Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 11 (17.3.1899)
- Article
- Werter Herr Redacteur!
- Date
- 1899-03-17
- Page
- 8 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 8 „Die & Veit“ Rr. 11 Juden bewohnten Städte des Landes Lehrer für den jüdischen ßeligionsunterncht bestellt hat. Es bleibt noch hervorzuheben, dass der in Sofia herausgegebene „El Dia“ von einem in der Conferenz gewählten siebengliederigen Redactionscomite, bestehend aus: Herrn Advocat Tagger, Herrn Advocat K a 1 e f, Herrn Isakof, Herrn Hai'mof, Heim N e ge r, Heim Raphael K a 1 e f und Frau Malvine H erbst, redigiert wird. M- H.; . m Weltchronik. Professor Dr. Heymann Steinthal gestorben. In Berlin ist am 14. März der Professor der allgemeinen Sprachwissenschaft an der Berliner Universität, Heymann ßteintbtal, im Alter von 76 Jahren gestorben. Er hatte seine Lehrthätigkeit schon 1850 als Privatdocent begonnen, war aber später für mehrere Jahre zum Zwecke chinesischer Sprachstudien nach Paris gegangen und kehrte 1863 nach Berlin zurück. Seit 1872 hielt er auch an der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums Vorlesungen über Rehgions-Philosophie und ReUgions-Geschichte. Die Zahl seiner Werke über Sprachwissenschaft ist sehr gross. Im Vereine mit Lazarus hatte er in den Jahren 1860 bis 1890 die Zeitschrift für Völkerpsychologie und Sprachwissenschaft herausgegeben.' Von seinen specifiseh jüdischen Publicationen seien erwähnt: Haman, Bileam und der jüdische Nabi (1885). Zur Bibel und Religions-Philosophie (2 Bände 1895) und eine reiche Anzahl von Aufsätzen und Besprechungen. Die KrankbeitRudyard Kiplings. Aus New*York wird berichtet: Die Erkrankung von Rudyard Kipling ist, wie sich nun herausstellt, durch infolge der neuen Verfügungen entstandene Zollplackereien verursacht worden. Als Kipling hier ankam, brauste der letzte Schneesturm mit verheerender Gewalt über New-York. Eine Kälte von 25 Grad herrschte, und der feine Schnee drang wie Nadeln durch die Kleidung. Bei solchem Wetter mussten die Reisenden über eine Stunde in der hässlichen, zugigen, dem Unwetter aüsgesetzten Halle stehen, welche das Zollgebäude der Union vorstellen soll. Dort hat Kipling und mit ihm viele andere sich die schwere Erkältung zugezogen. Die Zollbeamten wenden Dingleys Plage-Edicfc mit grosser Gewissenhaftigkeit an. Man wird den Zöllnern keinen gr ossen Vorwurf machen können, dass sie ihre Pflicht so thun, wie es von ihnen verlangt wird, es ist aber auch kein Wunder, wenn dem Geiste des verstorbenen Dingley die aufrichtigsten Verwünschungen nachgesandt werden. Wer mit etwas mehr Gppäck änkommt, als Nachtkleidern zum Wechseln — und ngieistens nimmt man doch über den „grossen Teich“ etwas mehr mit — kann von Glück reden, wenn er in zwei Stunden sein Gepäck wieder erhält. Meistens dauert der Scherz — komische Scenen fehlen nicht — bedeutend länger.. Man verlangt ein vollständiges Verzeichnis aller mitgebtächten Gegenstände. Ein Unglücksmensch hatte Kleiderf und Wäsche in seinem Verzeichnisse angeführt, weleh^ er auf der Reise angezogen hatte. Nach der Erfahrung, die er im Zollamte zu New-York gemacht hat, wird er künftig wahrscheinlich seine Wäsche überhaupt nicht mehr wechseln. Erst musste ein paar Stiefel untersucht Werden, die er anhatte, dann ein Hemd mit Kragen, der Rock und schliesslich das Unterzeug. Sich in einem Raume umziehen, in dem etwa 25 Grad Kälte herrschen, und auf die Rückgabe der vom Zollbeamten revidierten Sachen zu warten, gehört nicht zu den,Freuden des Daseins. Aber nach der Vorschrift ist Stück um Stück zu vergleichen, ühd das alles, weil einige Millionäre, welche ganz gut Zoll zahlen könnten, aus Europa ganze Hauseinrichtungen mitschleppen.? Der interpolierte Shakespeare. Der berühmte italienische Tragöde N o v e 111 beabsichtigt, in einem Shakespeare- Cyklus in London aufzufrbten. Eine Kunstzeitung ermahnt ihn, auf englischem Hoden die impertinenten Aenderungen des unsterblichen Textes zu unterlassen. NoveUi schiebt nämlich im „Kaufmann von’ * Venedig‘ einige Zeilen ein, worin er das Unglück^ das Antonios Schiffe betrifft, als die Folge einer semitischenjVOii Shylock geführten Verschwörung hinstellt. u- Ein Standbild Heines; für. das bekanntlich in Europa kein Fleckchen Erde frei ist, wird, wie amerikanische BKÜfer melden, im April dieses Jähres auf einem der schönsten Plätze New -Yorks enthüllt Werden. Private Verehrer des Dichters sind es, die ihm dieses Denkmal errichten, doch hat, es sich -die Commune New-York nicht nehmen lassen, die Kosten des Sockels, zu tragen, um auf diese Weise ihrer Wertschätzung des grossen Lyrikers Ausdruck zu verleihen. Eilte jüdische Gemeindebibliothek in Berlin. Der Vorstand der jüdischen Gemeinde in Berlin hat, wie man dem „Hameliz“ berichtet, in seiner jüngsten Sitzung beschlossen, eine grosse hebräische Bibliothek zu errichten. Zu diesem Zwecke sind einstweilen 10.000 Mk. ausgesetzt worden. Als Bibhotheksraum soll eine ausgedehnte Nebenlocalifcät der Synagoge in der Kaiserstrasse verwendet werden. Die russisch-polnischen Juden Englands, die zu der Alien Bill Anlass gebenj bilden insgesammt 0*14 Percent der GesammtbeVölkerung, wie die jüngsten officiellen Erhebungen festgestellt haben. Davon befindet sich die Hälfte, ungefähr 30.000 Seelen, in London. U eh er wiegen den theil s bewohnen diese „Einwanderer“ den Stadttheil Whitechapel, von dem daher die englischen Antisemiten nach berühmten eontinentalen Mustern ausschreien, er sei total verjudet. Dem ist aber nicht im Entferntesten so. Kaum ein Achtel der Bevölkerung von Whitechapel besteht aus A u sländern und diese sind wohl in ihrer Mehrzahl, aber immerhin nicht alle, Juden. Die Juden in Corfu schicken sich an, diese Insel zu verlassen und sich anderwärts anzusiedeln, da sie nachgerade ihres Lebens nicht sicher sind. Der Judenhass hat in den letzten Jahren unter den Corfioten erschreckliche Dimensionen angenommen. Zahlreiche Juden sind bereits nach Alexandrien ausgewandeit, andere wenden sich nach Italien und Triest. Ermordung eines Juden in Argentinien. Einer Meldung der „Hapisgah“ zufolge wurde in India Maurta (Argentinien) vor einiger Zeit der Jude und italienische Staatsangehörige Josef B e r ti n i von einem Gau ch o ermordet. Dieser kam nämlich mit fünf Genossen in den Laden Bertinis und verlangte Wein. Ais sich nun Bertini umwandte, um den Wein zu holen, überfiel ihn der Gaucho meuchlings und stach Ihm ein scharf geschliffenes Messer tief in den Rücken. Der Bedauernswerte gab am nächsten Tage den Geist auf. Der italienische Gesandte fahndet eifrig nach dem Mörder und seinen Complicen. Ein Mann der Feder. Infolge einer Anzeige des städtischen Lehrers Franz Matzen au er hatte sich der Schuhmacherlehrling Franz Chrastek vor dem Strafrichter des II.Wr. Bezirkes, Gerichtssecretär Dr. K a u e r,zu verantworten. Chrastek besucht nämlich die gewerbliche Fortbildungsschule in der Novaragasse, wo es regelmässig nach Beendigung des Abendunterrichtes zwischen den Lehrlingen zu argen Raufereien kommt. Herr Matzenauer, welcher den Unterricht ertheilt, war nun kürzlich Zeuge einer solchen Keilerei auf der Strasse. Chrastek verfolgte den Lehrling Nicolaus Schwarz mit dem Federstiel und rannte ihm die Feder in den Kopf. Dieselbe blieb knapp oberhalb des Auges stecken. Bei der Verhandlung leugnete der angeklagte Bursche, diese Misshandlung begangen zu haben. Der Lehrling Schwarz gab an, er werde von Chrastek nur deshalb verfolgt, weil er ein Jude sei. Chrastek habe ihm wiederholt gedroht, elwerde es so lange treiben, bis er die ganze Classe gegen ihn aufgehetzt haben werde. Lehrer Matzen auer sagte, er habe die Anzeige nur deshalb erstattet, damit einmal ein Exempel statuiert werde, denn die Lehrlinge benähmen sich nach Schulschluss wie die Wilden. Der Richter verurtheilte Chrastek zu vierundzwanzig Stunden Arrests, Die Verfolgung der Ligen. Dem „Matin“ zufolge beschloss der Gerichtshof, auf Grund der Artikel 291 und 292 des Strafgesetzbuches über unerlaubte Umtriebe gegen die Präsidenten gewisser Ligen oder Comitds, welche als Ur sachen der gegenwärtigen Agitation an zu sehen sind, die gerichtliche Verfolgung einzuleiten. Der Proeess Picquart. Der Cassationshof hat am 3. d. M. nach ungemein langwieriger Berathung entschieden, dass die Anklagepunkte gegen Picquart in zwei Gruppen zerfallen und dass der Oberst bezüglich der einen Gruppe, nämlich Fälschung, Benützung einer Fälschung (des „Petit bleu“) und