Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 11 (17.3.1899)
- Article
- [Ohne Titel] / Rosenberger, Erwin
- Date
- 1899-03-17
- Page
- 5 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 11 „Die Welt“ Seite 6 der Fragestellung erscheint einem wie Profanierung. Die Strahlen einer Märtyrergloriole wollen nicht mit dem kalten Massstahe des Zahlen Systems gemessen werden. Den Dulder für ei neCresammtheit fragt man vielmehr: BistDu schön? — Schön — das ist sympa’hisch. Und wir alle antworten : Ja* —Und da zeigt sich nun ein Merkwürdiges in unserem Urtheil: Je mehr wir uns sagen : Der Märtyrer ist nicht klug, desto mehr sagen wir uns: Er ist schön. Je unklüger uns sein Selbstopfer erscheint, desto besser gefällt es uns. Es liegt ein unsagbarer Egoismus in dem Entzücken einer Gesammtheit, die vor dem Marterpfahle eines Einzelnen steht und dem Schmerzdurchbohrten znjubelt: Du bist schön! Du bist uns sympathisch! Weil er, der Eine, sich die Brust mit jenen Pfeilen spicken lässt, die der Gesammtheit zugedacht waren, darum findet die Gesammtheit die rothen Tropfen, die von den Widerhaken niederträufeln, schön. Jeder rothe Tropfen, der nicht ihr eigener ist, gefällt der Gesammtheit: Welch herrliches Roth! Es rührt zu Thränep. — Die Anderen, die Späterkommenden, widmen gerne ihrem Lastträger Riihinngszähren. Und ist nicht jeder Märtyrer ein Lastträger der Gesammtheit? Siehe, gebeugt und seufzend schreitet er dahin über den steinigen Weg, auf seinen Schultern ruheiiTausemio. Bleiern schwer. Er aber, der Geduldige, Gute, nimmt alle Schwielen und Wunden, die das zackige Gestein in die Sohlen von Tausenden gepresst hätte, auf seine Sohlen. Und es jubeln die Tausende : O, wie prächtig er blutet! — Manche weinen. Die Schmerzensthräiien, die sie seinen Schwielen widmen, sind Freudenthränen, die sie ihrer eigenen heilen Sohle widmen. Drum rufen sie dem Märtyrer zu: Du bist schön. — Doch schüchtern darf einer fragen : Bist Du klug? * * * Bist Du klug? — Die ganze Frage und ihre Beantwortung bewegt sich in der Mulde zwischen zwei Wertbegriffen: Ich — und die Anderen. Diese zwei Begriffe sind wie die zwei Flüssigkeitssäulen in einem U-förmigen Gelasse : sie .hängen so zusammen, dass, wenn dm eine Säule sinkt, die andere Säule, steigt. Erscheinen einem dieAuderen schätzenswert, hoch, dann schreitet das Ich gerne zum Marterpfahl, weil es sich gegenüber seinem tausendköpfigen Vis-a-vis selbst herunterdrückt. Man verkleinert sich, entwertet sich, da einem die Gesammtheit hochragend erscheint. Jene Frage kann also nur in der Weise beantwortet werden, dass man beide Säulen auf ihr gegenseitiges Grössen Verhältnis sorgfältig misst. — Bist Du klug? — Ein Ja würde sich dann ergeben, wenn sich herausstellte, dass die Masssäule der Gesammtheit mächtig hinwegragt über den Wert des Ich. Ein solcher Vergleich wird sich zwar niemals genau durchführen lassen, weil bei der Abschätzung des Ich naturgemäss Ueberschätzungen oder Unterschätzungen unterlaufen werden — dafür kann man aber ziemlich unbefangen über die Höhe des tausendköpfigen Widerpartes, der Menge, urth eilen. * $ * Wie schauen die Anderen, die Späterkommenden aus, für deren Wohlergehen die achtmal vierziger Helden ihre Brust dem Blei dargeboten haben? Da drängen sich hunderte, tausende in einem antisemitischen Versammlungslocal, aus den biergerötheten Gesichtern, aus den . wässerigen Aeuglein glotzt die Blöde, und auf den schmalen Stirnen steht in breitspuriger Schrift: Johannes Hagel. — Das sind die Anderen. Mit dem plumpen Nagelwerk ihrer Stiefel treten sie pöbelhaft froh auf den Gütern herum, für deren Bekämpfung'die Märtyrer der Märztage geblutet haben. Und wenn man einen Namen aus jener Helden liste nennt, dann rufen sie ein Pfui, das aus Bierathem und Knasterdampf zusammengesetzt ist-. — So sind die Späterkommenden! — Bist Du klug? Verdient dieser Pöbel, dass Du für ihn gerungen? — Halt! nicht alle sind so. Zogen nicht lange Reihen hinaus zum Gentralfriedhof, gab es nicht Gräberbesuch, Kränzeschmuck, Gedenkreden, — Thränen? O ja. DieTodten da unten hatten wohl ihre tröstliche Freude an dem Angenehmen, das man ihnen erwies. Die Todten sind ja von Natur aus so * ungemein empfindlich für die zartesten Aufmerksamkeiten, die ihnen die Nachwelt erweist, und eine alljährliche Ehrenfeier kann einen zerfallenen Leib sicher ganz und voll entschädigen für irdisches dorniges Ungemach. s , * $ Aber es ist eigentlich müssiges Beginnen, einen, der da kommt, um sich für eine Gesammtheit zu opfern, sub specie eines casuistischen Wägens zu betrachten. Derlei Naturen handeln instinctmässig, es schiebt sie' etwas Unwiderstehliches, Urgewaltiges über alle Ktügelöi hinweg nach vorwärts. Es ist vielleicht ein Analogon jenes Triebes, der das Einzelwesen an spornt-, sich für die Gattung zu opfern. Hunderte, hunderte Meilen weit fliegt der Zugvogel zur Brutstätte. Tausend Gefahren dräuen ihm entgegen, der. Regen zerpeitscht ihm das arme Flügelkleidchen, derFrostschauer beisst sich grimmig in den kleinen Körper — aber Vöglein fliegt. Weiss Vöglein, warum es vorwärts fliegt? — Hier ist der Punkt, wo das Thun derer-, die für eine Gesammtheit Mühsal tragen, an das Providentielle streift. Sie sind die Willensvollstrecker einer Gesammtheit, wie der Zugvogel der Willensvolistrecker seiner Gattung ist. Sie müssen vorwärts. — Und andere, an deren Schwingen sich Klügelei und trockenes Bedenken wie Hemm gewicht heftet, können nur staunend stehen und bewundern . Erwin Rosen berge r. & Judenreine Finanzscandale. Von Rudolf Kohs, Prag. Jüngst sind zwei Juden, die Inh-«her eines schwindelhaften Bö rsencomptoirs, durchgehra n n t und haben damit der antisemitischen Presse eine willkommene Gelegenheit gegeben, allgemeine Betrachtungen über jüdische Finanzschwindeleien anzustellen. Obwohl für jeden Kenner unserer Verhältnisse kein Zweifel darüber besteht, dass die jüdischen Institute und Gesellschaften zumindest nicht schwindelhafter sind als die judenreinen, haben die jüdischen Blätter auf die Generalisierung der antisemitischen keine Antwort gefunden. Wir wissen ja — je jüdischer eine Redaction ist, desto mehr schweigt sie über Jüdisches und Antijüdisches. Es verdient darum, hier festgestellt zu werden, welchen Antheil die Juden an den finanziellen „Überraschungen“ des letzten Jahres haben. Angefangen hat die Reihe der Finanzscandale diesmal mit der Zuckerdefraudation bei der Oesterreichischen Nordwest-Schiffahrts-Gesellschaft, bei einer Gesellschaft, die, obwohl ihre Actien im Besitze eines jüdischen Bankensyndicates (Bankverein. Länderbank) sind, als ganz judenrein anzusehen ist. Bei dieser Gesellschaft ist infolge von jahrelang betriebenen Mogeleien Zucker im Werte von 4*6 Millionen Mark defraudiert worden, die von dem Aussiger Zuckerraffineur Fieber einer Hamburger Bank verpfändet waren. Alle an diesem Falle — der natürlich weite Kreise berührte betheiligten Personen und Firmen sind durchwegs judenrein. Der Vertrauensmann Fiebers in Aussig, der für die fraudulöse Gebarung* am meisten verantwortlich gemacht werden muss, ist ein Schönerianischer Agitator. Sein Chef, der Herr Fieber, war der einzige, in der grossen Zuckerbranche übrig gebliebene arische Raffineur. Alle anderen arischen Zuckerhändler und Raffineure sind schon viel ■ früher verkracht, Der zweite Finanzscandal betraf die Oestereicbisehe Waffenfabrik, bekanntlich ein Juden gehörendes Unter-