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Die Welt · 1899-03-24 · 12 (24.3.1899) · p. None

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
12 (24.3.1899)
Date
1899-03-24
Page
None (sequence 3)
Language
German
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4--—--4 Redaction * Erscheint jeden Freitag. 4 >---» Preise der Anzeigen: und Administration: Zuschriften sind nicht an einzelne Personen, sondern Die viermal gespaltene Petit¬ Wien an die Redaction oder Administration: Wien, IX., zeile 10 kr. IX., Türkenstrasse 9. Türkenstrasse Nr. 9, zu richten. Telephon Nr. 8805. ♦-4 Unfrankierte Briefe werden nicht angenommen und Einzelne Nummern 15 kr. >. Manuscripte nicht zurückgesendet. < ►---!“♦ R071ld0ftrßiGß1 Oesterreich.- Ungar«: ganzjährig 6 fl. 12 Kr., halbjährig 3 fl. 6 Kr. Für das Ausland: Deutsch- DUüUgüJJlClüü. land ganzjährig 13 Mk. 70 Pf., halbjährig 6 Mk. 85 Pf., England ganzjährig 14 8hg., halbjährig 7 8hg., Russland ganzjährig 7 R., halbjährig 3 R. 50 Kop., Schweiz, Frankreich, Italien, Türkei, Rumänien, Bulgarien, Serbien, Griechenland, Aegypten ganzjährig 17 Frcs., halbjährig 8 Frcs. 50 Cts., Amerika ganzjährig 3 Doll. 40 Gt. Nr. 12 Wien, 24. März 1899. 3. Jahrgang WW- Da Ende dieses Monats eine grötzrre Anzahl von Abonnements abläuft, so werden die Betreffenden erinnert, die Erneuerung rechtzeitig vorzunrhrnen, damit in der Zustellung des Blattes keine Unterbrechung eintrete. Die Administration. Unser Frühling. Von Leo Rafaels. Sie ist wieder da, die mondhelle, offenbarungsreiche Nacht, die den Anfang und zugleich den Höhepunkt unseres jährlich wiederkehrenden zweitägigen Volksfrühlings bedeutet. Ein einzigesmal im ganzen Jahre vergisst jeder von uns die gemeinen Sorgen seiner persönlichen Existenz, und für die Dauer einiger Stunden wenigstens verwandelt sich die enge Stube des Aermsten in einen königlichen Palast. Alle unsere Feste sind sehr ungleich denen anderer Völker, wie durch ganze Zeiträume und tiefe Abgründe vom Alltagsleben getrennt; der Jude des Wochentages ist am Sabbath nicht zu erkennen, und der Jude des gewöhnlichen Sabbath ist von dem des Neujahrsfestes so weit, wie ein Bettler von einem Fürsten entfernt. Wer uns Juden kennen will, muss uns an unseren Festtagen sehen, eigentlich nur an einem einzigen Festtage: am Passah. Freilich haben die letzten Jahrzehnte unter den westlichen Juden auch diesen Tagen viel von ihrem alten Zauber genommen; aber auch das ist eines der unterscheidenden Merkmale des Passah, dass ihm unter allen anderen Festen Aufklärung, Gleichberechtigung, Hast und Prosa unserer Zeit am wenigsten anzuhaben vermochten. Die nüchternsten Geschäftsleute unter unseren Stammesgenossen, die im Dränge des Alltagslebens Pfingsten und Neujahrstag übersehen, werden von merkwürdig geheimnisvollen Stimmen an den nahen Sederabend gemahnt, und die unbarmherzigsten Verstandesmenschen rechtfertigen ihr unzeitgemässes Gedenken am Sedertische vor sich selber, indem sie Verwandte und gute Freunde um sich versammeln und das ungewöhnliche eigentlich irrationelle Ereignis ein „schönes Familienfest“ benennen. Und vollends im Osten — was ist da Passah für ein Fest! Vom ersten Herbstsabbathe an werden die Wochen sehnsüchtig gezählt; das Chanukahfest liegt auf dem Wege, dann Purim — aber, das sind nur Marksteine, die angeben, wie weit man noch von dem einzigen, dem herrlichen Tage des Passah entfernt ist. Nicht nur die armen Hausfrauen beginnen mitten im Winter Vorräthe für die köstliche Woche zu sammeln; die Männer richten ihre Studien nach dem Passahfeste ein, und diejenigen, welche an der Spitze eines Gemeindewesens stehen, fangen früh, sehr früh an, dafür zu sorgen, dass es den Bedürftigen an nichts zum Sedertische gebricht. Haben wir Juden, die wir in der alten Zeit mitten im Osten mit einem frommen Vater und einer gläubigen Mutter Passah gefeiert, haben wir zureichende Worte, um unseren modernen Stammesgenossen annähernd eine Vorstellung davon zu geben, was der viel zu kurze erste Sederabend an Wonne und Erhebung enthielt? Vielleicht wird eine Thatsache besser als jede Schilderung persönlicher Erfahrungen zeigen, mit welcher Gewalt der Passahabend das jüdische Gemütli in seinen tiefsten Tiefen beherrschte. Der jüdische Witz, der Sarkasmus des Ghettos, der in erster Reihe dem Bedürfnisse nach einem heilsamen Gegengewichte gegen allzu grosse Gefühlsweichheit sein Dasein verdankt, hat den Sederabend mit einer unendlichen Fülle von schonungslosem Spotte bedacht; das etwas verwickelte Ceremoniell, die nicht ganz bequeme Lage des Hausherrn während der Feier, die durchaus nicht .immer den höchsten Anforderungen entsprechenden Tiraden der Hagadah, der Gegensatz zwischen der überirdischen Stimmung, welche der heilige Text in den Theilnehmern der Festlichkeit erweckt, und dem sehr irdischen Menu, das darauf folgt — diese und mancherlei andere schwache Seiten des Seder wurden vom Ghettowitze unbarmherzig hergenommen: das allein beweist, bis zu welcher Tiefe der Passahabend das Ghettogemüth ergriff. Worin liegt aber der Zauber der wenigen Seclerstunden, was macht das Passallfest so stark, dass es besser als Neujahrs- und Versöhnun^stag allen zerstörenden Einflüssen der neuesten Zeit widersteht? Hat die Jahreszeit ohne unser Wissen dem rein geschichtlichen Feste etwas von jener unvergleichlichen Lebenskraft mitgetheilt, wie sie die wiedergeboren o Natur so reichlich mitzutheilen vermag? Ist unser Passah auf der Wanderung nach dem Norden und im Laufe der Zeiten zu einem Frühlingsfeste geworden?

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