Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 12 (24.3.1899)
- Article
- [Ohne Titel] / Rosenberger, Erwin
- Date
- 1899-03-24
- Page
- 6 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 6 „dis H Welt?* Nr. 12 können die Juden darauf hin weisen, dass sie es waren, die, getreu alten ethischen Traditionen, diesen moralischen Vovstoss der Menschheit inauguriert haben. Tn diesem Kampfe, der gegen die jüdischen Aerzte geführt wird, ist wohl mehr Raffinement, als mau auf den ersten Blick vermuthen möchte. — Dem Arzte wird allseits ein -beträchtliches Mass Hochachtung gezollt. Man muss nur einmal beobachten, mit weicher schier an Ehrfurcht grenzenden Verehrung der Kranke und seine Angehörigen zu dem Arzte aufschauen, wenn er an das Krankenlager herantritt, mit welch weihevollem Schauer sie jeder seiner Bewegungen folgen. Wie wenn diese Abtastungen sacerdotale Handlungen wären. Und in der Thai: Die Verehrung für den Arzt ist ja wirklich desselben Ursprungs, wie das Verbeugen vor dem Priester, dem Stellvertreter des Schöpfers. Handelt es sich doch in beiden Fallen um das Wohl unserer werten Leiblichkeit. Dieses Wohl wollen wir durch Vermittlung des Priesters von dem Schöpfer erlangen, und auch in dem Arzte erblicken wir eine Art Klein-Schöpfer, der in seinen Händen unser Leben hält. Daher lesen wir die Chiffren eines Receptes mit einer ähnlichen heiligen Empfindung, wie die Lettern einerGebetsformel. Und wir sind geneigt, dem Arzte, der uns gelegentlich unsere baufällig gewordene Leiblichkeit restauriert hat, eine ungewöhnliche Dosis von Dankbarkeit entgegenzubringen. Noch nach Jahren zieht der ehemalige Patient vor seinem Arzte auf der Gasse mit ausgesuchter Höflichkeit den Hut. — Wenn nun eine grosse Anzahl jüdischer Aerzte ihre Praxis ausübt, so muss der geschilderte, allgemein menschliche Zug zu allerhand Gefühlsverkehrtheiten Anlass geben. Eine nicht-jüdische Bevölkerung, die doch nach herkömmlichem Brauch und Fug darauf hingewiesen ist, den Juden zu hassen und zu verachten, kann siclrs möglicherweise wider jegliches Herkommen beifallen lassen, den Juden, der ein Arzt ist, zu schätzen oder gar zu lieben. In dem Nichtjuden könnte die Zuneigung zu dem Wohlthäter, der einmal mit Pulver und Pillen den Todesengel aus der Krankenstube hinausgefeuert hat, stärker werden, als der Hass gegen den Juden. Die ' Liebe, die da blind macht, die Liebe zu dem Lebensretter könnte die semitische Physiognomie annehmbar finden. Der nicht-jüdische Mann aus dem Volke, der eben dem jüdischen Hausierer einen Stoss versetzen will, könnte zur Ausübung dieser conventionellen Bassenpflicht nicht die Hand frei haben, weil er eben mit dieser Hand in eben diesem Augenblicke vor dem vorübergehenden jüdischen Arzte den Hut lüftet. Und das ist die Hauptgefahr: Die nicht-jüdische Bevölkerung könnte soweit kommen, dass sie verallgemeinert, dass sie die Hochachtung für den einzelnen jüdischen Arzt auch auf die anderen Juden überträgt; die Zuneigung könnte generalisierend Vorgehen, wie es jetzt der Hass macht. — Eine solche Perspective kann selbstverständlich den jetzigen, zielbewusst arbeitenden Leitern der judenfeindlichen Bewegung nicht besonders erbaulich scheinen, und sie sind am Werke, die Bevölkerung vor derlei Verirrungen zu bewahren. Der jüdische Arzt soll den Leib des Nichtjuden nicht heilen, auf dass er nicht dessen Seele philosemitisch vergifte. Weil jeder Todesengel, den ein jüdischer Arzt von einem Nichtjuden wegweist, der antisemitischen Partei in den Rücken fällt, darum ertönt jetzt die Losung: Boycott den jüdischen Aerzten! Vor einigen Jahren starb einem Wiener Antisemitenhäuptling eine Angehörige Der gebrochene, in Schmerz aufgelöste Familienvater hatte damals noch soviel Willenskraft, um coram publico noch einen Wunsch zu äussern : „Ich verbiete mir jeden jüdischen Leichenbeschauer.“ Man hat das damals als einen Ausfluss von besonders hervorragender Roheit bezeichnet. Das rüde Wort aus dem Munde eines „Leidtragenden“, das uns jetzt wieder im Anschlüsse an die Aerztefrage einfällt, leuchtet tief hinab in den wüsten Schacht, der die Psychologie des Judenhasses ist. Dieser Judenhass, wie er im Vermaledeien des semitischen Arztes zum Ausdruck kommt, ist echt und ursprünglich. Das sind nicht polternde Posen, nicht vorübergehende Allotria, wie mancher Jude — sich und anderen zum Tröste — leichthin erzählt. Denn nicht nur im Weinbecher, auch im Leidenskelche ist Wahrheit. Wer einen ju den feindlichen Fluch durch die Zähne zischen kann, während er seinem Kinde die Augen zudrückt, der meint es blutig ernst mit seiner Feindschaft, bei dem haftet der Hass mit dicken, knotigen Wurzeln tief im Insti.net. Kein Zeithauch wird ihn spielend wegfegen. Und wenn derselbe Abgeordnete auf der Tribüne, auf die ihn der beifällige Wille seiner Wähler gestellt hat, wieder vor einigen Tagen sein „Schussgeld für die Juden!“ beantragt hat, so wissen wir, was wir von seinem redlichen Willen und dem Willen der wählenden Volks - masse zu halten haben. Wie sie ungeduldig dastehen, bereit zum edlen Waidwerk! Auf dem Hifthorn bläst einer frohe Präludien. Der Jäger ist da, die Hunde sind da, die Treiber, das Wild, die Büchsen sind da. — Gebet ihnen die Jagdkarte — und es wird lustig im Forste knallen. Erwin Rosenberger. G Eine Conference Mor Uordans. Am 16. März Hat auch Paris seinen großen zionistischen Tag gehabt — Max No rda u sprach vor einer überaus zahlreichen Zuhörerschaft über das Thema: „Der Zionismus und die Christen". Es war die „Vereinigung der israelitischen Studierenden", welche dem Publicum diesen höchst interessanten Vortrag vermittelte. Diese zionistische Vereinigung zählt Max -Nord an und Bernard La za re zu ihren Ehrenmitgliedern und hat erst vor kurzem auch Dr. Alexander M a r m o r e k, der sich unter den Studenten der größten Beliebtheit erfreut, zu ihrem Ehrenmitgliede ernannt. Die zionistischen Studenten haben in den letzten Jahren schon wiederholt große Versammlungen veranstaltet, in denen Nordau und Lazare das zionistische Programm besprochen und ihm manchen Anhänger gewonnen haben. Auch am 16. März hatten die Studenten große Anstrengungen gemacht, um die in allen Vierteln des großen Paris zerstreut wohnenden jüdischen Familien für den Besuch der Versammlung zu gewinnen. Der Erfolg lohnte auch diese Anstrengungen. Es war wirklich ein ebenso gewähltes als zahlreiches Publicum, das den Worten Nordans mit gespannter Aufmerksamkeit und großer Begeisterung lanschte. Als Dr. Nordau in Begleitung Dr. Marmoreks vom Comitö in den Saal geleitet wurde, erhob sich ein lebhafter Applaus. Nach einer kurzen Begrüßung durch den Vorsitzenden der Vereinigung, M. Raskine, ergriff Nordau das Wort zu seinem glänzenden Vortrage. Leider hat man es verabsäumt, eine stenographische Aufzeichnung des Vortrages zu veranlassen, so dass es unmöglich ist, eine auch nur annähernd genaue Wiedergabe der Ausführungen zu geben. Immerhin mögen hier die wichtigsten Punkte, wenn auch vielleicht nicht in ihrer strengen Reihenfolge, hervorgehoben werden. Nordau wies in seinen einleitenden Worten auf den Nachtheil hin, welchen die Knechtung des jüdischen Volkes der ganzen Menschheit bringe. Die ungünstigen Bedingungen, mit denen das jüdische Volk seit Jahrhunderten zu kämpfen habe, hätten aber natürlich auch die Entwicklung unserer Fähigkeiten aufs schädlichste beeinflusst und schädigen sie noch. Selbst unsere Feinde können uns zwar den Ruf eines talentreichen und intelligenten Volkes nicht rauben, gleichvoll müsse man, wenn man unparteiisch urtheile, zugeben, dass die großen Männer, welche wir der Menschheit schenken, nicht die mächtigen Genies sind, welche die ungeheuren Umwälzungen im Leben der Menschheit hervorzubringen vermögen. Uebrigens, - fügte Nordau hinzu, wäre ein Jude in der Rolle eines solchen