Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 11 (17.3.1899)
- Article
- London
- Date
- 1899-03-17
- Page
- 11 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 11 „Die Weit“ Seite 11 des berüchtigten Antrages, findet es nicht für nothwendig, sich zu rechtfertigen. Von Verfolgung zu sprechen, sei unangebracht. Redner habe sich erst jüngst wieder, gelegentlich der Vorlesungen Dr. Gasters in der Lauderdale Road Synagogue, von der unvermindert freundlichen Gesinnung des Chacham überzeugen können. Er frage sich, wie die Stellung Dr. Gasters, der dem Zionismus soviel Zeit opfere, sich gestalten werde, wenn diese Bewegung früher oder später zusammenbrechen würde. Mr. J. M. Levy findet es erklärlich, wenn die politischen Zionisten sich bemühen, die altehrwürdige sephardische Gemeinde unter ihr Banner zu bringen. Es sei nichts Neues, Dr. Gaster für den Zionismus eintrefcen zu sehen, aber erst das Auftreten Dr. Herzls habe in die Bewegung diesen ungeheuren Enthusiasmus gebracht. Würde es sich um blosse Colonisation handeln, so gäbe es sicherlich keine so heftige Opposition. Nachdem ein von Mr. B enabo beantragtes Dankesvotum für - die Haltung der Eiders auf Anregung des Vorsitzenden zurückgezogen worden, erklärte Mr. Valentine, die Ehre der Gemeinde wäre besser gewahrt worden, wenn man die ganze Sache privat ausgemacht hätte. V Allerlei Nachrichten. In Algier scheint in der That ein anderer Wind zu wehen. Auf die Begrüssung des jüdischen Consistoriums antwortete der neuernannte Divisions-Cömmandant General P e d o v a in der freundlichsten Weise und fügte am Schlüsse seiner Rede hinzu: „dass Frankreich die grosse Revolution von 1789 nicht umsonst gemacht habe, die alle Bürger auf den Fuss der völligen Gleichberechtigung gesetzt hat, ohne Unterschied von Religion und Rasse“. Ein altes, schönes jüdisches Wort lautet: „Wenn der Monat Adar herangenaht ist, dann soll die Freude sich mehren.44 Möchten wenigstens die algerischen Juden dieses Wort an sich bewahrheitet sehen! ... * Im preussischen Abgeordnetenhause ist nunmehr auch seitens der Conservativen der Antrag auf Erlass eines neuen Volksschulgesetzes leingebracht, „das die Unterhaltungslasten in gerechter Weise regeln, aber zugleich den confession eilen Charakter, sowie die Rechte der Eltern und Gemeinden aufrechterhalten und sichern soll.44 Bei der jetzigen Zusammensetzung des Hauses dürfte der Antrag Aussicht auf Annahme haben. * ln einer Sitzung der Budgetcoimnission des preussischen Abgeordnetenhauses wurde ein Antrag der Regierung auf Bewilligung von 6000 Mark für die Erweiterung des altkatholischen Convicts in Bonn abgelehnt mit der Begründung, dass dann auch andere Religions-Gesellschaften mit gleichen Forderungen kommen könnten. Dagegen? wandte ein deutsch-conservativer Abgeordneter ein, dass Preussen ein christlicher Staat und daher die Juden z. B. kein Recht zu einer derartigen .Forderung - hätten. Anderen Tages erklärten die gleichen Parteien? bei einem anderen Anlasse, dass Preussen ein paritätischer Staat sei. Was doch die Juden alles aus einem Staate machen können! * In Ostrowo (Ostpreussen) beschlossen die Stadtverordneten, die Gasse hinter der Synagoge nach dem verstorbenen Rabbiner Dr. Freimann „Freimannstrasse* zu benennen. < * Wiederum ein Beweis für das Interesse, das seitens der preussischen Regierung den Bestrebungen, jüdische Kinder für die Landwirtschaft zu erziehen, entgegengebracht wird. Der Regierungspräsident der Provinz Hannover stattete kürzlich der Ahlemer Erziehungsanstalt einen zweistündigen , Besuch ab und nahm in Begleitung verschiedener Staatsfunctionäre und Herren des Verwaltungsrathes eine eingehende Besichtigung vor. Heber das Resultat, namentlich aber über die in der Anstalt herrschende Zucht und Ordnung, sowie über die Leistungen der Zöglinge äusserten sich die. Herren in Worten höchster Anerkennung. # * Wieviel Leiden über die Juden schon wegen des Kohndre-Gebetes gekommen, ist zu bekannt, als dass es hier wiederholt zu werden brauchte. Umsomehr Aufsehen aber muss ein Erkenntnis des 2. Strafsenats des deutschen Reichsgerichtes machen, der in seiner Motivierung endlich einmal — wie man zu sagen pflegt — „den Nagel auf den Kopf trifft44, zur Belehrung für Nichtjuden und — Juden. „Wenn jemand ein Gelübde in Erregtheit, Uebereilung und dergleichen gethan hat, so soll er nach jüdischer Auffassung nicht daran gebunden seiu. Nach Ansicht des Gerichtes prägt sich in dieser Anschauung grosse Gewissenhaftigkeit aus.“ — Man kann diesen Entscheid ruhig neben jenen vorjährigen stellen, wo es auch das Reichsgericht gewesen, das bezüglich der Blutbeschuldigung deren absolutes Unberechtigtsein klipp und klar nachgewiesen. In obigem Falle handelte es sich um ein antisemitisches Machwerk „Der Wert des jüdischen Eides44. ■ - ❖ In Charkow hat sich der seltene Fall ereignet, dass ein jüdischer Advocat plaidierte. Er erhielt dazu eine Specialerlaubnis des Justiz mini sters, die in 10 Jahren nur zweimal gewährt wurde. 559 jüdische Advocaten wohnen im dortigen Gerichtsbezirke, die alle die vom Gesetze verlangte Befähigung besitzen. In Charkow aber können sie nicht amtieren. + Wir berichteten neulich über das 50jährige Bestehen des jüdischen Ordens der „Fr eien Söhne Israel s‘\ Beim Todesfälle eines. ihrer Mitglieder erhalten die Hinterbliebenen 1000 Dollars ausbezahlt, ausserdem aber in besonderen Nothfäilen weitere Unterstützungen. Während der 50 Jahre sind auf diese Weise — also nur für Hinterbliebene — 3V2 Millionen Dollars zur Auszahlung gelangt. Der Reservefonds hat die Höhe von nahezu einer Million erreicht. * Sowohl auf der „Bulgarin“ wie auf der „Prätoria44 sind die Schiffsärtze Juden, dort ein Dr. Muszkat, hier ein Dr. Oscar Levy. Beide haben sich während der Katastrophen, denen die Passagiere mit knapper Noth entgangen, rühmlich st ausgezeichnet. Capitän Karlowa von der „Prätoria44 wurde seitens der jüdischen Gemeinde in Plymouth besonders gefeiert in Anerkennung der sorgsamen Behandlung, die er den mehr als 200 jüdischen Passagieren zutheil werden Hess. * . Wie in Deutschland der selige S c h a p i r a, so war auch in den Vereinigten Staaten der im Jahre 1897 verstorbene Mathematiker Sylvester, dessen Oelbild jüngst in der Aula der Hopkins-Universität in Baltimore einen Platz gefunden, ein Jude, was bis jetzt nur sehr wenigen bekannt war. Sylvester war einer der grössten Mathematiker unseres Jahrhunderts und schon vor 1870 als solcher berühmt; von 1877—1893 wirkte er in Baltimore und von da bis zu seinem Tode an der Oxford-Universität. Die Cambridge-Universität verweigerte ihm den Lehrstuhl, weil er Jude war. Die von Lord Rothschild in Scene gesetzte Action gegen die Chedarim wird allem Anscheine nach resultatlos verlaufen, da die „Melamdim44 Herren der Situation sind und die Wahl einer Commission behufs mündlicher Aussprache mit dem Initianten durch ihr Auftreten unmöglich gemacht haben. Zu einem Festessen nach jüdischem Begriffe gestaltete sich das „Dinner44 des Religion s Education Board in London. Die Tischgesellschaft spendete zugunsten der benöthigten, auf 7500 Pfund für die nächsten 3 Jahre festgestellten Summe — 8000 Pfund, die voraussichtlich sich noch erhöhen. Das nennt man eine Sudas mizwa! * Zwei englische Bischöfe erliessen einen Aufruf zur Bildung eines Fonds, um die Juden von Ost- und Nord- London zum Christenthume zu bekehren. Den Männern steht jedenfalls ein glänzender Erfolg in Aussicht .. . Aber mit Recht fragt die „J. W.44,* was man wohl dazu sagen würde, wenn z. B. katholische Priester etwas Aehhlfches thäten zugunsten ihrer und zum Nachtheile der anglicanischen Kirche. Und dann gibt es in London und anderswo so ungeheuer viele darbende und hungernde Nichtjuden, dass dafür Geld zu sammeln immer noch anerkennenswerter erscheint, wie für andersgläubige — Ungläubige. * Für den aus seinem Amte scheidenden. Rabbiner Dr. G o' 11 h e i 1 in New-Yörk . wurde Rabbiner Dr. Emil Hirsch aus Chicago gewühlt.