Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1899-03-17 · 11 (17.3.1899) · p. 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
11 (17.3.1899)
Article
Berlin [Nachricht]
Date
1899-03-17
Page
10 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
correspondence
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3315709-3315796-3315808--11379-3385692
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 10 „Die A Weit“ Nr. 11 ihn in contumaciam zum Tode verurtheilte. Er lebte hierauf in der Schweiz, England, Belgien und Holland und seit 1853 als Leiter des bekannten Bankhauses Bischoffsheim und Goldschmidt in Paris. Die Amnestie von 1866 ermöglichte ihm die Heimkehr, Er wurde ins Zollparlament und hierauf in den Reichstag gewählt. Er war einer der Führer der Nationailiberalen und jahrelang einer der von Bismarck am höchsten geschätzten Parlamentarier. Die Wendung, welche die deutsche Politik nach dev Annahme des Soeialistengesetzes nahm, entfremdete ihn Bismarck und den Nationalliberalen. Er wurde mit einigen anderen der Begründer der Freisinnigen Vereinigung, zog sich aber im Jahre 1893 gänzlich von der parlamentarischen Laufbahn zurück. Bamberger genoss nicht nur als Parlamentarier, sondern auch als Nationalökonom und vor allem als geistvoller Schriftsteller hohes Ansehen. Sein Lebensabend war aber verschaffet durch die mächtige antijüdische Bewegung, die, wie in der ganzen Welt, so auch in Deutschland, immer mehr Raum gewann. Auch er sah, sowie tausende anderer deutscher Juden, seine Hoffnungen schwinden und seine Ideale stürzen. Ihnen war es nicht mehr vergönnt, den nationalen Aufschwung der Juden zu verstehen und sich aus diesem frischen Leben neuen Trost und Muth zu schöpfen. Heidelberg, 18. Februar. Trotz der heftigsten Gegenagitation der hiesigen ungetauften und getauften Judenschafr, an der unsere Musenstadt überreich ist, gelang es den Bemühungen der Herren E. Pinczower und L. Jaffe, hierselbst eine Versammlung für den 17. Februar zu veranstalten. Der Vorsitzende Herr Dr. Hurewitz aus Darmstadt eröffnete die Versammlung mit der Mittheilung, dass Herr Rechtsanwalt Dr. Schauer aus Mainz, der seine Theilnahme zugesagt hatte, durch die schwere Erkrankung seiner Mutter im letzten Augenblicke verhindert worden sei. Herr Th. Z1 o c i s t i— Freiburg referierte sodann über das Thema : „Der Zionismus in seinem Wesen lind seinen Zielen" und verstand es, sein Publicum, das sich aus den besten Elementen der Heidelberger Bürgerschaft und Studentenschaft zusammensetzte, für die Zionsidee, die dem weitaus, grössten Theile anscheinend bisher unbekannt geblieben war, auf das Lebhafteste zu interessieren. Und ein christlicher Geistlicher dürfte wohl am besten die Lage in Heidelberg charakterisiert haben, indem er am Schlüsse des Vortrages dem Präsidenten gegenüber bemerkte: Soviel steht fest, todtschweigen lässt sich Ihre Bewegung auch hier nicht mehr. Der Referent schilderte eingehend die Geschichte und Entstehung des Zionismus, seine psychologische Naturnoth wendigkeit, die bisher erreichten Resultate und die noch anzustrebenden Ziele. Scharf giengHerrZlocisti mit den Juden, die ihre Kinder an Christen verschachern, ins Gericht, er kritisierte die Juden taufen im allgemeinen, indem er sie auf ihre, zum überwiegend grossen Theile unsauberen Motive zurückführte, ein Punkt, der übrigens für Heidelberg besonders ein actuelles Interesse besitzt. Er wies'die .Angriffe der Gegner zurück, verwarf die scheinbaren Ein wände derer, die im Namen des deutschen National gef iihls, dem durch den Zionismus Abbruch geschähe, oder der jüdischen Religion zu sprechen vorgäben. Er präcisierte den Standpunkt der national gesinnten Juden gegenüber der internationalen Socialdemokratie und besprach alsdann die praktischen Massregeln des Zionismus, die Bank u. s. f. Die Ausführungen ernteten reichen Beifall, wenngleich einige besonders scharfe Bemerkungen Widerspruch hervoniefen. In der sich anschliessenden Discussion vertrat Herr Paderstein den Standpunkt, dass speciell in Deutschland die Juden keinen Anlass hätten, dem Zionismus anzuhängen, da sie sich bereits eine öffentlichrechtliche Heimstätte errungen hätten. Wolle man die Juden, die sich nicht in dieser beneidenswerten Lage befinden, unterstützen, so wäre nichts dagegen einzuwenden, diesen eventuell zu besseren Verhältnissen' in Palästina zu verhelfen, allein eine nationale Gemeinschaft bestände nicht, es fehle vor allem das nothvvendige Kriterium einer solchen, die hebräische Sprache (?). Das alle Juden umfassende Band sei nichts anderes als die jüdische Religion. Dem Referenten fiel es nicht schwer, diese Entgegnungen zu entkräften, soweit sie nicht schon durch die ersten Ausführungen selbst gegenstandslos geworden waren. Der Vorsitzende Herr Dr. Hure w i t z führte alsdann aus: Das Band, welches die Mitglieder des jüdischen, wie irgend eines anderen Volkes umsehliesst, sei weder die Religion, noch die Sprache, sondern das Zusammengehörigkeitsgefühl. Aus der dauernden Gemeinschaft moralischer und materieller liiter- . essen einmal emporgewachsen, trennt es sich im Laufe der Zeit von seinen Ursachen vollständig und fährt zu existieren fort, wenn diese auch nicht mehr vorhanden sind. Das ist ein allgemein psychologisches Gesetz. Dieses Zusammengehörigkeitsgefühl sei zu stark, als dass wir es durch irgendwelche Ueberlegungen überwinden könnten. Deshalb bleiben dem jüdischen Volke auch alle diejenigen erhalten, welche der Religion überhaupt und der jüdischen Sprache längst fremd sind. Deshalb gehören auch die westeuropäischen Juden dem jüdischen Volke an, mögen sie sich noch soviel für das Deutsch- oder Französischnationale begeistern. Es ist daher zwecklos, darüber zu grübeln, ob es eine jüdische Nation gibt: ein jüdisches, innig verbundenes Volk gibt es jedenfalls. Und dass es auch eine jüdische Frage in Westeuropa wie im Osten gibt, haben die letzten Jahre zur Genüge gezeigt. Der Antisemitismus, welcher zu verschiedenen Zeiten eine verschiedene Form annimmt, ist nichts anderes, als der Ausdruck der Verachtung einem Volke gegenüber, das überall als Parasit, als zersetzendes Element lebt, ohne zeigen zu können, dass es auch imstande wäre, eigene Institutionen, eigene Gesetze zu haben. Um diese Verachtung, den hauptsächlichsten Grund des Antisemitismus, los zu werden, müssen die Juden . eine Autonomie haben. Während der Zionismus für die osteuropäischen Juden das einzige moralische und materielleRettungsmittel darstellt, ist er auch für die westeuropäischen Juden von grösster Wichtigkeit, indem er nicht nur die jüdische Frage löst, sondern den Antisemitismus .einfach ünmöglich macht. Die deutschen Juden 'fniissen sich deshalb dem Zionismus nicht aus Mitleid mit ihren leidenden Brüdern, sondern ihres eigenen Interesses und Nutzens wegen anschliessen. Sie finden im Zionismus, in der jüdischen Autonomie, die einzige Möglichkeit, sich vom Antisemitismus zu befreien. Nachdem nochmals Herr Paderstein und Herr Z1 o c i s t i kurz gesprochen hatten, wurde die Versammlung, die von 8 bis gegen U Uhr währte, geschlossen. Bemerkenswert ist die Haltung der .christlichen Presse in Heidelberg, die, soweit sie uns zu Gesicht kam, unsere Agitation ernst und. vorurteilsfrei beurteilte. Mülhausen. Im „Salon vert" des Cafe Moll hielt am (i. März, abends Herr Theodor Zlocisti einen Vortrag über Zionismus, der von etwa 150 Personen besucht war. Herr Zlocisti erwies sich als ein ganz vortrefflicher Redner, der mit jugendlichem Feuer und mit Gewandtheit zu seinen aufmerksamen Zuhörern sprach. Er -behandelte eingehend die heutigen socialen Verhältnisse der Israeliten und legte dann Zwecke und Ziele des Zionismus dar. Durch wiederholten Beifall gaben die Zuhörer ihr Einverständnis mit den Ausführungen des Vortragenden kund. Nach Beendigung des Vortrages forderte Herr Dr. Elias zur Gründung eines Vereines „Zion" auf, dem auch gleich 60 Mitglieder beitraten. Frankreich. Paris, 14. März. In dem heute im Palais Elysee abgehaltenen Ministerralhe unterbreitete Justizminister Le bret dem Präsidenten Loubet über Wünsch des letzteren ein Decret zur Unterschrift, mit welchem alle begnadigt werden, die von den Polizeibehörden wegen aufrührerischer Rufe am 18. Februar (dem Tage der Präsidentenwahl), sowie an den folgenden Tagen zu Geldstrafen verurtheilt worden sind. Diese Begnadigung kommt mehr als 250 Personen zugute. Paris, 14. März. Der Cassationshof fasste den Beschluss, vom Kriegsminister Frey ein et die Mittheilung des geheimen Dossiers in der Affaire Dreyfüs zu verlangen. Die Mittheilung wird demnächst erfolgen. England* London, 10. März. *In der Jahresversammlung der Y e h i d i m der spanisch-portugiesischen Gemeinde fragte Mr. 8. M. V a 1 e n t i n e den Vorsitzenden Mr. A. Mocatta, ob bezüglich der Stellungnahme der Eiders zur zionistischen Bewegung irgendeine weitere Action beabsichtigt sei, Mr. D. Benoliel erklärt, er habe eigentlich diese Frage nicht berühren wollen, thue es aber jetzt in der Hoffnung, dass die Eiders den Beschluss, der den Chacham Dr. Gaste r in eine eigenthümliche Lage gebracht habe, aufheben werden. Dr. Adler durfte ungestraft einer Christmas, Carol-Versammlung präsidieren.. Für die Aussenstehenden nehme die Haltung der Eiders den Schein von Verfolgungssucht an. Diese Haltung sei weder richtig noch edel, und man müsse hoffen, dass sich eine goldene Brücke werde finden lassen, um alle zufriedenzuftollen. Mr. J. rle Castro, der Urheber

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.