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Die Welt · 1899-03-31 · 13 (31.3.1899) · p. 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
13 (31.3.1899)
Article
Die jüdische Colonialbank
Date
1899-03-31
Page
5 (sequence 2)
Language
German
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„Die Welt“ Seite 5 Nr. 13 Sie, meine Herren, an meiner Confession keinen Anstoß nehmen, bitte mich zu informieren, als wäre ich einer der Ihrigen, der ich in der Gesinnung auch wirklich Lin. Mit vorzüglicher Hochachtung Ingenieur O. L." Dieser Brief gehört wohl zu den besten Beweisen für die Wirkungen, welche der Zionismus hervorgebracht hat. -i- Den Enthusiasmus für das praktische Fortschreiten der Bewegung finden wir merkwürdigerweise auch in poetischen Ergüssen. So wurde dieser Tage in Lemberg in einer zionistischen Versammlung ein Gedicht von Julius H o ch f e l d über die Jüdische Colonialbank vertheilt. Es führt in mehreren Strophen aus, dass dieses Institut der Arbeit, dem Fortschritte und guten Werken zu dienen berufen sei. Für die Dauer der Subscription ist den Zionsvereinen überall dringend die Veranstaltung von Versammlungen zu empfehlen. An den aufklärenden Vortrag hat sich die Subscription anzuschließen. * * Die Subscription war noch nicht eröffnet, als sie schon dem Comitä eine große Ueberraschung brachte — den Beweis der Unmöglichkeit, allen Anforderungen in derselben Eile zu entsprechen, in der sie gestellt wurden, trotzdem man sich vorgesehen hatte. Es war ein toller Run, allerdings im besten Sinne des Wortes. Man riss sich um Prospecte und Zeichnungsformularien. Und die Kleinen waren die Stürmischesten. Schon die vergangene Woche meldeten sie von ihren Erfolgen, und manche kleine Städtchen hatten die Maximalgrenze unserer Berechnungen erreicht, als sie durch telegraphische Forderungen nach Subscriptionsscheinen überraschten. Das Tempo in den größeren Städten ist etwas langsamer. Allein auch hier zeigt es sich bereits, dass der Appell an das jüdische Volk gehört wird. * * 4- Eine Episode.In der Versammlung, welche am27.März im „Hotel du Nord" in Wien stattfand, frug ein Dienstmann, ob man auch einen Share zeichnen dürfe. Denn mehr könne er nicht. Daraufhin bat ihn eine anwesende Dame um die Erlaubnis, für ihn sogleich die Vollzahlung leisten zu dürfen. Der Dienstmann erwiderte gerührt, er müsse sich zwar als persönlicher Schuldner.seiner Gönnerin betrachten, aber die Hälfte des Shares wolle er doch selbst bezahlen. Das Wiener Localcomitö arbeitet mit großer Rührigkeit. Tagtäglich finden Versammlungen statt, von einer Art, die in Wien so ziemlich selten ist. Keine leidenschaftliche Discussion und nicht das widerwärtige politische Gezänk. Wir sahen uns bekannte Gegner, die in den Versammlungen gewöhnlich erscheinen, um zu stören. Beschämt schlichen sie aber weg. Das hatten sie nicht erwartet. Sie hörten zwar nicht den gewöhnlichen Beifallssturm, wenn der Referent geschlossen. Es blieb vielmehr still. Nur giengen die Zuhörer der Reihe nach an den Präsidententisch, um zu zeichnen. An Israel. Wir veröffentlichen in dieser Nummer das nach unserer Meinung bedeutungsvollste Document, welches je seit Eintritt der Diaspora für das Haus Israel geschrieben worden. Es fügt sich eigenthüinlich, dass der Prospect des Jewish Colonial Trust in den Tagen erscheint-, da das grosse Fest der Befreiung gefeiert wird. Der stumpfeste Geist wird sich der Ergriffenheit über dieses Zusammentreffen von Moses* Aufforderung an die Kinder Israel vor dem Auszuge aus Aegypten und diesem Appell um Hilfe für die Sache des Judenthums nicht zu entziehen vermögen. Wir sind weit entfernt von der Absicht, den exacten finanziellen Wert des Bankschemas zu bemessen oder Dividendenhoffnupgen zu erregen — obwohl auch die commerciellen Aussichten nicht gering sind und viel verheissen. Aber heute genügt es uns, zu erfahren, dass die Frucht zweijähriger geduldiger Arbeit, unermüdlicher Selbstaufopferung, schrankenloser Hingabe und absoluter Uneigennützigkeit soweit zur Reife gediehen ist, dass die Sehnsucht des jüdischen Volkes von den glitzernden Phrasen der Rednertribüne herab- und in die Arena praktischer Politik und ernster kaufmännischer Unternehmungen niedersteigen kann. Es genügt uns, zu erfahren, dass die wundervolle Mischung von starken Fähigkeiten und einer allmächtigen Begeisterung mit der peinlichsten Vorsicht, angewendet auf die verwiclceltsten Details eines weitverzweigten Problems, im geeigneten Augenblicke die Herausgabe des Prospectes der Jüdischen Colonialbank ermöglicht hat. Und mit inniger Freude erfüllt uns der Gedanke, dass hinter dieser Bankgründung, die im Angesichte einander kreuzender Schwierigkeiten und unerwarteter, oft unredlicher Gegnerschaften durchgesetzt wird, ein Glaube und ein Vertrauen von solcher Stärke stehen, dass die Möglichkeit einer Niederlage so gut wie ausgeschlossen ist. Und nicht weniger freut es uns, den Bankprospect (die Frontseite miteingeschlossen!) mit ruhigem Gewissen empfehlen zu dürfen als den saubersten und ehrlichsten Vorschlag, der je auf einem Stück Papier dem Publicum gemacht worden. In diesem Augenblicke, da der Zionismus in seine Laufbahn der Verwirklichung erst eigentlich eint ritt: da die Welt — wir hoffen: mit freudiger Antheihiahme — das Judenthum entschlossen sieht, für unser Volk unter dem Schutze der Vorsehung ein neues, lichtes Los zu bereiten — in diesem Augenblicke verlangen wir ein Zusammenstehen aller Theile des jüdischen Stammes, um die ergangene Aufforderung durch eine gemeinsame Antwort zu ehren. Kein Jude kann den Ernst der Publicationen, von denen hier die Rede ist, verkennen; kein Jude ist so erstorbenen Gefühles, um nicht zu begreifen, dass der Erfolg, auf den wir warten, die Antwort sein wird auf den hilfeheischenden Schrei von Millionen' Elender, auf die sorgenden Fragen einer ganzen Generation : keinem Juden kann die Vergangenheit bloss grauer Nebel und Asche, die Zukunft — Verneinung und bodenloses Nichts sein. Wenn daher in einem Augenblicke, da die schmerzlich zurückgedrängte Sehnsucht ganzer Geschlechter in dem Passah-Rituale zu klagendem Ausdrucke kommt, dieser Appell für die Vielen und nicht für die Wenigen, für die Gesammtheit des Verfolgung duldenden Juden thums und nicht für die von einer handvoll beschränkter Localsorgen Eingenommenen ergeht, so ist das wie eine flehentliche Bitte, die an jeden einzelnen sich wendet, eine Bitte, der entsprochen werden sollte, der entsprochen werden muss. Wenn wir unsere Kreuzer hergeben, um die Wunden eines Dulders zu heilen, wenn wir aus unserem Vermögen einem Wohlthätigkeit-svereine beisteuern, der hunderten helfen will, so müssen wir uns heute zu einer That des denkenden Gewissens aufraffen und die grösste von allen Veranstaltungen unserer Barmherzigkeit unterstützen, selbst dann, wenn diese Unterstützung ein wirkliches Opfer der Selbstverleugnung bedeuten sollte. Dieser, in dem gewöhnlichen Stil der Geschäftsleute abgefasste Appell, markiert eine Epoche in der jüdischen Geschichte, und eine vollwichtige dazu, wenn wir unsere Schuldigkeit gegen sie erfüllen. Wenn die zionistische Bewegung Erfolg haben wird — woran wir keinen Augenblick zweifeln —, dann wird sich der Share-Abnehmer seinen „Schein“ aufheben dürfen als ein historisches Document, das, allen Goldes wert überwiegend, von einer Generation an die andere übergehen wird zum stolzen Zeugnis dafür, dass der Vorfahr von seinem Reichthum oder von seiner Armut gab, um ein Mitbildner sein zu dürfen an dem Geschicke seines Volkes. Aber noch tiefer und glorreicher wird, ist das Ziel einmal erreicht, die nicht der eigenen Person geltende Genugthuung über den erhabenen Erfolg der Gemeinarbeit für das Gemeinwohl sein. Ein blosser Aufruf zugunsten irgend eines philanthropischen Fonds könnte nie und nimmer dieses starke Gefühl hervorrufen. Denn Philanthropie heilt keine Wunden, sie lindert die Wundschmerzen. Der Zionismus braucht eine aus sich schöpferische Einrichtung, einen Mechanismus mit Selbstwillen. und mit der Fähigkeit einer natürlichen Entwicklung, entsprechend den Bedingungen, mit denen er zu rechnen hat. Daher muss das finanzielle Instrument der zionistischen Bewegung notlrwendigerweise ein Geschäfts unternehmen sein, das sich mit den üblichen Worten aus der Welt des Handels und des Geldmarktes empfiehlt. Nur dass über den

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