Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 12 (24.3.1899)
- Article
- Die jüdische Colonialbank
- Date
- 1899-03-24
- Page
- 5 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 12 „Die H Welt“ Seite 5 Auf das dringende Verlangen vieler Vertrauensmänner musste das Directorium in London den Entschluss fassen, in einem Punkte eine Modificierung eintreten zu lassen. Die Subscription sollte am 28., 29. und 30. März stattfinden. Die unvorhergesehene Verzögerung der Registrierung — verschuldet durch das verspätete Eintreffen einzelner beglaubigter Vollmachten der Aufsichtsräthe — machte es zur Unmöglichkeit, den überseeischen Subscriptionsstellen noch rechtzeitig die Prospecte und Statuten zuzusenden. Vor vollzogener Registrierung durften die Prospecte nicht versendet werden. Da blieb also nichts anderes übrig, wenn man den Subscriptionsbeginn am 28. März aufrechterhalten und dennoch den Zeichnern in Nord- und Südamerika wie in Südafrika die Gelegenheit lassen wollte, sich zu betheiligen, als dass man die Subscriptionsfrist entsprechend verlängerte. Dies hat das Directorium also beschlossen. Die Frist dauert vom 28. März bis inclusive 28. April. * Hierzu gibt das Londoner General-Secretariat noch folgende Instruction aus: Instructionen für V ertrauensmänner und V ereine. 1. In erster Reihe muss in jeder Stadt die Art und Weise der Bekanntmachung und Verfcheilung des Prospectes der Discretion und dem Gutdünken eines jeden Vertrauensmannes oder Vereines selbst überlassen werden, mit Ausnahme von Z eitun gsreclame, deren Kosten vorher von dem am nächsten wohnenden Actionscomitö-Mitgliede gutgeheissen werden müssen. c2. Das wichtigste Document ist das Zeichnungsformular, dessen oberer Theii nach London zu schicken, die untere Quittung abzutrennen und dem Zeichner auszuhändigen ist, während das Geld an der betreffenden autorisierten Stelle zu deponieren ist. 3. Frühere Vorsubscribenten müssen ersucht werden, bei der Ausfüllung ihres jetzigen Subscriptionsformulares auch auf ihre frühere Subscription Bezug zu nehmen; dies ist eine gesetzliche Formalität. 4. Falls die Formulare rasch vergriffen werden, sollen Vertrauensmänner nicht etwa erst nach London um neue telegraphieren, sondern sofort an Ort und Stelle neue drucken lassen, aber mit strenger Innehaltung des Textes und womöglich des Formates. 5. Es ist von der allergrössten Wichtigkeit im Interesse der grossen Sache, dass Vertrauensmänner und Vereine nicht etwa warten, bis eine Anzahl Subscriptionen Zusammenkommen, sondern die Herren Agenten müssen alle Abende per Post sofort die bewussten oberen Theile der Subscriptionsformulare nach London schicken. Um freundliche, strenge Innehaltung der vorangehenden Instructionen wird höflichst ersucht. Die Jüdische Colonialbank: James H. Löwe, Secretär. AdressejfürBriefe: The Jewish, Colonialbank Limited, Broad Street Avenue, E. C. London (England). Adresse für Depeschen : Jüdische, London. -iqr * A Somit ist die grosse Arbeit, der sich die in Basel Beauftragten mit Aufbietung aller ihrer Kraft, unter den schwersten persönlichen und materiellen Opfern, gewidmet haben, in das Stadium der Entscheidung eingetreten. Alle wahren Gesinnungsgenossen werden den Ernst des Augenblickes erfassen. Wir wissen leider nur schon zu gut, dass unsere Gegner jetzt wieder die grössten Anstrengungen machen werden, um das Werk zu vereiteln. An offenen und heimtückischen Angriffen wird es nicht fehlen. Kein treuer Zionist möge sich dadurch irre machen lassen! Fest und wachsam voran! Man wird unsere Arbeit durch Verdächtigungen un.d Verleumdungen zu schädigen versuchen. Darum sei wiederholt darauf hingewiesen, dass durch bindende Erklärungen und durch die Bestimmungen der Statuten jeder materielle Gewinn für die Begründer der Bank ausgeschlossen ist. Die Aufsicht über die ordentliche Gebarung des aus verlässlichen, ehrenhaften Männern gebildeten Aufsichtsrathes ist dem Gongresse für immer gesichert. Unseren Gegnern, die kein jüdisches Volk und folglich auch keine Rettung für das jüdische Volk haben wollen, ist natürlich auch dieses Werkzeug in tiefster Seele zuwider, das Werkzeug, womit der Wunsch unseres Volkes hoffentlich ausgeführt werden wird. Das sage sich jeder und darnach handle jeder auf seinem Platze. Seien wir unverzagt, und der Erfolg ist gewiss! W Die Woche. Wien, 22. März 1899. An die regenbogenfarbige Oberfläche des wunderlichen Gebräues, das da „Oeffentliches Leben“ heisst, ist wiederum in jüngster Zeit eine bemerkenswerte Erscheinung emporgetaucht. In Wien rührt sich von neuem die Bewegung gegen die jüdischen Aerzte. Im Flur des Hauses, wo ein nicht-jüdischer Kranker liegt, soll das Schild angebracht werden : Bettlern,' Hausierern und jüdischen Aerzten ist der Eintritt verboten! Der nicht-jüdische Patient wird aufgefordert, die hilfreiche, heilende Hand brüsk zurückzustossen, sofern er in ihr jüdisches Blut wittert. Wenn der Leidende, der auf seinem weissen Linnen in Fieberhitze liegt, vor die Wahl gestellt ist: einen jüdischen Arzt oder Ende des Lebens — dann darf der Kranke nicht einen Moment im Zweifel sein. Lieber dem Tode ins Antlitz sehen, als einem jüdischen Arzte in die semitische Physiognomie. Das soll Lebensregel werden in der „arischen“ Krankenstube — und nöthigenfalls auch Ablebensregel. Er erinnert das an den felsigenTrotz altgermanischer Heldensagen. Der grimme Recke, der todwund im Sande liegt, will nicht aus der Hand des Feindes das Geschenk des Lebens empfangen. Ein hasserfüllter, finsterer Blick — „Stoss zu!“ * * * Die wilde Brutalität, die in dem Selbsterhaltungstriebe des Menschen steckt, hat etwas Anwiderndes, Abstossendes. Wir bekommen gerade keine besonders vortheilhafte Meinung von unserer menschlichen Natur, wenn wir beispielsweise hören: der Kahn kippte um, Mann und Frau stürzten in den See. Es waren „Liebende“. Vielleicht in den Flitterwochen. Er hätte sich retten können, denn er war ein guter Schwimmer und hatte schon zweimal beim Preisschwimmen sich die Medaille geholt, aber sie in ihrer Todesangst klammerte sich an ihn an, eisern, un ah schüttelbar, und zog ihn mit in die Tiefe. Sie wollte ihr Leben erhalten und griff nach einer Stütze. In der Todesangst hat sie ihn, den „Einzig-Geliebten«, umgebracht. — Derartige gefühlvolle Notizen, wie wir sie oft in den Zeitungen finden, sind sehr geeignet, das Renommee des menschlichen Naturells in den Augen des Lesepublicums zu compromittieren. Und wahrhaft wohlthuend muss es unter solchen Umständen auf den Leser wirken, wenn er einige Zeilen später eine Notiz über die Agitation gegen die jüdischen Aerzte liest. Diese Notiz ist nicht mehr und nicht minder, als die Rehabilitierung des compromittierten menschlichen Charakters. Der Kranke, der Erlöschende greift nicht mehr blindlings nach einer Rettung, er stösst sogar charaktervoll die helfende Hand zurück. Der Mensch, der stets gewohnheitsmäßig seine reine Seele durch hässliche Selbsterhaltungs-Neigungen befleckt hat, hat sich endlich auf seinen edlen Kern besonnen, er hat in sich den selbstsüchtigen Lebensdrang besiegt, er verschmäht den Arzt. Pereat der Selbsterhaltungstrieb! Es ist das ein Riesenschritt nach vorwärts im Sinne der bekannten sittlichen Bestimmung der Menschheit. Und mit besonderer Genugtuung