Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 12 (24.3.1899)
- Article
- Der Auszug
- Date
- 1899-03-24
- Page
- 15 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. tZ „Die Hi Welt“ Seite 15 Schriften bedeckt ist. In der Ferne windet sich gleich einem dunklen, gleichsam bleiernen Streifen der breite, wasserreiche Nil zwischen seinen flachen, von geborstenem, ausgedörrtein Morast bedeckten Ufern. Der Landstreifen, der vor dem Nil liegt, bildet eine breite, in herrlichstem Grün prangende Ebene, von Mimosen, Pyramiden artigen Akazien und Palmen besäet, die gleichsam als Königinnen dieses ganze zaubervolle, üppige Pflanzenreich beherrschen. Etwas weiter, hinter dem mit majestätischer Würde dahinrollenden Strome, zieht sich, in den durchsichtigen Wolken der durchsichtigen, gleichsam krystallenen Luft sich verlierend, eine Reihe von ungeheuren Pyramiden hin, die den grossen Ruhm der Pharaonen Aegyptens verkünden. Da, weit, ganz weit blicken durch die hohen, schlanken Palmen die ebenso hohen und schlanken, wundervollen Obelisken hindurch, die, granitenen Riesenzeigern vergleichbar, mit ihren zugespitzten Enden gen Himmel starren. Und noch weiter da hinten, weit hinter dem Nil und den Pyramiden, dehnt sich, gleich einem uferlosen Meere, die sandige Wüste aus. Einige Augenblicke, gleichsam selbstvergessen, steht der Jüngling inmitten dieser bezaubernden Natur, eingelullt von ihren himmlischen Reizen, berauscht von den aromatischen Düften, die in durchsichtigen Wölkchen durch die leuchtende Luft schweben. Aber endlich raffte er sich mit einem Hucke auf und begab sich mit kräftigen Schritten nach dem Nil, der ersten Wiege seiner Kindheit. Sanft und ruhig liegt der gigantische Strom in seinem Bette, und als hätte er plötzlich seine Strömung unterbrochen, schlummert er sanft, eingeschläfert von der ringsum herrschenden Stille, und unbeweglich glänzt seine dunkle, spiegelglatte Wasserflut, in welche die bereits verblassenden Sterne einen Wiederschein werfen. Die grossen, breiten, buntfarbigen Blätter der Papyrusstaude bedecken die schimmlige Wasserfläche des längs des Ufers sich hinziehenden Teiches; und etwas weiter treten hinter den dicht ineinandergeflochtenen Wassergewächsen schlank und stolz die verschnörkelten Kelche der Lotospflanze hervor, zart und weiss wie der Thau des Morgens. Die Sterne verlöschen und verblassen immer mehr, im Osten beginnt der Horizont sich in ein mattes Rosenroth zu färben, das immer heller und heller wird. Langsam und traumverloren schreitet der Jüngling dahin, und mit Zärtlichkeit und Wehmuth blickt er auf den Nil, der ihn in den ersten Tagen seiner Kindheit in seinen Armen umfangen gehalten und in süsse Ruhe gewiegt hatte. Plötzlich schwamm an das Ufer ein colossales, scheussliches Ungethüm heran und streckte aus dem Wasser seinen ekelerregenden, langen Vorderkopf heraus. Seine Ohren waren mit grossen goldenen Ringen geschmückt und seine Vordertatzen mit breiten goldenen Armbändern. „Es ist das heilige .Krokodil," dachte der Jüngling. Das Scheusal sperrte seinen entsetzlichen, ungeheuren Rachen auf, der auf beiden Seiten von gewaltigen Zähnen besäet war. „Es hält mich wohl für den Priester, der ihm täglich am Morgen seine Nahrung bringt,“ dachte abermals der Jüngling. „0 nein! Nicht diesen Scheusalen will ich als Priester dienen! Nicht diesen abscheulichen Reptilien, diesen blutdürstigen Creaturen! Nicht sie will ich heilig halten, nicht vor ihnen mich bücken, bloss,'weil sie blutdürstig sind. Soll ich göttliche Ehren diesem ekelerregenden Thiere erweisen? Einen Gott machen aus einem Geschöpf, das mir Ekel und Furcht einflösst? O nein! Mein Gott kriecht nicht auf der Erde herum. Dort, hoch, hoch schwebt er über dem ganzen Weltall, das er beherrscht und regiert. Und nicht der Mensch Ihm, Er gewährt alles dem Menschen. Er ist der Gott der Wahrheit und Gerechtigkeit.“ Und sich mit Entsetzen wegwendend von dem geheiligten Ungeheuer, schritt er vorwärts Aus der weiten Sandwüste zog plötzlich ein warmer Wind, und es erbebten die zarten, durchsichtigen, weissen Blüten der Lotospflanze, und es rauschten die Blätter der Papyrusstaude, and es bewegte sich die spiegelglatte Flut des schlummernden Nils: der Jüngling raffte sich ebenfalls auf und richtete das bis dahin nachdenkend gesenkte Haupt empor. Hinter den dichten Hainen der Mimosen und Feigenbäume schwamm leise, langsam und feierlich der. gewaltige, feurigrothe Sonnenball empor. Seine ersten Strahlen haben bereits die Spitzen der Pyramiden und Obelisken getroffen, in den Wipfeln der Palmen ihr Farbenspiel begonnen und die Leicht bewegte Flut des Nil blutigroth gefärbt. Der Jüngling blieb abermals unbeweglich stehen und vertiefte sich in tiefes, schwärmerisches Sinnen. Und das aufgehende Himmelslicht stieg immer langsam und feierlich am durchsichtig-blauen Firmament empor. Und immer begeisterter wurde das Antlitz des Jünglings, und immer schwärmerischer flackerten seine glühenden Augen. Und starr und unbeweglich stand er da, gleichsam für eine zeitlang der Erde entrückt, als hätte er sich in die lichten Himmelshöhen geschwungen, ins klare Himmelsblau, den ersten reichen, goldigen Sonnenstrahlen entgegen. Plötzlich erschütterte die Luft ein entsetzlicher, dumpfer, schmerzhafter Aufschrei. Der Jüngling wurde wie mit einem Rucke seiner Gedankenwelt entrissen, und er zuckte lebhaft zusammen. „Aber es ist wohl das Krokodil, das durch diese Jammerrufe seine Opfer herbeilocken will,“ dachte er. Doch der Schrei wiederholte sich noch entsetzlicher, noch schmerzhafter. „O nein, das ist der Ruf eines Menschen!“ — lind pfeilschnell stürzte er dahin, woher der Schrei gekommen war. (Fortsetzung folgt.) W Die Goldschilds. Roman aus dem Ende des 19. Jahrhunderts von Friedrich Fürst Wrede. (42. Fortsetzung.) „Das ist eine billige Phrase!“ entgegnete der Arzt gereizt. „Wenn Du Deine Milionen nicht erreicht hättest, würdest Du kaum in diesem Umstande einen Glücksfall sehen! Da würdest Du ganz anders sprechen!“ Baron Isak zuckte die Achseln. „Anders sprech en — vielleicht — sogar wahrscheinlich. Aber ändert dies die Sache? Ich sage ja nicht, dass mein Leben unglücklich war. Aber es wäre eben so glücklich gewesen, wenn ich den Besitz nicht erreicht hätte! Denn — dass Du es nur weisst — 'dieser hat mich keine Secunde lang befriedigt. Als ich die erste Million erworben, begehrte ich ebenso leidenschaftlich nach der zweiten, und als auch diese in der Casse lag, die dritte und vierte. Das Erwerben war mir Genuss. Die Leute nennen es den Schacher — ich nenne es die Bethätigung meiner Intelligenz. Gleichviel! Es ist dasselbe! Der Name thut nichts zur Sache. Und wie es mir ergangen, so ergeht es jedem, der eine ausgesprochene Fähigkeit besitzt. Ihre Betätigung allein gibt ihm Glück — der Erfolg ist Nebensache!“ „Es kommt aber darauf an, auf welchem Gebiete man sein Talent betätigt!“ widersprach der Arzt. „Ein Feldherr zum Beispiel, der sein Land gerettet -- ein Dichter, der ein Meisterwerk erdacht . . .“ Ein heiseres, grelles Auflachen des Millionärs unterbrach den Doctor. „Wolkentourist!“ rief Isak höhnisch. „In welcher Höhe treibst Du Dich herum? Glaubst Du denn wirklich, dass der selige Vater Radetzky beim Beginne einer Schlacht sich gedacht hat: Jetzt will ich Oesterreich gross machen? Oder dass Ibsen sich mit der löblichen Absicht an seinen Schreibtisch setzt, die Weltliteratur um ein geistreiches Drama zu bereichern! — Unsinn! — Die Passion ist es, die die Kraft verleiht! Wenn Oesterreich so mächtig gewesen wäre, dass es keinen Krieg zu führen gebraucht, oder wenn die Literatur so reich, dass kein Gedanke mehr erdacht werden