Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 12 (24.3.1899)
- Article
- Bibliographisches Lexikon [Rezension]
- Date
- 1899-03-24
- Page
- 14 (sequence 1)
- Language
- German
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Seite 14 „Die Hl Welt44 Nr. 12 Lippe LH. D. Bibliographisches Lexikon der g es am mLen jüdischen und th eolo gisch-rab L inisch en Litera tur der Gegenwart mit Einschluss der Schriften über Juden und Judenthum. Wien IM). Verlag Eh. D. Lippes Buchhandlung, II., Praterstraße 13. Das Lexikon hilft einem tiefempfundenen Mangel ab. Für den Laien ist es ein Handbuch, das ihn in die jüdische Literatur der letzten zwei Jahrzehnte einführt, aber auch für den Gebildeten ist es zur Orientierung unentbehrlich und für die Forderung eines literarischen Verkehrs von Wichtigkeit. Es enthält ein Verzeichnis der Verfasser und der Werke, der letzten zwei Jahrzehnte, und zwar nicht allein auf dem Gebiete der jüdischen Wissenschaft im Westen, sondern auch der neu aufblühenden neuhebraischen Literatur im Osten, deren Wachsthum — Gottseidank — von . einzelnen, „rühmlichst bekannten" Parasiten nicht mehr geschädigt werden kann. Die Parasiten gehören freilich zu jeder neu aufblühenden Literatur, nur müsste eine gesunde Kritik — nach der Art der Frischmann'schen — reinigend wirken. In diesem Sinne hatte wohl Saint-Beuve Recht, wenn er meinte, die Kritik müsste eine Naturwissenschaft sein. Sie sollte sich also auch mit den Schädlingen beschäftigen. Wegen dieser Parasiten-Schriftsteller rst oer Stoff angewachsen, kaum zu bewältigen. Die kleinen Versehen sind kaum erwähnenswert und thun dem ausgezeichneten und nützlichen Werke keinen Abbruch. Das Lexikon ist einem bekannten, edlen Wiener Wohlthäter, Heinrich Benies, gewidmet. Die Einleitung ist, abgesehen von einzelnen Härten, klar, oft geistvoll, von einer glühenden Liebe zum Judenthume und zu seiner Wissenschaft getragen. Was der Verfasser in der Einleitung Wahres und Treffendes — in bescheidener Weise — über den Verfall der jüdischen Wissenschaft in Oesterreich, über die preeäre Lage der Rabbiner und über das neugegründete Wiener Rabbinerseminar sagt, sollte jeder österreichische Jude Nachlesen und beherzigen. Das Buch ist schon wegen seiner gediegenen Einleitung zu empfehlen. «j. b. „Machasoth Haghetto“ (Ghetto-TragödienvonI. Z angwill) in hebräischer Uebersetzung von S. L. G ordon, mit einer Photographie des Autors und einer einleitenden biographischen Skizze von R. Brainin. Verlag „Tuschija", Warschau 1898. Das jüdische Ghetto ist an echten Dichtern blutarm. Die ganze Ghettodichtung beschränkt sich auf eine ganz kleine Anzahl von Büchern, die etwas Wert Haberl. Ohne Zweifel ist Z a n g w i l l der bedeutendste Ghettodichter, der vor unseren Augen das Ghetto mit all seinem Thun und Lassen, mit all seinen Licht- und Schattenseiten aufleben ließ. Und nun sind wir in der erfreulichen Lage, das Erscheinen der hebräischen Uebersetzung der Zangwill'schen Ghettoschilderungen zu begrüßen. Die Uebersetzung ist in einem reinen Hebräisch geschrieben. Auch ist ihr eine biographisch-literarische Skizze von Brainin vorausgeschickt worden, die schon früher im „A ch i a s a f" - A l m a n a ch erschienen ist. Es ist bloß ein kleines Analogon zwischen Wassermann und Zangwill hinzugefügt worden, das vielleicht besser weggelassen worden wäre ... I. M e l n i k. P Feuilleton. Letten. Ls ist ln tiefer „Nacht der Wacht“. Ich steh' auf der Gasse und lausche sacht, Wie die drinnen sitzen und summen und singen, Dass die Töne weithin die Nacht durchklingen. Da thront der Alte im Leichenlinnen, Er thront wie ein König im Lehnstuhl drinnen, Wie ein König des Leides, verjagt aus der Welt, Wie ein König der Liebe im häuslichen Zelt. Und rings Weib, Kinder, Gäste und Magd, Und das jüngste Knäblein staunt und fragt, Was denn Besonderes an dieser der Nächte? „Einst waren wir in Aegypten Knechte.“ So lautet die Antwort im summenden Kreide, Rings alles nach alter, gewohnter Weise, Das ist das ungesäuerte Brot Das ist das Kräutlein der „bitteren“ Noth. Das Brot, das gebacken zweitausend Jahr’, Und das doch noch immer nicht schön und gar, Und neben dem unvollendeten Brot, Auch stets das Wermuthkräutlein : Noth. Und einer ist dTunter, ein närrischer Greis, So närrisch als fromm, so kindisch als weiss, Der nimmt ein Gefäss, mit Wasser gefüllt, In Wandergewand seinen Leib gehüllt. So springt er über das Wasser quer, Als sprang' er leibhaftig durch's rothe Meer, Dieweil die ander'n summen und lesen, Wie „wir einst in Aegypten Knechte gewesen.“ Dann öffnen voll Andacht die Thüre sie sacht. Sie führt hinaus in die Frühlingsnacht. Es schwebt der Prophet Elia leise, Unsichtbar nach seiner ewigen Weise. Dann trinken gemüthlich die traurigen Zecher Die vollen, die fröhlichen, schäumenden Becher, Und singen ganz lustig die heiligen Lieder, Und beten und trinken und singen wieder. „In Jerusalem das kommende Jahr!“ So tönt es dreimal ganz laut und klar, So klingt es weithin mit Jubelmacht-, Und leise zittert der Lenz durch die Nacht.-— Ernst Müller. Der Auszug. Von Ben-Ami (Odessa). Dem grossen Tribunen unseres grossen Volksgedankens, Herrn Dr. Max Nordau, widmet diese Zeilen in brüderlicher Liebe und Ergebenheit der Verfasser. I. „Und es geschah in jenen Tagen, als Moses gross war, da gieng er hinaus zu seinen Brüdern, und er sah ihre Noth. Und da sah er einen ägyptischen Mann, schlagend einen hebräischen Mann von seinen Brüdern.“ Wie gewaltig, wie tief und doch zugleich wie besänftigend wirkt diese, in ihrer reizend-naiven Poesie so wunderbare Geschichte von dem ersten Auftreten Mosis unter seinen Brüdern. Wie hoffnungsvoll, wie freudevoll schlägt das Herz in unserem Busen für diese von den entmenschten Henkersknechten des grausamen asiatischen Pharaonenkönigs zertretenen, zutode gehetzten Geschöpfe! — Moses! Da ist sie nun emporgestiegen, diese Leuchte der Menschheit! Da tritt er hervor, dieser elementare Titan, Trost, wahrhaften, wirklichen Trost spendend den Weinenden und Seufzenden, Freiheit, volle, unbegrenzte Freiheit und ein theures, geliebtes Heim verheissend den Geknechteten und Obdachlosen, und Zorn und Vergeltung verkündend denKnechtern und Henkern. Und es jauchzen die Zertretenen, und es zittern erschreckt die Zertreter. „Und als Moses gross war, da gieng er hinaus zu seinen Brüdern.“ Die Morgenröthe beginnt soeben aufzudämmern. In hoher, unermesslicher Weite breitet sich das durchsichtigblaue Himmelsfirmament aus, im Osten immer blasser werdend. Starr stehen die Sterne und leuchten hell inmitten der Hirmneiskugel. Ringsum herrscht eine tiefe Stille, die von keinem Laute, von keiner Bewegung gestört wird. Nur zeitweise dringt weit aus der Wüste das wehmüthige, jammernde Geheul eines hungernden Schakals herüber,_und wieder versinkt alles in Schweigen. Auf die Terrasse des gewaltigen, prachtvollen, noch in tiefes Dunkel versunkenen Königspalastes tritt ein hoch gewachsen er, schlanker, kraftvoller Jüngling, gehüllt in ein üppiges, orientalisches Königsgewand. Langsam schreitet er die breiten und langen Marmorstufen hinab und wendet sich der breiten Allee zu, die auf beiden Seiten von parallellaufenden Reihen gewaltiger, aus Granit gefertigter Sphinxe geschmückt ist, die mit ihren wundervollen, träumenden, räthselvollen Blicken in die blaue Weite hinausstarren. Ebenso wundervoll, träumend und räthselvoll sind die Blicke des zwischen ihnen wandelnden Jünglings. Plötzlich macht er am Ende der Allee Halt und beginnt sich umzuschauen. Durch die gewaltigen, schattigen Feigenbäume schimmert das majestätische Portal eines prachtvollen Tempels mit seiner imposanten Säulenhalle hindurch, die mit verschnörkelten Basreliefs und seltsamen ideographischen In-