Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1899-03-17 · 11 (17.3.1899) · p. 15

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
11 (17.3.1899)
Article
Unsere Palästinafahrt
Date
1899-03-17
Page
15 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3315709-3315796-3315808-3385601--11435-3385697
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 11 «scite 1ü „Die Welt“ sich uns der Gedanke überhaupt nicht aufdrängte, dass wir uns auf asiatischem Boden befänden. Wir konnten glaub?», in einem wohlbestallten Bürgerhaus eines deutschen Landstädtchens zu; Gast geladen zu sein, Die Besichtigung der Kellereien und der Fafsfabrik nahm mehrere Stunden in Anspruch, und dürfte es wenige Anstalten in Europa geben, die an Vorzüglichkeit und Ausdehnung mit den Kellereien von Rischon le- Zion wetteifern können. Bemerkenswert ist, dass alle Gebäude der Colonie von jüdischen Händen errichtet sind,' dass auch in der Fabrik nur Juden beschäftigt sind. Fabrik und Kellereien sind durch elektrisches Licht erhellt, welches im Maschinenhaus erzeugt wird. Während der Besichtigung war es völlig dunkel geworden, weshalb wir gerne dem uns ausgesprochenen Wunsche nachkamen, unsere Fährt nach Rechowoth auf den folgenden Tag zu verschieben und in Rischon le Zion zu übernachten. Außerdem hatte , sich eine Deputation des Gemeindevorstandes der Colonie eingesunden mit der Bitte, den großen Saal des Gemeindehauses zu besuchen, wo sich die ganze Gemeinde versammelt habe, um die angekommenen Gäste zu begrüßen. Wir giengen an dem steineinen Wasserthurm der Colonie vorbei, durch den öffentlichen Garten derselben mit schön gepflegten Alleen und Kieswegen!/.Hätte man sich nicht durch den Augenschein davon überzeugt gehabt, dass diesen Park erst menschlicher Fleiß und unermüdliche Energie, im Läufe eines Jahrzehntes geschaffen, so hätte man glauben können, die Natur habe ihn mit der üppigen Freigebigkeit des Südens in seiner Fülle dem Boden freiwillig entsprießen lassen. Wie erstaunten wir aber erst, als wir das Gemeindehaus betraten, einen Saal, der . 600—800 Personen, fassen konnte. Für das Orchester, war an dem einen Ende desselben auf einer Estrade ein Pavillon eingebaut. Am anderen Ende befand sich ein Tisch, zu dem wir feierlichst durch die harrende Menge geleitet wurden. Trotz seiner- Einfachheit machte dieser Saal mit seinen jüdischen.Emblemen und Abzeichen, seiner festlich gestimmten Menge, die, alt und jung, Weiber und Kinder, in Werkeltagskleidern erschienen war, um den Augenbluk nicht ,zuf verlieren, wo sie unsere Deputation von Angesicht zu Angesicht sehen und. uns zujubeln konnte, einen würdigen und imposanten Eindruck. Die uniformierte Musikkapelle der Colonie spielte einen Marsch, und cs gelang den Vorstehern der Gemeinde nur mit Mühe, einen Kreis um den Tisch freizuhalten, an dem wir Platz genommen hatten. Ein Colonist trat vor und gab in einfachen schlichten Worten der Freude der Gemeinde über das Erscheinen Dr. H e r z l s in Rischon le Zion Ausdruck. Die ganze Gemeinde wünsche, dass Gott ihm Kraft geben möge, sein Werk zu Ende zu führen; er schloss mit einem Hoch auf den Wohlthäter der Colonien, Baron Edmund Rothschild, und auf Dr. Herzl, )en Gast von Rischon le Zion. Dr. Herzl erwiderte in bewegten Worten. Das Gefühl des Staunens verlasse uns nicht, nachdem vir den Boden betreten, aus dessen scheinbarer Unfruchtbarkeit die Arbeit jüdischer . Hände so seltsames und Wunderbares geschaffen habe. Nur die großartige Freigebigkeit Rothschilds wnnte' diesen Erfolg in der Kürze der Zeit ermöglichen. Die Dankbarkeit der Colonisten für diesen chren Wohlthäter sei daher nicht nur begreiflich, sondern eine ehrende Pflicht der Colonisten. Das Ziel, das sich der Zionismus gesteckt, umfasse aber, nicht nur die paar .hundert oder , tausend Familien, welche auf dem Wege der bisherigen colonisatorischen Dhätigkeit ein Heim auf dem Böden unserer Väter gefunden haben und finden können, sondern das ganze jüdische Volk, das hier eine Zuflucht finden möge. Es liege »ns aber ferne, «'ni Gedanken wachzurufen, als ob wir etwas gegen den Willen t«es Landesherrn und der Obrigkeit der Colonien unternehmen ovllten. Auch sei es nicht uöthig, dass die Colonisten sich in anderer Weise an ünsören Bestrebungen beiheiligten, als dass üe durch die Arbeit ihrer ' Hände den Boden vorbereiten, auf dem auch ° wir einst wohnen werden. Wie leuchteten die Augen von Jung und Alt in froher Begeisterung,., als sie die Stimme Dr. Herzls hörten, und hunderte arbeitsschwieliger Hände, dreckten sich nns entgegen, als wir den Saal verließen. Ein gemüthliches Plauderstündchen im Administratioustzcbäude au der gastfreundlich reichbesetzten Tafel beschloss den ersten Tag im Heiligen Lande, auf dem Boden einer emporblühenden jüdischen Colonie, und wir verzeichneten das historisch bedeutsame Moment, dass die erste jüdische Gemeinde, welche eine zionistische Abordnung officiell begrüßte, die von Rischon le Zion war. Noch erschienen Deputationen jüdischer Taglöhner, sowie der Colonisten von Jehudiöh und Wadi-Chanin, die uns ihre freundlichen Wünsche ansdrückten. Dr. S. und ich genossen noch die seltsame Schönheit eine Mondscheinpromenade durch den Garten und' die Straßen der Colonie, um uns zum Hause des Dr. Mafia zu begeben, der uns Gastfreundschaft gewährte. Märchenhaft schön war der Blick auf die üppige Flora, die sich in orientalischer Pracht entfaltete. # Die Goldschilds. Roman aus dem Ende des 19. Jahrhunderts von Friedrich Fürst Wrede. (41. Fortsetzung.) IX. Wider alles Erwarten erhob Baron Isak nicht die geringste Einsprache gegen den Uebertritt seines Enkels zum katholischen Glauben. Fast umgehend traf seine Einwilligung aus Süd-Ungarn, wo er gerade seine Jagden abhielt, in Wien ein. Die einzige Bedingung, die der Millionär stellte, war, dass die Taufe bereits in der ersten Hälfte des Jänner stattfinden müsse, da der Herzog von Villeboruque — sein Jagdgast — clie Pathenstelle übernehmen wolle und sich gerade um diese Zeit in der österreichischen Kaiserstadt aufhalten werde. Dieses Entgegenkommen war umso unerwarteter, als Isak seinem Sohne Moritz Apostaten gelüste zu wiederholten - malen rundweg mit der Drohung der Enterbung abgeschlagen liafcte. Vielleicht gieng man nicht fehl, wenn man annahm, die Pathenschaft des englischen Herzogs sei nicht unwesentlich Jonathans Wünschen zugute gekommen. Zweimal aber hatte die Ertheilung des Sacramentes M der letzten Stunde verschoben werden müssen, weil sich Grossvater und Pathe hei prächtigem Jagdwetter nicht hatten zur Reise entschliessen können. . Schliesslich trafen die beiden Waidmänner doch glücklich in Wien ein, und man schickte sich in der byzantinischen Villa an, den grossen Gartensaal über Hals und Kopf j.n eine Kapelle um zu wandeln. Zu den Vorbereitungen gehörte es ferner auch, dass, auf Isaks ausdrücklichen Befehl, Baron Moritz für die Dauer des Tages in sein Schlafzimmer eingeschlossen wurde,;und dass, da dieses zu ebener Erde lag," zwei handfeste Gärtnerbursehen vor den Fenstern Wache hielten, um jedes unerwartete Erscheinen des unglücklichen Blödsinnigen zu .verhindern.- Seit jenem erschreckenden Auftritte im Ringstrassen- Palaste fühlte Baron Isak einen heillosen Schrecken vor seinem Sohne. Er sah in diesem nichts anderes als ein ,reissendes Thier, das es ganz besonders auf seine Person abgesehen hatte, und vor welchem er sich nicht genug schützen zu können meinte. Anfangs trug sich der alte Krösus mit dem Gedanken, die Taufe seines Enkels durch ein glänzendes Fest zu verherrlichen. Nur durch die energische Einsprache Davids, der; ohnedies von der Aufregung der Ceremonien das Schlimmste für den Kranken befürchtete, war von diesem Plane abgesehen, worden; V Nur die Beamten und die Dienerschaft der Villa sollten Zeugen der heiligen Handlung seih.; Dass selbst der celebrierende Priester — Pfarrer Josef — ein Mitglied der: Goldschild-sch enFamilie war, verlieh ' der Feier einen intimen Reiz.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.