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Die Welt · 1899-03-24 · 12 (24.3.1899) · p. 8

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
12 (24.3.1899)
Article
Heymann Steinthal
Date
1899-03-24
Page
8 (sequence 2)
Language
German
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Seite 8 „Die H Welt“ Nr. 12 zu Gröbzig in Anhalt-Dessau geboren. Das Milieu, aus dem er hervorgegangen ist, ist die Atmosphäre Moses Mendelssohns, aus dessen Geburtsstadt Dessau ein milder Haueh über das ganze Ländchen hinwehte. Dieser Geist erfüllte auch das Vaterhaus Steinthals, wie daraus erhellt, dass sein Grossvater im letzten Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts von der Leipziger Messe ein Chumesch mit „Mosche Dessaus Deutsch“ mitbrachte und es seinen Söhnen mit den Worten übergab: „Nun werdet Ihr das Chumesch richtig übersetzen lernen.“ 1843 studierte Steinthal in Berlin Philologie und Philosophie und 1850 habilitierte er sich an der dortigen Universität für allgemeine Sprachwissenschaft und Mythologie. Um tiefer in die chinesische Sprache und Literatur einzudringen, verweilte er drei Jahre (1852—55) in Paris. Im Jahre 1863 erhielt er eine ausserordentliche Professur für Sprachwissenschaft an der Universität zu Berlin, wo er seit 1872 auch an der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums Bibel-Exegese und Religions-Philosophie lehrte. Daneben gieng eine rege wissenschaftlich-literarische Thätigkeit einher, sei es in Form abgeschlossener, selbständiger Werke, sei es als Vorträge und Abhandlungen. Ein besonderes Verdienst erwarb sich der Forscher durch die im Vereine mil seinem lieben Freunde Mori z Lazarus 1860 unternommene Begründung der vortrefflichen Zeitschrift für Völkerpsychologie und Sprachwissenschaft, in welcher zum erstenmal mit Erfolg versucht wurde, die beschränkte Grenze individual-psychologischer Betrachtung zu verlassen und das grosse Gebiet des Völkerlebens unter social-psychologischer Perspective aufzufassen. Damit ist seine Stellung zu dem ihn lebhaft beschäftigenden Probleme des Ursprunges der Sprache im tieferen Grunde gegeben. Er bemühte sich, das psychologische Wesen der Sprache in ein helles Licht zu setzen und der beständigen Verwechslung des logischen Denkens mit der an der Hand der Sprache vor sich gehenden Vorstellungsbildung einen Riegel vorzuschieben. Während andere Forscher sich die Aufgabe stellten, das Werden der Sprache vom Uranfänge bis heute in einem organischen Zusammenhang zu verfolgen, war ihm der rein psychologische Gesichtspunkt massgebend. Für ihn handelte es sich um die Lage des Bewusstseins und um die dasselbe beherrschenden Gesetze bei der Erzeugung der Sprache im Uranfange, wie im Kinde und wie im jedesmaligen Augenblicke der Rede. Für ihn war die Frage eine der empirischen Psychologie. Zunächst wird an der Hand mathematischer Formeln eine psychische Mechanik geboten, dann die vorsprachliche Stufe der Seelenentwicklung, die Stufe der thierischen Wahrnehmung oder Anschauung näher charakterisiert, aus der sich die Vorstellung oder die menschliche Sprache entfaltet, so dass im gewissen Sinne die Anschauung der Descendenztheorie über den Ursprung des Menschen aus dem Thiere massgebend bleibt. Genauer beschreibt unser Philosoph sein Verfahren folgendermassen: „Ich sah ab von aller höheren Seelenthätigkeit des Menschen und prüfte nur die menschliche Wahrnehmung. Ich erhebe allerdings noch heute den Anspruch, dass ich den Vorzug des Menschen vor dem Thiere vorsichtiger dargestellt habe, als jemals vor mir geschehen. Ich führte nicht Religion, Zahlen, staatliches Zusammenleben u. s. w. als Specifica des Menschen vor, sondern ich redete wesentlich nur von den Empfindungen der Sinne. Hier, in der untersten seelischen Sphäre, suchte ich den Unterschied auf. Ich leitete den Vorzug des Menschen, da wir vom Gehirn nichts Bestimmtes wissen, fast ganz von der aufrechten Stellung des Menschen ab: daher die Beweglichkeit des Leibes und seiner Glieder, namentlich des Kopfes und des Armes mit der Hand und den Fingern, besonders dem Daumen. Damit hängt die unbehaarte Haut zusammen. Von ihr und der Hand hängt der feine Tastsinn ab. Dazu kommen die anderen Sinne, welche sämmtlich extensiv schwächer, aber intensiv stärker wirken, d. h. sich zwar über geringere Entfernungen erstrecken, aber mehr qualitativ verschiedene Eindrücke erfahren, also an den Dingen mehr Eigenschaften entdecken und die gleichartigen Eigenschaften mehrerer Dinge genau unterscheiden. Dadurch entsteht in dem Menschen eine grössere Intellectualität, theoretisches Interesse, wenn auch zunächst nur im Dienste der nutzbringenden Arbeit, welche aber wiederum die Kenntnis mehrt. Beides nun, Arbeit und Kenntnis, schwächt die Leidenschaft, die Gier, und hebt die Besonnenheit. Damit aber erzeugt sich auch das ästhetische Interesse, das Wohlgefallen am Schönen, wie am Sittlichen. Die Arbeit erweckt neue Bedürfnisse, und das Bedürfnis treibt zur Arbeit. Diese, ihre Ziele immer steigernd, verlangt Vereinigung der Menschen, und führt zur Gesellschaft, die einen neuen Keim zur Erweiterung des Intellects und namentlich zur Schöpfung der Sprache abgibt.“ Gleichwohl wird die fein naturwissenschaftliche Untersuchung des Problems nicht a priori zurückgewiesen, im Gegentheile erfahren Darwin und Gustav Jäger eine eingehende, theilweise recht anerkennende Behandlung. So sicher aber der Gedanke der Descendenz überhaupt als Hypothese ist, so wenig ist es heute schon möglich, ihn zu einer das Werden und die erste Entwicklung des Menschengeschlechtes betreffenden Thatsache zu gestalten. Dazu fehlen noch die ersten sicheren Ansatzpunkte. Immer noch sind die Grundfragen nicht mit Sicherheit zu beantworten: Ist das heutige Menschengeschlecht in Wirklichkeit, nicht bloss ideell, eines und desselben Ursprunges? Ist ihm eine Menschenrasse oder sind ihm gar mehrere Menschenrassen, welche ausgestorben sind, vorangegangen? Wie waren letztere oder wie waren die ersten Menschenfamilien leiblich geartet, wie geistig begabt? Mithin drängte sich unserem Forscher der psychologische Gesichtspunkt immer mehr in den Vordergrund. Er wollte nicht zeigen, wie die Sprache geworden ist, sondern nur, welche Gesetze in ihrem Werden wirksam waren; seine Beispiele sollten erläutern, aber nicht beweisen, und wareh keine Thatsachen der Urgeschichte. „Der Ursprung der Sprache, als historisches Factum gefasst, ist eine Aufgabe der Völkerpsychologie; ich habe mich zunächst und bisher darauf beschränkt, nur die allgemeinen psychologischen Gesetze zu erforschen, welche sich in der Schöpfung der Formen des Denkens und des Gedankenausdruckes bewähren. Freilich wird mir immer klarer, dass auch diese Formen, weil sie eine Geschichte haben, ohne Volke,- Psychologie nicht genügend erklärt werden können. Die Sprache zumal ist ein Organ des Geistes, welches in seinem ganzen Wesen geschichtlich ist.“ (Schluss folgt.) Tribüne. Der Verein „I schub Er ez Hakodesch“ in Jerusalem versendet einen Aufruf, dem wir Folgendes entnehmen : Im Namen der jüdischen Bewohner Jerusalems treten wir heute an Sie heran. Sie vernehmen aber diesmal nicht die Stimme der armen Kranken, der verlassenen Witwen und Waisen, die Sie um Ihre Hilfe und Rettung anflehen. Es ist vielmehr der muthige Ruf einer lebensfrohen Jugend nach Arbeit, der an Sie ergeht. Zwei wichtige Umstände: einerseits die fortwährend im Wachsen begriffene Not unter den Handwerkern und Taglöhnern, und andererseits die immer steigende Lust und Liebe der hiesigen Einwohner znm Ackerbau, haben hier die Gründung eines Vereines zur Folge gehabt, benannt rWrtpn p-lK SUSP rnsn „Verein zur Förderung der Agricultur im Heiligen Lande“. Der Zweck dieses Vereines ist: Durch die Zuführung eines grossen Theiles der hiesigen Arbeitskräfte zum Landbau auch Jerusalem an dem grossen Colonisationswerke theilnehmen zu lassen und dadurch hier eine Verminderung des jüdischen Proletariats zu erzielen. Von den vielen jungen Leuten, die sich um unser Banner scharten, schickten wir beinahe 50 nach den (Kolonien, wo sie auf unsere Empfehlung hin sofort Beschäftigung gefunden haben. Unsere dringende Bitte an die wahren Freunde Zions geht nun dahin: Sie mögen unseren Bestrebungen ihren kräftigen Beistand leihen und uns — auf welche Weise auch immer — in unserem ausgezeichneten Unternehmen unterstützen, recht viele Söhne Zions der Agricultur zuzuführen und dadurch die Juden Jerusalems moralisch und social zu heben und zu kräftigen und sie für eine bessere Zukunft vorzubereiten. Adresse : Verein „Ischub Erez Hakodesch“ in Jerusalem (Palästina.) G Weltchronik. Kipling stammt väterlicher- und mütterlicherseits von Geistlichen ab; seine Ahnen waren protestantische Einwanderer aus Holland. Den Zionismus kennt er aus der „Welt“; eine selbständige Meinung über denselben hat er nicht geäussert. Wieviel jüdische Zeitungen und periodisch erscheinende Druckschriften gibt es? Auf diese Frage gibt Herr Ch. D. Lippe in seinem soeben im Buchhandel erschienenen Werke Auf-

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