Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 11 (17.3.1899)
- Article
- Der Process Picquart
- Date
- 1899-03-17
- Page
- 9 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 11 „Die A.Welt** Seite 9 Mittheilung der Dossiers Drey fus und Esterhazy an den Advocaten Leblois, vor das Civilgericht zu stellen, bezüglich der sogenannten Brieftauben-Affaire und der Affaire Böulot aber an das Kriegsgericht zu verweisen sei. Die beiden letzteren Anklagepunkte stehen mit der Affaire Dreyfus in keinem directen Zusammenhänge. Picquart ist nunmehr wieder der Civilgerichtsbarkeit überantwortet worden. A^stedlungsverbot. Die „Priamursk. Wjed." berichten, dass es für nothwendig befunden worden sei, die Ansiedlung von Juden auf der Halbinsel Kwantung ganz zu verbieten. Die Halbinsel Kwantung ist der südliche Ausläufer der Halbinsel Liaotung; auf derselben liegen die neuerworbenen russischen Häfen Port Arthur und Talienwan. Das Präsidium im Budapester Comite der „Alliance israelite universelle" wurde Herrn J. Deutsch d e Hatvan übertragen. Rabbinerconferenz. Im Monate Februar tagte in Budapest eine Conferenz der orthodoxen Rabbiner, an welcher die Rabbiner von Pest, Gross war dein, Huszt, Szatmar, Kiraly- - Helmez, Kaschau, Nagy-Karoly, Deutsch-Kreuz, Nagy-Szölles> Sarospatak, Papa, Raab, Nya-Mada, Waizen etc. und drei weltliche Vertreter theilnahmen. Die Versammlung befasste - sich mit der Frage der Organisation der jüdischen Orthodoxie, die nunmehr ernstlich in Angriff genommen i werden soll. ' I G i Correspondenzen. Oesterreich-Ungarn. Wien. Im niederösterreichischen Landtage hat wieder einmaldie antisemitische Majorität einen gegen die Juden t gerichteten Antrag eingebracht. Die edlen Seelen, die gegen . eine Schächtung der Juden nicht viel einzuwenden hätten, und deren Chef sogar grossherzig genug ist, um eventuell auch das Köpfen und Hängen der Juden als weitere Be-, förderungsarten ins bessere Jenseits zu befürworten, finden,; dass durch das Schächten der Thiere ein Act schrecklicher Thierquälerei begangen werde. Es wäre lächerlich, in diesem Anträge etwas Anderes zu sehen, als eine Demonstration^ welche den antisemitischen Wählern wieder einmal zeigen, soll, dass man über der Liebschaft mit dem jüdischen? Capital keineswegs den programmmäßig stipulierten' Judenhass vergessen habe. Es ist auch kaum anzunehmen' dass der Antrag der Antisemiten andere, als demagogische, Folgen nach sich ziehen wird. Den Juden aber, welche sich noch immer tagtäglich in ihren Leiborganen den „äugen-1 schein lieh gänzlich bankerotten" Antisemitismus servieret} lassen, dürfte vielleicht durch derartige Vorkommnisse hie und da der Gedanke erweckt werden, dass sie denii doch Ursache hätten, über ihre Gegenwart und noch mehr über ihre Zukunft nachzudenken. Mit der Entrüstung und mit Protesten, mit der angeblich'so tiefen Verachtung der Antisemiten haben sie bisher wenig erreicht. Ihre Organisation und eine auch für spätere Zeiten vorsehende Politik haben sie gänzlich vernachlässigt. Es wäre an der Zeit, hoch an der Zeit, dass sie sich mit allem Eifer und grösster Entschiedenheit mit ihren eigenen, den jüdischen Angelegenheiten beschäftigten und durch straffe Organisation und eine vorsichtig und mit Sachkenntnis geleitete Emigrationspolitik der überschüssigen Elemente dafür sorgten, dass sie solchen Angriffen, wie sie jetzt planmässig gegen das Judenthum gerichtet werden, mit der Ruhe der auf alles Vorbereiteten und für alle Fälle Gerüsteten entgegentreten könnten. Vielleicht wird manchem der jüdischen „Führer" doch endlich ein Licht darüber aufgehen, wie nothwendig der Zionismus auch für solche Juden ist, die sich vorläufig in ihrem Lande noch ziemlich behaglich gefühlt haben. Wenn nicht, so werden schon andere dafür sorgen, dass ihre Blindheit die Juden nicht ins Verderben stürze. Deutschland. Berlin. Berlin steht unter dem niederschmetternden Eindrücke eines Ereignisses von erschütternder Bedeutung! Der Berliner Unionsclub, jener Verein, der das Verständnis für die nationale Bedeutung des Totalisators in die weitesten Kreise getragenhat, versagte dem Haut-Financier Schwabacli den Zutritt in seine, nur für die adeligsten Hazardspiele reservierten Räume. Das „Kleine Journal", stimmt wehrnuthsvolle Klagen an und versichert, dass die Gründe für die schnöde Zurückweisung des Gekränkten keinesfalls in dessen Person liegen. Das ist ohne weiters glaubhaft. Wir meinen, dass im Gegeiltheile übergrosse Bescheidenheit , das Vorgehen des Unionsclubs veranlasste. Man wollte . Dr. Schwabach, der dem ältesten Adel der Welt entstammt, , nicht die tägliche Berührung mit dem neugebackenen; preußischen Landadel und den nach Training duftenden Renn- , stallbesitzern zumuthen. Uebrigens besitzt der Zurückgewiesene zur Zeit das in der Firma Bleichröder vererbliche englische Generalconsulat. Es sind deshalb schwere diplomatische Verwicklungen zu befürchten. — Die Lehrerinnenfrage ist zu einem vorläufigen Abschlüsse gelangt. Das Provinzial-Schulcollegium hat dem Magistrate angezeigt, dass der Cultusminister sich zu einer principieilen Aenderung seines Standpunktes schwerlich werde bewogen finden, man wolle aber „Härten vermeiden". Dieser Bescheid ist umso schmerzlicher, als für die zahlreichen jüdischen Lehrerinnen nunmehr eine Anstellung nur an den höheren städtischen Töchterschulen angezeigt erscheint. über welche das Provinzial-Schulcollegium kein Verfügungs recht besitzt. Natürlich wird so nur etn kleiner Theil der Mädchen versorgt wurden können, die zum Theile - viele Jahre lang unentgeltlich oder gegen karge Remunerationen dem öffentlichen Wöhle gedient haben. Erfreulich ist dagegen das Einschreiten der preussischen Regierung gegen die neueste Form des Radau-Antisemitismusi (Jrafv. Püekler in Klein- Tschirne- (Schlesien) heisst der würdige Nachfolger Ah] wardts. Einige Tage lang wiederhallte die Berliner Friedrichsstrasse von den gellenden Anerbietungen zweier Reden, die der „Edelste der Nation" zu halten für gut befunden. Dieselben strotzen von den gemeinsten Beschimpfungen und enthalten so unglaubliche Stellen, dass selbst die „Staatsbürger-Zeitung" nicht den vollen Abdruck wagte, sondern die gröbsten Aufreizungen durch schwarze Punkte ersetzte. Die Staatsanwaltschaft beschlagnahmte aber das Elaborat und leitete das Verfahren gegen den edlen Grafen ein wegen Anreizung der Bevölkerung zu Gewalttätigkeiten. Ueberdies wurde derselbe seiner Stellung als'Amtsvorsteher enthoben. So anerkennenswert dieses energische Vorgehen an sich ist, hat es doch die bedauerliche Wirkung, dass alle Feigen und Lauen daraus das Recht herleiten, weiter in beschaulicher Ruhe jede Selbsthilfe abzulehnen und zu warten, „bis die Verhältnisse sich bessern“. Die bevorstehenden Erörterungen im Reichstage über die Initiativ-Vorlage, nach welcher das Schächten im ganzen Reiche verboten werden soll, werden hoffentlich wieder aufrüttelnd wirken und zeigen, dass der Antisemitismus von unten, aus dem Kreise der „deutschen Staatsbürger christlichen Glaubens“ kommt. F. Berlin. Am 11. März ist nach kurzem Krankenlager Ludwig Bamberger im Alter von 7fi Jahren gestorben. Er wurde zu Mainz am 22. Juli 1828 geboren, studierte 1812 bis 1845 in Giessen, Göttingen und Heidelberg die Rechte und kehrte nach absolvierten Prüfungen in seine Vaterstadt zurück. Im Jahre 1818 nahm auch er thätigen Antheil an den politischen Bewegungen jener Tage und trat in die pfälzische Freischar ein. Nach dem gänzlichen Misslingen der Erhebung musste er aus Deutschland flüchten, wo man