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Die Welt · 1899-03-24 · 12 (24.3.1899) · p. 7

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
12 (24.3.1899)
Article
Eine Conférece Max Nordaus
Date
1899-03-24
Page
7 (sequence 2)
Language
German
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„vis # Welt“ Seite 7 Nr. 1L Genies viel weniger gut ausgenommen worden als ein Arier. Wenn Copernicus, Darwin und noch andere — Juden gewesen wären, so hätte zwar die furchtbare Macht des Hasses und der Vorurtheile ihre Ideen nicht vernichten können, wohl aber hätten sie einen viel härteren Kampf zu bestehen gehabt, um sich 'Bahn zu brechen. Drei Juden, die in den letzten Tagen aus dem Leben geschieden sind, Vogel, der Gouverneur von Neu-Seeland, Ludwig B a m b e r g e r, der bekannte Parlamentarier, und S t e i n t h a l, der gelehrte Philologe, haben ihr ganzes Leben lang diese Schwierigkeiten zu überwinden gehabt, welche ein außergewöhnlicher Mensch unserer Rasse immer auf seiner Laufbahn findet, und die seine Kraft fortwährend hemmen, wenn sie ihn nicht überhaupt entmuthigen. Aus all diesen Betrachtungen concludierte dann Nordau, dass der außergewöhnliche Zustand, in dem sich das jüdische Volk befinde, dem das freie Milieu fehle, uw seine Fähigkeiten zu entwickeln, dem das Leben härter gemacht werde als anderen, dessen Kampf ums Dasein grausamer sei als sonst irgendeiner, dass dieser abnormale Zustand auch für die Gesammtmeuschheit einen großen Verlust mit sich bringe, einen Verlust an Genies, einen Verlust an Menschen, die zu Höherem berufen wären. Und unter dem begeisterten Beifalle aller Zionisten führte der Redner dann aus, dais die Regeneration des jüdischen Volkes auf einem freien Boden ebenso unerlässlich für die Juden als nützlich und wünschenswert für alle Christen, namentlich die Arier, wäre. Aber auch der sociale Fortschritt werde durch die gegenwärtige Lage des jüdischen Volkes verzögert. Jede Knechtung verdirbt den Gewalthaber ebenso wie den Geknechteten. Die Knechtschaft anerkennen, sie in Stumpfheit ertragen, heißt das nicht, die Grundprincipien der Moral verleugnen? Dazu komme noch als erschwerendes Moment, dass man seit Jahrhunderten dem Juden die Rolle eines Sündenbockes unter den Völkern zugetheilt habe. In geistvoller Weise erinnerte Nordau hiebei an eine Gepflogenheit bei der Erziehung der französischen Dauphins. Bekanntlich hatten die Erzieher der Prinzen Leute zu ihrer Verfügung, welche auf ihrem Gesichte und auf ihrem Rücken die Strafen aushalten mussten, welche der Erzieher nicht direct an dem Leibe des Dauphins vollstrecken durfte. Dienen denn die Juden nicht auch immer als diejenigen, welche die Vergehen der anderen büßen, welche mit ihrem Blute die Fehler der anderen bezahlen müssen? Was resultiert aber aus einem solchen Stande der Dinge? Daraus resultiert, dass die Herrschenden, wenn sie sich irgendeiner Verantwortlichkeit entziehen wollen, immer die Juden als die Schuldigen denuucieren. Die Masse in ihrer Dumpfheit acceptiert gerne diese ebenso niederträchtige als billige Erklärung, und lässt seine Ausbeuter weiter walten und ihre antisocialen Interessen verfolgen. Wieviele heilsame Erhebungen des Volkes wurden schon gehemmt oder bereits im Keime erstickt, indem man den empörten Herzen den jüdischen Sündenbock vorfüyrte, und wieviel Gesundes wird noch daran zugrunde gehen müssen! Auch diese Erwägungen führen zu dem Schlüsse, dass nur eine öffentlich-rechtlich gesicherte Heimstätte des jüdischen Volkes ein großes Hindernis aus dem Wege des Fortschrittes wegräumen könnte, und dass infolge dessen alle Arier, denen es ehrlich um diesen Fortschritt der Menschheit zu thnn ist, ihre Anstrengungen mit den unserigen vereinen müssen, um uns bei unserem großen Werke zu unterstützen. Roch in einer dritten Richtung bewegten sich die Ansführungen des Vortragenden, indem .er ans die missliche Stellung der Juden hinwies, welche ihr Volk verlassen luolten, um sich gänzlich denjenigen hinzugeben, die sie ausgenommen haben. Nordau acceptiert im Principe diesen Versuch, der ja in den Gesetzgebungen aller civilisierten Völker Aufnahme und gesetzliche Regelung gefunden hat. Wir anderen Juden können den Gliedern unserer'Gememschaft ein Recht nicht rauben, das ihnen voll allen anderen zngebilligt worden ist. Aber unter den gegenwärtigen Verhältnissen sei ein Ausscheiden aus dem Judentum nichts anderes, als eine schimpfliche, feige Desertion. Keine Nation kann diejenigen ihrer Angehörigen achten, die sie in einem Angenblicke im Stiche lassen,, wo sie von Feinden rings umgeben ist, die sie mit Vernichtung bedrohen. Und das ist doch der Fall bei unserem Volke. Solange übrigens nicht alle Juden Abtrünnige seien, würden die Ausreißer immer in den arischen Kreisen scheel angesehen werden, denn wir sind es ja, die ihnen den Passfür die Fremde auszustellen haben. Die Juden, welche sich Laufen lassen wollen, hätten also allen Grund, die zionistische Lösung zu beschleunigen, welche ihnen die jetzt noch gebundenen Hände entfesseln und ihnen den weitesten Spielraum für ihre Absichten gewähren wird. Im selben Augenblicke aber, da Nordau unseren Abtrünnigen dies egoistische Argument vorführte, fügte er sofort einige Bemerkungen hinzu, die alle Zionisten, ja, jeden Juden von Herz, tief ergriffen haben. Wenn alle Juden untreu würden, wer, so fragte er, bliebe dann auf dem Plane, den jüdischen Namen zu vertheidigen? Wer würde unseren Angreifern und Verleumdern antworten? Wer würde vor der Geschichte, vor der Zukunft die freche Herausforderung annehmen, welche die Hasser und Neider des Judenthums uns zuschleudern, wer das geschichtliche Monument rein erhalten, das als unvergängliches Zeichen unserer Existenz bleiben wird, wer es säubern von dem Schmutze, mit dem es die Feinde des Judenthums bedecken werden? — In diesem Momente rief eine Stimme von der Gallerte: „O, es wird immer Leute wie Picquart geben!" Da aber antwortete der Redner voll Feuer: „Wohl! Aber wir wollen nicht, dass edle Arier diese Märtyrerrolle auf sich nehmen! Wir wollen selber vor der Zukunft die Vertheidiger unserer Vergangenheit feilt!" Nachdem hierauf Nordau den Gedankengang seiner Rede resümiert hatte, zeigte er den Versammelten die Gründung der jüdischen Colonialbank an, indem ec sagte, die Zionisten seien ferne davon, sich mit gefühlvollen Reden zufrieden zu geben, sie begännen bereits, den Weg der Realisierung ihres Planes zu beschreiten. Ein jeder, der im Zionismus ein praktisches Werk suche, möge seinen Antheil an der Colonialbank nehmen. Die Rede Nordans wnrde mit colossalem Beifalle ausgenommen. Die Veranstalter dieser Conference, die „Vereinigung israelitischer Studenten", verdienen allen Dank für den Dienst, welchen sie durch diesen Propagandaabend der zionistischen Sache geleistet haben. Uebrigens waren alle größeren zionistischen Versammlungen. der letzten Jahre durch diese Vereinigung veranstaltet. Umso betrübender ist es, dass sich der „Flambeau^ infolge unrichtiger Informationen veranlasst sah, diesem Vereine vorzuwerfen, dass er noch keine Beweise seiner national-jüdischen Gesinnung gegeben habe. Hoffentlich wird der „Flambeau* die nöthige Rectification selber vornehmen. Argus. P Heymann Steinthal. Der Tag, an dem Steinthal von hinnen gegangen, ist ein Trauertag für das Judenthum! Auf verschiedenen und weit auseinander liegenden Gebieten der Wissenschaft hat er Dauerndes und Unvergängliches geleistet. Aber alles, was er gesprochen, geschrieben und geschaffen, ist dem Judenthum zugute gekommen, das er mit allen Fasern seiner reinen Seele, mit allen Gedanken seines hohen Geistes geliebt hat. Er kannte recht wohl die Lust, im krystallhellen Quell der Wahrheit zu baden; in dieser Lust lebte er allezeit. Und der denSabbatlr einleitende und weihende 92. Psalm war seine Theodicee. Kann man die ethische Bestimmung des Menschen und zugleich sein Glück und seine Sicherheit in dieser Bestimmung anschaulicher vorführen, als es in dem kurzen Ausdrucke: „Gepflanzt im Hause Gottes“ geschieht? Und weil dort gepflanzt, darum „sprossen die Gerechten noch im Greisenalter, bleiben frisch und saftig“. So sind sie als Thatsachen Zeugen dafür, „dass Gott, mein Fels, gerecht ist und ohne Fehl“. Auch der grosse Todte, den wir jetzt beklagen, gehörte zu diesen Zeugen. Der Lebenslauf eines jüdischen Gelehrten bietet meist keine besonderen Ueberraschungen und glänzenden Höhepunkte .für den Betrachter, und so findet der Biograph auch hier keine reiche Ernte. Steinthal wurde am 16. Mai 1823

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