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Die Welt · 1899-03-24 · 12 (24.3.1899) · p. 2

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
12 (24.3.1899)
Article
Unser Frühling
Date
1899-03-24
Page
2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 „Die H Welt“ Nr. 12 Ach nein! Was hatte das Ghetto, jemals mit der Natur, mit Werden und Vergehen in der Aussenwelt zu thun? Einst — ja, da war es anders, da verstanden wir uns auf das Leben in der Natur, da lauschten wir auf jede Lebensäusserung in Pflanze und Thier, da gaben wir der Welt die wunderbare Idylle von „Ruth-*, das Frühlingslied, das mit Recht den Namen „Lied der Lieder“ erhielt, und im Psalm 104 hat ein hebräischer Dichter gezeigt, wie der einzige Gott nicht einer ist. „der die Welt von aussen stösst“, sondern der schöpferische Wille, der jede Naturkraft durchdringt.... Aber das ist so lange her.... die Hagadah weiss nichts von der Natur, von einem Frühlinge in der Natur. Und doch ist der Pessach ein Frühlingsfest: der Lederabend ist der Frühling unseres Volkes. So eng die Stube sein mag, in der ein armer Jude die Geschichte von der Eilösung seiner Vorfahren zu lesen beginnt — ein Frühling ganz eigener Art umrauscht tausendfältig aus unsichtbarem Laube das fromme Gemüth. In dieser Nacht werden uns allen für die Dauer weniger Stunden die stumpfen Sinne erschlossen und das Geheimnis unseres beispiellosen Schicksals enthüllt. Ein mächtiger Baum von wetterhartem, knorrigem Stamme mit weithin reichendem Geäst — so sehen wir unser Volk an allen anderen Tagen und Nächten; Wurzeln und Erdreich entziehen sich unseren Blicken. In dieser Nacht fühlen wir die Friihlingsschauer, unter denen der uralte Baum von der Wurzel bis zur Krone erbebt, wir sehen die Lebenssäfte emporschiessen aus den unsichtbaren Tiefen, und ein Blütenregen, hoffnungsvoller, vielversprechender als der, welcher dramsen auf Gärten und baumumsäumte Strassen niederfällt, erfüllt die enge Stube mit seinem Dutt. Unsere Ostern sind ein Frühlingsfest, aber das Frühlingsfest eines Volkes, das nicht im Raume wurzelt, sondern ist der Zeit, und am Passahabend wissen wir es, dass wir heute noch in dem Ereignisse, das vor mehr als dreitausenden Jahren staltfand, fester und inniger Zusammenhängen, als das bodenständigste Volk mit dem Boden, den es seit Jahrtausenden bebaut. Das ist unsere wunderbare, selten ganz begriffene Ausnahmsstellung unter den Völkern der Welt; das ist unsere Schwäche, aber das ist auch unsere Kraft. Unsere Feinde können uns beugen, die Stürme der Weltgeschichte haben uns mehr als einmal gebrochen; aber weder Menschen noch Geschichte können uns an der Wurzel treffen, denn die liegt hinter gegenwärtiger und künftiger Macht. Das Erdreich, in dem unser Volksthum wurzelt, ist unsere Vergangenheit, und so lange wir die festhalten, hat es keine Gefahr. Das ist der Sinn der ganzen Hagadah, und das macht den Sederabend zu dem unvergleichlichen Ereignisse, um das sich das ganze Gemüthsleben der altjüdisclien Familie concentriert. Bei keiner Gelegenheit sonst wird uns Juden unsere Ausnahmsstellung unter den Völkern, unser Verhältnis zu Raum und Zeit, so deutlich zum Bewusstsein gebracht. Die Rabbiner drücken das in ihrer dogmatischen Art folgendennassen aus: „Und wären wir selbst alle weise, einsichtsvolle, mit derThorah wohlvertraute Greise, so ist es doch unsere Pflicht, den Auszug aus Egypten zu erzählen — je mehr davon, desto verdienstvoller“. Wir haben dieses Gebot gewissenhaft befolgt und den Zusammenhang mit dem Mutterhoden unseres Volksthums niemals ganz aus den Augen verlören. Das Gedächtnis keines einzigen Volkes reicht soweit in die Vergangenheit zurück, wie das unsere. Gewiss, die gelehrten Geschichtschreiber wissen aus verwitterten Gesteinen und fragmentarischen Culturfunden die Geschichte so manchen Volkes weiter zu verfolgen — aber dieses Wissen bleibt so todt wie die Steine, denen man es entriss. Der lebendige Zusammenhang mit der Vergangenheit ist nirgends zu finden. Karl der Grosse ist für die Deutschen wie für die Franzosen ein Schulbegriff, der das Gedächtnis belastet — aber die Deutschen sind darum nicht in Gefahr ihr Volksthum zu verlieren, solange sie auf der Scholle bleiben, die Karl den Grossen ernährt hat: der Raum hält sie als Volksgemeinschaft zusammen. Für uns Juden gibt es keine Eigenthumsgrenzen und absperrende Schranken im Raum : unser Erbtheil ist die Zeit. In der Sedernacht grünt und blüht unser Stamm — alles ist Leben und Versprechen, von den Wurzeln, die in die fernste Vergangenheit unserer Geschichte zurückreichen, bis zur Krone, die sich, in der Zukunft verliert. „Knechte waren wir in Mizraim“ lautet der Anfang der Hagadah — „Künftiges Jahr in Jerusalem!“ der Schluss. Der Erwartete. Von Dr. Adolf Friedemann. Wenn die Abendschatten des Passahfestes sich herniedersenken, wenn in Kowno und Lodz, in Kolomea und in Frankfurt a. M., im Londoner Fastend wie im New-Yorker Judenquartier die Sabbathlichter brennen zur Erinnerung an jene grosse erste Befreiung Israels, dann wird ein überzähliger Teller auf das Tafeltuch gesetzt und ein überzähliger Becher wird mit Wein gefüllt. Und mit ehrfurchtsvoller Scheu betrachtet man das Gedeck, das des Theilnehmers am Mahle harrt. Denn der Mann, dessen ganz Israel am Passahabende wartet, ist gewaltig von Wuchs und Stimme, gekleidet in ein härenes Gewand, umwallt von dichtem Haupthaar und langem Barte und bewehrt mit schwerem, dornigem Wanderstabe. Graubuschige Brauen verdüstern das Antlitz und aus den Augen schiessen feurige Strahlen. Seit vielen, vielen Jahrhunderten ist ihm der Tisch gedeckt, dem Manne der That, der aus seinen Gebirgsschluchten hervorbrach, um Könige zu schaffen und zu entsetzen, und mit der Rede Gewalt Israel an seine Pflicht zu erinnern und die falschen Pfaffen ihrer angemassten Macht zu berauben. So harrt man auf Elias, den Propheten, dessen Eintreffen das Nahen des Messias verkündet. Unzählige Legenden wehen sich um seinen Namen, bald hier, bald dort sah man ihn majestätisch durch die Stille der Festnächt schreiten, aber noch darf er nicht rufen. Erst wenn sich ganz Israel auf seine Pflicht besonnen, dann wird der müde Wanderer rasten, dann wird 'eiern treten in die Hütte eines Gerechten, mit ihm das Brot brechen und das Osterlamm verspeisen. In den langen Jahrhunderten der Ohnmacht und Erniedrigung hat man den ursprünglichen Sinn der alten Sage vergessen und nicht verstanden. Man glaubte genug zu thun, wenn man ängstlich alle Gebote beachtete, dafür sorgte, dass kein gesäuertes Brot das Osterfest befleckte und die Armen bedachte. Aber kein Elias kam, das Nahen des Messias zu verkünden. Denn der Elias, welche!* das Judenthum einst errettete, war ein Mann, dem Tbaten lieber waren als Worte, ein Mann von ungebändigter Willenskraft und heissem Herzen. Er setzt sich nicht zu Tische mit der geduldigen Erwartung, er hilft nur denen, die mit ihm im Geiste eins sind, die sich selbst helfen wollen. Es gibt Leute, welche stets von neuem erzählen, der Zionismus stehe im Widerspruche mit der Religion. Es sind dieselben Männer, die täglich dreimal beten, dass Gott sie

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