Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 12 (24.3.1899)
- Article
- Die Goldschilds
- Date
- 1899-03-24
- Page
- 16 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 16 „Die H Welt" Nr. 12 könnte, glaube mir: die Herren Radetzky und Ibsen wären recht? bedauernswerte, unzufriedene Menschen! VYras dem einen;: der Krieg war, war dem andern die Kunst — das ist mir, das Erwerben — die Bethätigung meines Talentes! Mein Instinct ist nun einmal der des Hamsters, der jahraus, jahrein in seinen bereits überfüllten Bau noch immer neue Beute trägt und sich lieber todtschlagen lässt, als dass er sich mit dem Erworbenen begnügt!"4 Der alte Isalc war während dieser Rede ganz roth vor Erregung geworden. Nun warf er die Cigarette in die Schale und fuhr unwillig fort: „Darum ist es blöde, wenn die Leute ’ von der Gleichheit schwärmen und die grossen Vermögen'-, anfeinden. Denn solche werden immer entstehen, so lange es kluge Hamster gibt — und was die Gleichheit betrifft — na — gehorsamster Diener — ist etwa mein Herr Sohn und Erbe mir gleich? Wird er nur das erhalten können, was ich erworben habe? Ah — es sorgt schon die Natur dafür, dass die Bäume nicht in den Himmel wachsen!“ Eine masslose Bitterkeit sprach aus den letzten Worten. Isak war von seinem Stuhle aufgesprungen und trat an den Kamin. „So ein Thier zum Kinde haben zu müssen!“ murmelte er erregt, die starken Zähne aufein anderpressend. In diesem Augenblicke empfand David Mitleid mit ihm. Der Arzt vermochte sich nie ganz dem Zauber ■' der mächtigen Individualität des Vetters zu entziehen und insbesonders jetzt, wo er mit derselben brutalen Rücksichtslosigkeit, die seinen Finanzgebarungen anhaftete, den Schleier von der eigenen Hamsterseele gerissen, betrachtete er ihn mit der scheuen Bewunderung, die eine wilde, reissende Bestie dem gesitteten Menschen einflösst. Es war das erstemal seit jenem fast in Vergessenheit gerathenen Abende in dem Stübel der alten Sarah, dass Isak David gegenüber aus sich selbst heraustrat und die Theorie seiner Denkungsart enthüllte. Sechsund vierzig Jahre lagen zwischen diesen beiden Auftritten, Fast ein halbes Jahrhundert! Aber die Anschauungen des damals dreizehnjährigen armen Knaben und die des frühgealterten Greises, der durch seine Millionen den Handel der Welt beherrschte, waren kaum verschieden. Isak Goldschild war sich auf den Höhen des Lebens treu geblieben. Als der kaum Bar-Mizwa Gewordene den nackten misshandelten Arm gegen Himmel erhoben und mit flammender Begeisterung die Herrschaft der Intelligenz prophezeit hatte, so war dies nur die jugendliche, phantastische Form des Gedankens, der den nun fast sechzigjährigen Mann erklären Hess,- er nehme dasselbe Recht, das den Feldherren und Dichtern gestatte, ihr Genie zu bethätigen, auch für seine Hamstern atu r in Anspruch. Es ist dies der Anarchismus der Reichen und Grossen. Aber schon war die weiche Stimmung, in die die trostlosen Nachrichten über Jonathans Leiden Isak versetzt, überwunden. Dieser stahlharte, elastische Mann, den das unerbittliche Leben gelehrt, seine Hoffnungen, Berechnungen und Verachtung hinter einer kühlen, aristokratischen Gleichgiltigkeit zu verbergen, schien es bereits zu bereuen, seine Seele selbst in diesem kleinen Kreise blossgelegt zu haben. Er zog die Uhr und sprach mit ganz veränderter Stimme. „Ich glaube, es wird nachgerade Zeit, an den Aufbruch zu denken. Ich will den Herzog nicht warten lassen. Bitte — lassen Sie meinen Wagen Vorfahren.“ Der Secretär entfernte sich, um den Befehl auszuführen. Die beiden Vettern standen sich allein gegenüber. Dr. David benützte diesen Augenblick, um des traurigen Zustandes des Baron Moritz zu erwähnen. Als Arzt hielt er sich zu dieser peinlichen Erörterung verpflichtet. Aber schon bei den ersten Worten unterbrach ihn Isak zornig. 4 Herausgeber: P. Naschausr. Verantw. Red.: Dr. Siegm. Werner. „Von diesem entarteten Menschen will ich nichts hören!“ rief er leidenschaftlich, mit der flachen Hand eine senkrechte Bewegung ausführend, gleichsam, als würde er im Geiste jede Verbindung zwischen sich und seinem Sohne durchschneiden. „Dass Du es Dir nicht ein fallen lassest, mich etwa durch Telegramme zu belästigen! Wenn er gestorben ist, so begrabt ihn und meldet mir die vollzogene Thatsache klipp und klar. Weitei* nichts!44 Plötzlich unterbrach er sich und blickte sinnend auf den Teppich, Dr. David betrachtete den Vetter mit steigendem Interesse. Dieser krasse, klar krystallisierte Egoismus, der das Missrathen e und Unschöne mit so herrischer, selbstbewusster Kraft aus seinem Lebenskreise ausschied, war in der That verblüffend. Als wolle Baron Isak jedoch den Beweis bringen, dass auch er seine weichen, verwundbaren Stellen habe, hob er nach einer kleinen Pause wieder mit leiser Stimme an: „Wenn es aber mit dem Kleinen einmal — so weit ist — dann benachrichtige mich rechtzeitig — hörst Du? Ich möchte ihn gerne noch — lebend — sehen!44 Und tief aufseufzend fügte er — unbewusst den Geist seiner Trauer enthüllend — hinzu: „Schade! Schade! Bliebe dieses Kind am Leben — ich würde ruhiger sterben!44 Der alte David musste unwillkürlich über diese grossartige Beharrlichkeit des Vetters, sich als Grundmesser für alle Werte und Menschen anzusehen, lächeln. Eine tolle Lust erfasste den Arzt mit dem gefürchteten und gehassten Millionär zu experimentell und ihm, ohne dass er es gewahr wurde, noch mehr derartige Aeusserungen seiner scharfen Individualität zu entlocken. Aber ein eintretender Diener vereitelte diese Absicht. Der Wagen des Barons stand bereit. Es war auch keine Zeit zu verlieren. Wenige Augenblicke später rollten die mit dicken Kautschukreifen umzogenen Räder des eleganten Coupes lautlos über den Kiesplatz. Die beiden Gärtnerburschen unter den Fenstern des , Baron Moritz zogen grüssend die Hüte, und Isak, der ver- *■ gessen hatte, welchen traurigen Dienst die Leute hier versahen, beugte sich weit vor, um neugierig nach ihnen zu spähen. Aber da fiel es ihm ein, wem der unheimliche Doppelposten galt! — Mit einer heftigen, leidenschaftlichen Bewegung wandte er der byzantinischen Villa den Rücken und blickte während der ganzen Fahrt unverwandt durch das i andere Wagen feinster. Baron Isak Goldschild war nicht der Mann, der sich . sein Dasein vergällen liess. (Forsetzimg folgt.) Briefkasten der Redaction. Salomon Sch .... r, Lemberg. Das ist Gebot der Politik, Lazarfeld. Haben leider dafür keine Verwendung. . Besten Dank. H. L. F., Boryslaw. Besten Dank; leider ungeeignet. Ebr., Stanislau. Wir haben zu wiederholtenmalen betont, *dass wir Berichte, die keine Vereinsstampiglie tragen, grundsätzlich nicht veröffentlichen können. jur. Gr.pf in ZI. Wenden Sie sich an den Onkel vder Witwe Smolenskys, Staatsrath T. A. v. Margolin, Petersburg, Newski Prospect 54, und zeigen Sie demselben die Nichtbeantwortung des Buchhändlers an. Ahawatli Zion, Rustschuk. Was uns zugesendet wird, wird auch in der Rubrik „Die zion.Beweg.“ od. „Vereinsnachrichten“ ^veröffentlicht. Besten Dank. N. K., Lemberg. Wir sind darüber informiert. Besten Dank. Cb. L., Kol .... Ihre Zuschrift hat uns sehr erfreut. Von einer Veröffentlichung wollen wir jedoch vorläufig absehen. Zionistischer Gerber. Ihre Zeit ist noch nicht gekommen; die Gegenden, die für diese Industrie passen, sind derzeit yon Juden noch wenig besiedelt; auch fehlen derzeit noch ^die nöthigen" Verkehrsmittel. ' Buchdruckerei „Industrie“ (S. Bergmann) VIII., Schlössalg. 11