Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 13 (31.3.1899)
- Article
- Die Stimmung in England
- Date
- 1899-03-31
- Page
- 8 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- chapter
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3315709-3315796-3315810--11625-3386111- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 8 „Die A Welt« Nr. 13 Die Stimm««- i« England. Das Bank-Secretariat in London telegraphiert uns am 29. März abends: Trotz der in einigen Blättern betriebenen Gegenagitation, findet ein großer An-drang des englischen Publikums zur Z e i 6) n u n g st a t t. Heymann Steinthal. (Schluss.) Der psychologische Gesichtspunkt wurde in dem Programme der Zeischrift für Völkerpsychologie einer erheblichen Erweiterung über die gewöhnliche Fassung hinaus unterworfen. Die Grenze zwischen der individual- und der völkerpsychologischen Betrachtung wird in folgender Weise gezogen: „Es verbleibe der Mensch als seelisches Individuum Gegenstand der individuellen Psychologie, wie eine solche die bisherige Psychologie war; es stelle sich aber als Fort» retzung neben sie die Psychologie des gesellschaftlichen Menschen oder der menschlichen Gesellschaft, weil für jeden Einzelnen diejenige Gemeinschaft, welche eben ein Volk bildet, sowohl die jederzeit historisch gegebene, als auch im Unterschiede von allen anderen Culturgesellschaften die absolut nothwendige und im Vergleiche mit ihnen die allernothwendigste ist. Einerseits nämlich gehört der Mensch niemals bloss dem Menschengeschlechte als der allgemeinen Art an, und andererseits ist alle sonstige Gemeinschaft, in der er etwa noch steht, durch die des Volkes gegeben. Die Form des Zusammenlebens der Menschheit ist eben ihre Trennung in Völker, und die Entwicklung des Menschengeschlechtes ist an die Verschiedenheit der Völker gebunden. Aus diesen Ausführungen geht hervor, dass das Gebiet dieser neuen Wissenschaft das Gesammtleben der Menschheit bildet, sofern sich dieselbe schon in bestimmte Völkergruppen mit irgendwelcher socialen Ordnung geschieden hat. Die ganze Fülle des schaffenden Volksgeistes, die sich, in Sprache, Mythologie, Religion, Recht, Sitte und Kunst offenbart, gehört in diesen weiten Rahmen hinein, es isfc eine 0ult Urgeschichte idealen Stils, um die es sich hier. handelt, indem zugleich in und mit dem Detail der Entwicklung die herrschenden Gesetze mit zur Darstellung gelangen. Unter diesem Gesichtspunkte, von welchem die Völker als Organismen gleichsam höherer Potenz betrachtet werden, erscheint die Völkerpsychologie als die „Erforschung der geistigen Natur des Menschengeschlechtes, der Völker, wie dieselbe zur Grundlage zur Geschichte oder dem eigentlichen geistigen Leben der Völker wird.“ Während Steinthal erkenntnistheoretische Fragen nie im Zusammenhänge behandelte, war für ihn neben der Psychologie die Ethik stets ein Gegenstand eifrigsten Interesses, welches zunahm, je mehr neuerdings die frühere Weltanschauung und ihre Ideale durch naturwissenschaftliche Skepsis erschüttert wurden. Indem die Ethik, vom Wesen des Willens ausgehend, Ideen entwickelt, zeichnet sie Verhältnisse, welche die Musterbilder aller sittlichen Wirklichkeit in begrifflicher Form enthalten. Diese reinen. Bilder des Willens an sich sind zwar nicht anschaulich, da ihnen die Objecte fehlen; aber, obwohl sie von aller Wirklichkeit absehen, sind sie von allgemeinster Giltigkeit. Sie sind nirgends und überall. Keiner Wirklichkeit entnommen, ist ihnen jede That unterworfen. Steinthal verurtheilte also alle pathologischen und sogar die formal-ästhetischen Gefühle zum Schweigen und Hess nur das formale ethische, das formale Pflichtgefühl sprechen. Die „Allgemeine Ethik“ war für ihn ein Kind des Schmerzes, zumal über seinem Vaterlande die schönsten Sterne sittlicher Bildung zu verlöschen drohten. Sie war der Bund, der Friede, den er mit dem Leben geschlossen hatte. Sie sollte sein Herz kindlich erhalten, frei von jeder Bitterkeit gegen die Menschen oder das Schicksal; wie bisher, sollte auch ferner kein Tropfen Gift in sein Blut dringen. Sie sollte ihn mit Kraft und Hoffnung zum Ertragen und zum Wirken, zum Kampfe und zur Liebe erfüllen. In ihr schuf er seinem Gemüthe ein Heim, in welchem er die Ereignisse und Bewegungen um sich her mit Ruhe und besonnener Theilnahme verfolgen konnte. Dass der in allen Tonarten spielende Weltschmerz bei unserem Denker, der seinen Blick durchaus nicht den zahlreichen Krebsschäden der Zeit verschloss, keinen Wiederhall erregte, versteht sich wohl von selbst. Diese Modekrankheit entlockte ihm die wuchtigen Worte: „Wollen wir mit dem Pessimismus die Feigheit vertreten, das Nichts für das absolut Gute zu halten, aber doch den Sprung ins Nichts zu unterlassen, dies beschönigend mit dem Vorwände, dass wir ja doch nicht alle bereden könnten, mit uns zu gehen, und echt sophistisch fortfahrend,, dass, wejm sich auch alle Menschen mit uns in das Nichts stürzten, vielleicht nach uns, früher oder später, ein neues Menschengeschlecht entstehen würde, das unter denselben Uebeln litte, an denen wirkranken? Wollen wir uns dem neuesten pessimistischen Mythos hingeben von einem leidenden Gotte, der, um sich von einem Schmerz zu heilen, die schlechte Welt geschaffen hat, in der Weise und Absicht, wie wir uns gelegentlich eine spanische Fliege auf legen, eine Fontanelle machen? Und wollen wir uns dabei heimlich mit der Hoffnung kitzeln, dass, solange wir leben, der Gott das Heilmittel, Welt genannt, nicht von sich thun werde? Der Grund zu g des heimgegangenen Denkers war reiner, selbstloser Idealismus, der zugleich Herz und Koxu durchdringt, verbunden mit einem felsenfesten Glauben an den endlichen Sieg der Ideen des Wahren und des Guten. Er war von dem Fortschritte des Guten überzeugt, weil derselbe im bisherigen Verlaufe der Geschichte sich offenbar vollzogen habe; er glaubte an den Fortschritt für die Zukunft umsomehr, als das Gute, trotz aller scheinbar dagegen sprechenden Erfahrung, heute viel kräftiger sei als jemals, und er glaubte an den Sieg des Guten, weil im Bösen eine Disharmonie liege, oder weil dasselbe nothwendig eine Disharmonie schaffe, an der es zugrunde gehen müsse. Und wie Steinthal gelehrt, so hat er auch gelebt. Sein Dasein war eine Verkörperung der Quintessenz seiner Ethik, die da lautet: „Es kann mich nur wenig kümmern, ob ich mehr Freude geniesse oder mehr Elend dulde. Die Freude ist nicht das Gute, und das Elend ist nicht das Bös e.“ Aus diesem erhabenen -Satze weht uns der Hauch unseres Lehrers Moses und der gottinnigen Propheten an, für die ei mit der ganzen Empfänglichkeit seines Wesens erglühte und deren kostbare, unvergleichliche Schätze er, selbst ein Prophet, Hörern und Lesern in seiner mild-ernsten Weise auf die Tafel ihres Herzens zu schreiben nicht müde wurde. B. Jacobs. G Momentbilder aus Palästina. Von T. Blanco. Ich stehe am Ufer und blicke hinaus in die klare Luft. Zwei Schiffe sind von entgegengesetzten Richtungen in Sicht. Die russische Flagge vom Norden, die englische Yachtflagge vom Süden. Eine halbe Stunde vergeht. Nur langsam nähern sich die grossen Dampfer. Endlich stehen sie in Sehweite, und rasselnd fallen die grossen Anker ins tiefe Meer. Kleine Boote mit den in grelles Roth und Blau gekleideten Arabern der zahlreichen Reisebureaus, Hotels und Hospize fliegen im Wettbewerbe den einzelnen Schiffen zu. Schon nach wenigen Minuten bringen sie die ersten Reisenden ans Land. Elegant gekleidete Engländer, Amerikaner, Franzosen, Deutsche, Türken, hunderte Russen, nur keine Juden! Und ist denn für die grossen Massen reicher Juden, die alljährlich nach aller Herren Ländern Vergnügungsreisen unternehmen, Palästina nicht auch ihr heiliges Land?! * * * Vor 14 Tagen gab's Theater in Rischon le Zion. Von Jaffa, Jerusalem, von allen Colonien weit und breit strömten Leute herbei. Das Theater war ausverkauft. Alles war in Ordnung. Regelrechte Bühne, Vorhang, Scenenbeleuchtung. Auch die Gallerie mit ihrem typischen Publicum war da. Gegeben wurde „Rabbi Joselmann“, das vieractige Schauspiel des berühmten Jargondichters Goldfaden. Alle Mitwirkenden waren Dilettanten. Leute, die zum grössten Theile in ihrem Leben noch nicht einmal ein Theater gesehen, die vormittags noch hinter dem Pfluge gestanden. Und welch urwüchsige Talente da zutage traten! Künstler, wenn auch roh und ungeschliffen, die nicht nur mimen, sondern mitempfinden. Und erst das Publicum! Welch frenetischer, impulsiver Beifall, als der Held seine Schar auffordert, freie Bauern zu werden. Wer diesem Momente beigewohnt, wird ihn nie vergessen! H * * Es ist noch halb dunkel. Der Lärm einer Schmiede, der an mein Ohr dringt, raubt mir den Schlaf. Ich eile die wenigen Treppen hinunter, zu sehen, was denn die Schmiede