Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 13 (31.3.1899)
- Article
- [Ohne Titel] / Rosenberger, Erwin
- Date
- 1899-03-31
- Page
- 4 (sequence 2)
- Language
- German
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Heile 4 Nr. h „Die Welt“ vorüberfährt — weil er den rohen Peitschenstiel fürchtet; aber eine ganz selbstlose, echte Verehrung wird der Jude dort empfinden, wo er sich geistigen Vorzügen gegenüber sieht. Es ist ein Cultus des Gehirns. Ueherallfinden wirseine Spuren. Die Hochachtung, die der „Melamed“ im Ghetto geniesst, die Liebenswürdigkeit, mit der ein Künstler oder Gelehrter im Salon eines modernen Grossstadtjuden empfangen wird — alles ist Cultus des Gehirns. Man wirft dem Juden .vor, dass er, vor die Wahl eines Berufes gestellt, die Kopfarbeit gegenüber der körperlichen Arbeit bei weitem bevorzuge. — „Aus Trägheit“ — sagen die Gegner der Juden. — Die „gelehrten Berufsarten“, die Wissenschaft, die Kunst, die Journalistik, die commerciellen Berufszweige, die ein reges „Speculieren“ erfordern — allüberall ein unverhältnismässig hoher Percentsatz von Juden. Der jüdische Vater lässt seinen Sohn am liebsten „studieren“, und wenn er an einen Schwiegersohn denkt, so denkt er zunächst an einen Doctor. Wieder der Cultus des Gehirns. Diese Erscheinung weist also zwei Seiten auf. Erstens : der Jude hat einen mächtigen Trieb, selbst geistig zu arbeiten, sein eigenes Gehirn zu pflegen, zu verfeinern. Cultus im Sinne von Pflege. — Und zweitens : der Jude hat die ausgesprochene Neigung, bei einem anderen besonders die geistigen Fähigkeiten hochzuachten, ein fremdes, vorzügliches Gehirn zu verehren. Cultus in der Bedeutung von Verehrung. Die zweite Seite er gibt sich von selbst aus der ersteren. Man schätzt bei einem anderen besonders jenes Gut, das man selbst anstrebt. Der Lehrling, der Lernende, der Suchende wird immer den Meister, den Besitzenden ehren. Also das Hilidrängen zu „geistigen“ Berufsarten, die Denksucht ist Cultus im Sinne von Plege. Die Werke eines Spinoza sind die Früchte dieses Cultus. Und wenn der Jude den Namen Spinoza mit Ehrfurcht nennt, wenn ein jüdischer Geistesheros eifersüchtig für das Judenthum reclamiert wird, wenn im allgemeinen geistige Leistung unter den Juden hoch bewertet wird, so ist das Cultus im Sinne von Verehrung. 2 2? Durch das eigenartige Leben, das die Juden Jahrhundertelang geführt haben, mag dieser Cultus erklärt werden. Das Milieu des mittelalterlichen Juden hat einen starken Zusatz jener Atmosphäre, die in Bibliotheksräumen lagert. Ein Buch ist der höchste Schatz. Geist auf Pergamentrollen säuberlich projiciert, war das wertvollste Gut. Die Parole der „Vergeistigung“ wurde ausgegeben. Und auch die Lunge des Enkels athmet die Bücheratmosphäre mit besonderer Vorliebe ein. Noch immer huldigt der Nachkomme dem „Geistigen “ — Spinozas Lehre selbst könnte als Folge dieses mittelalterlichen Dranges nach „Vergeistigung“ gelten. Der Pantheismus Spinozas durchtränkt das ganze All mit „Geist“. In der ganzen unendlichen Substanz ist ein ewiges Denken. Jedes Körperding soll sein'Quentchen „Geist“ erhalten. Die Lehre Spinozas ist der bis zur letzten Consequenz durchgeführte Geist-Cult. Es ist eine deutliche Stufenleiter: Zunächst der eigene Denktrieb. Dann das Wohlgefallen, mit dem man das Denken bei dem anderen Menschen betrachtet. Und schliesslich Spinoza; „alle Dinge sollen denken.“ Erwin Rosenberger. G Vom Sekretariate der Jüdischen Colonialbank erhalten wir folgendes Telegramm: London, 28. März. Der Verwaltungsrath beauftragt mich, um Aufnahme' folgenden Beschlusfes noch in die dieswöchentliche Nummer der „Welt* zu bitten: Nach Kenntnisnahme eines seitens der Rechlsbeistände der Gesellschaft abgegebenen Gutachtens beschließt der Verwaltungsrath, den im Äuslande weilenden Direktoren, Vertretern des Aufstchtsrathes und Vertrauensmännern mitzutheilen, dass infolge der jetzt vollzogenen Eintragung des „Jewish Colonial Trust“ als einer englischen Gesellschaft niemand, mit Ausnahme der gehörig «^gestellten Beamten der Gesellschaft und der accreditierten Bankhäuser, zur Unterfertigung von Quittungen namens der Gesellschaft befugt ist. Die Gesellschaft kann nur solche Actienzeichnungen anerkennen, welche entweder von einer Rimesse an die Londoner Centrale oder von einer Deposttenquittung eines der accreditierten Bankhäuser begleitet find. James H. Löwe, General-Secretär der Jüdischen Colonialbank. * * .* Die accreditierte Subscriptionsstelle für O e st e rre ich-Ungarn ist das B a nkh a u s I. «k A. B r e ch er, Wien, IX., Liechtensteinstraste 2. * * * Als autorisierte Suhscriptionsstelle für Galizien dient außerdem noch der Jüdisch-nationale Bankverein in Kolo m e a. * * * Vom Bank-Secretariate erhalten wir ferner folgende Depeschen: London, 28. Mürz. Directe Subscriptionen eingelanfen vom Cap der guten Hoffnung, Jaffa, G r o d n o, London und aus der englischen Provinz. L o n d o ii, 28. März. Russische Contocorrent-Stellen der Jüdischen Colonialbank wurden eröffnet bei Goldfeder und Handelsbank in Wilna, Commerzbank in Minsk, Discontobank in Warschau, ferner daselbst bei Jdel, Samuel Louriö, Oreler Commerzbank, Wawel berg, Junker, Wolgabank, Bunimowitsch, MoskauerKaufmannsbank, Aronowsky, Warschauer Commerzbank, Dritte Gesellschaft in Riga und Rigaer C o m m e r z b a n k. ■ ... * -i- Unser Correspondent I. de H. meldet aus London unterm 28. März: - . Der Londoner Chiefrabbi Dr. M. Ga st er hielt Montag im East-End eine Massenversammlung ab, in der er Aufklärungen über die Zwecke der Jüdischen Colonialbank gab. Zweitausend Personen waren zugegen. Gasters Ausführungen erregten stürmischen Enthusiasmus für die Colonialbank. * Unter den charakteristischen Einläufen der letzten Tage befindet sich folgender Brief, der dem Bureau des Zionisten-Congresses aus L i n z (Ober-Oesterreich) zugieng: „Linz a. D., 27. März 1899. Hochgeehrte Herren! Ich habe Kenntnis erhalten von der Bildung „of the Jewisli Colonial Trust at London“ und bin, obgleich Christ, ein begeisterter Anhänger der humanen Bestrebungen einer so bedeutenden Zahl auserlesener Männer des uralten und geistig hochstehenden Volkes. Ich möchte was beitragen, obwohl ich ein armer Mann bin. Hätte Absicht, durch Ankauf einiger Actien etwas zum Gemeinfonds beizutragen, vielleicht später einst durch meine guten Kenntnisse nützlich zu sein. Voraussetzend, dass-