Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 12 (24.3.1899)
- Article
- Berlin
- Date
- 1899-03-24
- Page
- 10 (sequence 2)
- Language
- German
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Keile l v „Di« & Welt“ Nr. 12 Wreschen und VVürzburg Vorträge über den Zionismus gehalten. Frankreich. Paris. Die vereinigten Kammern des Cassationshofes sind, wie das Pariser Blatt „Le Journal“ mittheilt, entschlossen, das Revisionsverfahren in der Dreyfus-Affaire sehr zu vereinfachen und alle Nebensachen beiseite zu lassen, die in der Enquete der Strafkammer einen so grossen Platz eingenommen haben. Vor allem soll auf eine neuerliche Vernehmung Esterhazys verzichtet werden, da man seinen widersprechenden Mittheilungen keinerlei Glauben mehr beimessen könne. Die vereinigten Kammern sollen nach folgendem Programme Vorgehen: 1. Prüfung der Geheimacten, 2. Prüfung des Verfahrens vom Jahre 1894, 3. Prüfung der dem Capitän Lebrun-Renault angeblich gemachten Geständnisse, 4. Prüfung der Agitation nach der Verurtheilung, 5. Prüfung des Processes Zola, 6. Prüfung der Umstände, unter denen die Revision eingeleitet wurde. Damit die Mitglieder des Cassationshofes in voller Sachkenntnis urtheilen können, sind ihm zahlreiche Documente, Enqueten und Processberichte unterbreitet worden. Es sind dies nahezu 4000 Druckseiten. Der Berichterstatter, Rath Bellot-Beaupre, dürfte daher mit seinem Referate erst gegen den 17. April fertig werden. Besondere Aufmerksamkeit soll auch den verschiedenen Gutachten der Sachverständigen im Schreibfache gewidmet werden. Sensationelle Zwischenfälle werden übrigens in Paris von dem Verlaufe der Untersuchung des Cassationshofes nicht erwartet. England. London, 17. März. Der Tod Sir Julius Vogels ruft die Erinnerung an all das Große wach, das von Juden im Interesse des englischen Weltreiches seit jeher geleistet worden. Sowohl in Australien als in Afrika, in Politik und Handel, haben sich Inden in hervorragender Weise bethätigt. Nur wenige werden gewusst haben, dass Sir Vogel, der Expremier von Neuseeland, Jude war. Auch die anlässlich seines Todes erschienenen Zeitungsbiographien erwähnten diese Thatsache nicht, sondern begnügten sich mit der Bemerkung/ dass das Begräbnis auf dem jüdischen Friedhofe stattgefunden habe. Sir Vogel gehörte eben zu den, leider nicht seltenen Juden in öffentlicher Stellung, die, ohne sich mit einem entscheidenden Schritte vom Judenthum loszusagen, sich nicht als Angehörige ihres Volkes zu erkennen geben. — Nächsten Sonntag findet die Jahresversammlung des „Jevvii-h Board of Guardians“ statt. Der Jahresbericht weist die Verwendung von 160.000 fl. zu wohlthätigen Zwecken nach. Aber sowohl diese, wie auch die sonstigen, zu gleichen Zwecken jährlich aufgebrachten Riesensummen vermögen nur dem momentanen Elende abzuhelfen, nicht aber die Quelle der notorischen Armut unserer Massen zu verstopfen. Manche Kreise brauchen unverhältnismäßig viel Zeit, um zu dieser Erkenntnis vorzudringen. — Eine der bemerkenswertesten Figuren in der an eigenartigen Persönlichkeiten überreichen Geschichte Südafrikas, Mr. Sam. Marks, kehrt dieser Tage nach einem kurzen Besuche Englands in seine Heimat zurück. Mr. Marks, heute einer der größten Käufleute der Welt, begann seine Laufbahn vor 40 Jahren in Sheffield, von wo er, bereits im Besitze eines ansehnlichen Vermögens, nach Südafrika übersiedelte. Heute steht seine Firma an der Spitze der südafrikanischen Industrie und ist das Centrum für den Kohlenhandel des Landes. Mr. Marks ist in der Gesellschaft sehr beliebt und geschätzt, Juden und Christen anerkennen seinen eisernen Willen, seinen selbstlosen Charakter, sowie die großherzige Förderung, die er allezeit den öffentlichen Interessen angedeihen ließ. Unter den aussichtsreichen Caudidate» für die nächste Präsidentenwahl wird sein - Name an erster Stelle genannt. Ein Johannesburger Journal schreibt darüber: „Falls Mr. Marks eine Wahl annimmt, würde er bestimmt auf die Sympathien des Uitlanders, denen er durch seine englische Abstammung nahe steht, und wohl auch der Buren rechnen können. Sein Einfluss in P r ä t o r i a ist zweifellos ein sehr bedeutender. Er wäre der rechte Mann, die zwischen den Buren und den Uitlanders bestehenden Differenzen auszugleichen und eine neue Aera des Wohlstandes zu eröffnen." 9 Allerlei Nachrichten. InPressburg ist seitens der altehrwürdigen Chewra- Kadischa eine Bewegung ins Leben gerufen, die auf die Ausbildung von jüdischen Krankenwärtern und -Wärterinnen hinzielt. Die Kosten werden im Wege von Sammlungen aufgebracht. * Als am Montag der vorigen Woche im deutschen Reichstage der alte Ladenhüter der Antisemiten — genannt Schacht verbot — auf der Tagesordnung stand, musste das Tractandum abgesetzt werden, denn — so Hessen sie durch den Mund des Abg. Vielhagen verkünden — sie seien, und zwar zum drittenmale-nicht vorbereitet! In den plötzlich von allen Seiten kommenden Nachrichten über Vorgehen der Thierschutz vereine liegt eine wohl vorbereitete Agitation. In Zürich musste erst das Obergericht einschreiten, um zwei Schächter, die von den beiden niederen Instanzen (Polizei und Bezirksgericht) wegen Sch achtens von Geflügel verurtheilt wurden, freizusprechen — wie vor 4 Jahren das Baseler Gericht — weil der ominöse Verfassungsparagraph sich nur gegen Grossvieh richtet, resp. die derzeitige Motivierung nur diese Deutung zulässt. Der Berliner „Verband für jüdische Wohlthätigkeitspflege“ hörte in seiner jüngsten Delegierten-Versammlung ein ausgezeichnetes Referat von R. A. B r e s 1 au er über die „Mitwirkung der Frauen an der Wohlthätigkeitspflege“, das die Aufmerksamkeit weitester Kreise zu erregen geeignet ist. Der Referent verlangt das Eingreifen der jüdischen Frauen namentlich bei der Waisenpflege; bei der Armenpflege werden schon jetzt Frauen vorgezogen, ebenso in den Krankenhäusern und Altersversorgungs-Anstalten. * In Berlin existiert seit mehreren Jahren ..ein Kind erspar verein, dessen Erträgnisse armen Kindern in den verschiedensten Formen zugute kommen. Die Bewilligung für das laufende erste Semester beläuft sich auf 5500 Marie. Auch in Chaux-de-Fonds (Schweiz) besteht, wenn wir nicht irren, ein Kindersparverein gegründet auf Veranlassung eines früher in Berlin ansässig gewesenen Herrn, dessen Ergebnis für Bekleidung und Ferienaufenthalt verwandt wird. Der Zweck, welcher damit verfolgt wird, ist. schon bei Kindern die Liebe zu den Minderbegüterten praktisch bethätigt zu sehen. Zur Feier des im kommenden Mai zu begehenden JOOjährigen Geburtstages des verstorbenen Componisten der „Jüdin“, Halevy, werden in Paris grosse Vorbereitungen getroffen. Er starb 1862, Gounod sowohl wie B i z e t waren seine Schüler. * Eine Aufführung von Zangwüls „Kinder des Ghetto“ ist für nächsten October in New-York angekündigt. Z. selbst wird die Inscenierung überwachen und zu dem Zwecke nach einem kurzen Aufenthalte in England wieder nach den Vereinigten Staaten fahren. Gegen „religiöse Intoleranz“ richtet sich eine Bewegung in den Vereinigten Staaten, die von den leitenden Organen aller Parteien unterstützt wird. Interessant dabei ist die Bemerkung einer Zeitung, dass es einerlei sei, ob ein Israelit sich Jude nenne oder Hebräer. Ist er nicht gut als der Eine, so ist ers auch nicht als der Andere. Die nach Amerika verschlagenen russischen Juden amerikanisieren sich, wie es den Anschein hat, auch bezüglich der von ihnen hie und da angewendeten Mittel der Selbstverteidigung. In der Fabriksstadt Worcester. Mass.. bildeten sie eine auf Gegenseitigkeit begründete Gesellschaft, um sich gegen das Rowdythum zu wehren, und haben zu dem Behufe einen der bedeutendsten Anwälte engagiert. Wir sprachen bereits wiederholt von den ältesten A nsiedlungen unserer Stammesgenossen in Amerika. Einen neuen Beitrag dazu liefert eine in Albany im Staate N.-Y. in allerjüngster Zeit aufgefundene Urkunde, wonach sich unter den im Jahre 1652 in die damals den Holländern gehörende Colonie gesandten Soldaten auch jüdische Bauern befanden, die sich für eine einjährige Dienstzeit hatten anwerben lassen und später auf Manhathan-Island, das ist die Insel, auf der die Stadt New-York gebaut ist, ansiedelten. Es waren das allem Anscheine nach die ersten Juden in den Vereinigten Staaten. G