Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 12 (24.3.1899)
- Article
- Der Erwartete
- Date
- 1899-03-24
- Page
- 3 (sequence 2)
- Language
- German
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Hr. 12 Seite 3 „Die H Weltnach Jerusalem führe, die am Osterabende sich fröhlich zurufen: „Nächstes Jahr in Zion!“ Aber das Goluth hat sie so entnervt, dass sie einen Fatalismus predigen, wie ihn der Koran lehrt. Der grösste Fluch der Knechtschaft ist, dass er jede Willenskraft hemmt. Und so machen sie gar aus dem geduldigen Ertragen und thatenlosen Hindämmern eine Tugend und hüllen sie in das religiöse Mäntelchen, um sich dadurch Ruhe, Ruhe um jeden Preis zu erkaufen. In Wirklichkeit verfallen sie nur der allgemeinen Nichtachtung. Denn freie Völker, wie Engländer, Deutsche, Amerikaner hassen nichts mehr als die stumme Ergebenheit, die sich für Stösse und Schläge noch obendrein bedankt. Darum hat der Zionismus, die Theorie der gesunden Selbsthilfe und Selbstachtung, in christlichen Kreisen fast überall Zustimmung erregt. Das Phantom des Juden, des kriechend-schmeich ein den, unterwürfigen Gheltoprodnctes, beginnt zu schwinden, denn man sieht Männer, voll von Ehrgefühl, bereit sich zu wehren und die Freiheit zu erkämpfen. Aber gerade diese Thatenfreudigkeit erweckt in den Knechtsseelen bitteren Hass. Alle die Siechen und Kranken erzittern vor der frischen Frühlingsluft, die in die stickigen Räume dringt. Sie wollen weiter im Halbdunkel brüten, und sie fürchten, dass man auch ihre kraftlosen Naturen zu einer positiven Handlung zwingen könnte. Sie wollen Juden bleiben. Gewiss. Aber sie wollen um keinen Preis als solche bemerkt werden. Im engen Kreise der Synagoge, da wollen sie Juden sein, da wollen sie um Zion beten, aber keinen Finger wollen sie rühren, um es wieder aufzubauen. Hörte man diese Leute im antisemitischen Lager, so würde man gewiss von neuem über jüdische Ver- 'steekthe’d und Verlogenheit herziehen. Denn gesunden Naturen ist es nicht glaubhaft, dass man etwas mit ganzer Seele erhoffen, erb tten, aber beileibe nicht erstreben darf. Und doch sind diese Leute ehrlich. Israel hat das Frühlingsfest seit 2000 Jahren hinter Steinmauern gefeiert. Wenn draussen die Bäume grüne Knospen trieben und die Frühlingssonne Veilchen aus dem grünenden Boden lockte, dann sassen unsere Väter in der Judengasse und warteten ängstlich, ob kein angeblicher Ritualmord die Gemüther des Pöbels errege. Sie wussten nichts von den Wirkungen des Frühlingssturmes, nichts davon, dass er Eisdecken zerbricht und Bäume entwurzelt. Sie wussten nichts von der Natur' und den Menschen, hatten keine Hoffnungen ausser denen des Alltages und zagten um das erbärmliche Dasein. So sind Menschen erstanden, die dein Elias den Tisch, decken, aber vor Entsetzen erbleichen würden, wenn er vor sie träte. Elias ist das lebendige Gewissen des jüdischen Volkes. Aber er kann nicht kommen, um ein Volk von zagenden, verängstigten Männern aufzusuchen. Ein solches Volk versteht die mahnende Stimme nicht oder will sie nicht verstehen. Auch der Zionismus ist ein solcher Mahner, der vielfach nicht verstanden wird. Aber er wird nicht ab lassen, stets von neuem die Wahrheit zu sagen, stets von neuem die Trägen und Matten aufzurütteln, bis er endlich verstanden wird. Schon jetzt geht es wie ein neuer Geist durch das Judenthum. Selbst die, welche den Zionismus bekämpfen, können sich seinem Einflüsse nicht entziehen. Wenn heute so zahlreiche jüdische Vereine neu entstehen, wenn man heute die früher perhorrescierte Golonisation des Heiligen Landes plötzlich zu lieben vorgibt — dann trägt der Zionismus ein gut Theil Verdienst daran. Und wenn eine Generation herangewachsen sein wird, die den Ghettostaub ganz von den Schuhen geschüttelt hat, dann wird es keinen Juden mehr geben, der uns grimmig hasste, und sich ängstigt, seinen Hoffnungen einen Inhalt durch die That zu geben. Zionismus und Religion widersprechen einander nicht. Der Zionismus ist nichts weiter, als die Umsetzung des Gedankens in die Wirklichkeit. Wenn wir uns dessen bewusst werden, dass Gott nur dem hilft, der sich selbst hilft, dann wird die Zeit vielleicht heranbrechen, auf welche die Frommen harren. Und wenn der Prophet dann am Passahabende durch die Städte schreitet und auf sein Volk blickt, so wird er zur Ueberzeugung gelangen, dass es seine Pflicht erfüllt. Die Pflicht, wieder ein jüdisches Volk zu sein, mit eigenem, freien Denken und Empfinden, ein Volk, nicht aber ein schattenhaftes Wesen, welches verachtet-und energielos in der Welt herumirrt. Die frommen Worte „nächstes Jahr in Jerusalem“ werden dann vielleicht nicht mehr gesprochen werden, aber Elias, das lange vermisste, endlich wiedergekehrte Gewissen der Nation wird sein Passah fest heiligen. G Die jüdische Colonialbank. Die Jüdische Colonialbank ist nunmehr nach englischem Rechte in das Londoner Handelsregister eingetragen. Die Firma lautet: T he Je w i s h G o 1 o n i a 1 T r u s t (J ü d i s c h e G o 1 o n i n 11> a n kj L i in i t e d. Mit dieser Nummer der „Welt“ zugleich gelangt der vollständige Prospect der Jüdischen Colonialbank zur Versendung. Vom Bureau in Wien, II, Rembrandtstrasse 11. wie von allen Zionsvereinen können die nothwendigen Drucksachen bezogen werden. Es sind dies ausser dem Prospecte die Aufrufe des Actionscomit.es, welche eine Erklärung der Zwecke und Ziele der Bank enthalten und sich zur Agitation eignen. Man sorge für eine möglichst weite Circulation in Bekanntenkreisen und verlese sie in Versammlungen. * Die Subscription beginnt, wie bereits gemeldet worden, am 28. März 1899. Die Centralstelle der Subscription befindet sich in L o n d o n. Adresse The Jewish Colonial Trust (Jüdische Colonialbank) London E. C. Broad Street Avenue. * Für die Subseription dienen je nach den drei Zahlungsmodalitäten folgende drei Formulare: T h e Je w ish Colo n i a 1 T r u s t. J ü d i s c h e Coloni a 1. b a n k (L i m i t e cl). Zeichnungsformular, dessen sich Subscribenteil bedienen wollen, welche, gemäss Zahlungsmodus Nr. I, 20 P e r c eli t bei der Zeichnung und den Rest in 4 Raten zuzüglich Zinsen ä (> Percent pro anno entrichten.