzte, da mochte ihm das Herz in die Hosen gefallen sein, denn er vergass ganz den Zweck seines Unternehmens und warf den Juden in einen nahen Brunnen, ohne sich vorher mit dem Inhalte der Brieftasche seines Opfers vertraut gemacht zu haben. Wegen dieser Unterlassungssünde emp'and der herzhafte Rumäne aber alsbald nagende Gewissensbisse. Er rief daher seine Hausleute herbei, erklärte ihnen kurz den Sachverhalt und zog den Leichnam mit ihrer Hilfe wieder aus dem. Brunnen, um sich seines Geldes zu bemächtigen. Zu seinem Unglück kamen just, als er um den unglücklichen Juden eifrig bemüht war, Leute vorbei, die die Sache zur Anzeige brachten Der beherzte Mörder wurde in Nummer Sicher gebracht und hat alle Aussicht auf eine lebenslängliche kostenfreie Versorgung in Okna. M. N. England. London, 17. März. Gegen keine Bewegung i t soviel mit unehrlichen Waffen gekämpft worden, wie gegen die unserige, die, zu einem guten Tiieile auf die öffentliche Meinung angewiesen, mehr als jede andere darunter zu leiden hatte. Was auf dem Wege der Presse geschehen konnte, um uns und unsere Bestrebungen zu diskreditieren, wurde aufgeboten. Jeden Moment flatterten die falschen Berichte bald hier, bald dort auf und führten die vertrauensseligen Geister irre. Insbesondere wir englischen Zionisten wissen davon ein leidvolles Lied zu singen. Vom Centrum der Bewegung so weit entfernt, dass jede Lüge Zeit gewann, auszureifen, ehe die ausreichende Aufklärung hinterdrein kam, versc .wendeten wir unsere Kräfte in einem ekelhaft niedrigen Kampfe gegen Entsteller und Verdreher. Unsere Agitation bestand zunächst im Bei ichtigen. Wenn wir zu den Leuten kamen, um sie für unsere Sache, oder besser, für die ihrige zu gewinnen, konnten wir jedesmal auf Ein würfe gefasst sein, die mit den Worten begannen : „Ja, aber der „Jewish Chroniele“ hat erst in seiner letzten Kummer wieder mitgetheilt . . .“ Diese einfachen Naturen desEastend und die der Lüge noch leichter zugänglichen des Westend liesse i sich von dem „wohlinformierten Zionisten“ imponieren, der anscheinend mit dem Centrum der Bewegung in intimster Verbindung stand und unter der Maske für die Sache mehr als für die Personen eingenommener Treuherzigkeit Dinge zu erzählen wusste, die mit geschickter Berechnung auf eine Untergrabung der Autorität der Führer hinausliefen. Das war aber so raffiniert gemacht, hatte den täuschend ähnlichen Klang von Worten eines besorgten Wahrheitsfreundes, dass es uns oft schwer fiel, die Leichtgläubigen davon zu überzeugen, dass der „wohlinformierte Zionist“ in Wirklichkeit nichts anderes sei, als ein in allen krummen journalistischen Kniffen wohlinformierter, böswilliger und ignobler Fechter. Inzwischen gedieh und wuchs unsere Idee, schritt über alle Lügen und Verleumdungen

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