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Die Welt · 1899-03-17 · 11 (17.3.1899) · p. None

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
11 (17.3.1899)
Date
1899-03-17
Page
None (sequence 5)
Language
German
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I <►---H Redaction Erscheint jeden Freitag. 4 ►--——... A Preise der Anzeigen: und Administration: Zuschriften sind nicht an einzelne Personen, sondern Die viermal gespaltene Petit¬ Wien an die Redaction ode#Administration: Wien, IX., zeile 10 kr. IX., Türkenstrasse 9. Turkehstrasse Nr. 9, zu richten. Telephon Nr. 8805. Unfrankierte Briefe werden nicht angenommen und Einzelne Nummern 15 kr. ♦--- > Manuscripte nicht zurückgesendet. 4 ►-;-o A7ilrf 3111*0130 -Oesterreich-Ungarn: ganzjährig 6 fl. 12 Kr., halbjährig 3 fl. 6 Kr. Für das Ausland: Deutsch- UvaUguJJivioui land ganzjährig 13 Mk. 70 Pf., halbjährig 6 Mk. 85 Pf., England ganzjährig 14 8hg., halbjährig 7 8hg., Russland ganzjährig 7 R., halbjährig 3 R. öOKop., Schweiz, Frankreich, Italien, Türkei, Rumänien, Bulgarien, Serbien, Griechenland, Aegypten ganzjährig 1/ Fr es., halbjährig 8 Frcs. 50 Cts., Amerika ganzjährig 3 Doll. 40 Gt. Nr. 11 Wien, 17. März 1899. 3. Jahrgang Die Juden sind Ausbeuter! Von Dr. Max Nordau. Der Jude ist ein Ausbeuter. Das ist ein Dogma. Das Grunddogma des Antisemitismus. Man erweitert es durch liebevoll gewählte Synonyme: Der Jude ist ein Schmarotzer; er lebt von der Arbeit der anderen u. s. \v. Man hat diese Behauptung so oft wiederholt, dass auch die seltenen „Arier“, die von allem Judenhasse ftei sind, ehrlich an sie glauben und sich darauf beschränken, mildernde Umstände geltend zu machen. „Wenn die Juden Ausbeuter-^sind, so ist es, weil sie begabter sind als andere Völker und weil für sie die Versuchung stärker ist, ihre geistige Ueberlegenheit zu missbrauchen. Wenn sie Schmarotzer sind, so ist es, weil wir sie gezwungen haben, es zu werden“ u. s. w. Diese Entschuldigungen sind freundlich. Wir sind von ihnen gerührt. Aber wir lehnen sie mit Dank ab. Ehe man gegen uns eins Nachsicht übt, die wir nicht verdienen würden, wenn wir sie anzurufen hätten, wolle man sich gütigst herbeilassen, die Versicherungen unserer Feinde zu prüfen. Wenn eine Verleumdung erst Gemeinplatz geworden ist, untersucht man sie nicht mehr, sondern nimmt sie an und gibt sie weiter, wie geltende Scheidemünze. Unterbrechen wir diese bequeme Gewohnheit. Viele ganz wackere Leute sind überzeugt, eine nie bestrittene, unbestreitbare Wahrheit auszusprechen, wenn sie. einander nachschwatzen: „Der Jude ist ein Ausbeuter.“ Halten wir den schmierigen, abgegriffenen Pfennig auf. Betrachten wir ihn uns etwas aufmerksamer. Wir werden sofort entdecken, dass er falsch ist lind, nach französischem Brauch, auf das Ladenpult genagelt zu werden verdient. Ein Wort zunächst vom „jüdischen Ausbeuter“ in der Geschichte. ■? An seinen Anfängen treffen wir ihn in Aegypten. Was treibt er dort? Er thut Selavenarbeit. Er ächzt in den Ziegelgruben und Steinbrüchen Pharaos. Er streicht Backsteine, schleppt Lasten und emp$to#t als Lohn P^sclienhiebe. Sehen Sie diesen nichtswürdigen Ausbeuter? Er zwingt die armen ägyptischen Sclavenvögte, die Nilpferdpeitsche heltig über ihn zu schwingen, eine, peinliche Anstrengung in einem so heissen Lande, wie dem Nilthale. Im Mittelalter ist der Jude der allgemeine Pfandleiher, der Banquier der Könige, Herren und KirMenfürsten. Wie kam das? Die Mächtigen, die allein Bargeld, wie überhaupt alle Reichthümer besassen, wollten nicht selbst um Zinsen leihen, da die Kirche diese Art Geschäfte verbot. Sie beriefen also Juden zu sich und zwangen sie, Vermittler zwischen ihnen und den Borgern zu sein. Die Herren lieferten das erste Capital, der Jude besorgte seine Verwendung. Er nahm die Mühsal der Ueberwachung, die Verantwortlichkeit für die Eingänge auf sich; er lenkte auf sein Haupt den Hass des Borgers, der immer vergnügt einsackt und immer mit Schmerz bezahlt; und wenn er es durch diese undankbare Arbeit fertig * gebracht hatte, das Capital mit einigermassen ansehnlichen Zinsen abzurunden, beeilten die Herren sich., ihm alles zu entreissen und den Juden der Volkswnth auszuliefern. Auf diese Weise verwerteten die Herren ihr Geld, ohne das Kirchenverbot des Wuchers zu übertreten, und schunden das Volk, ohne ihre Beliebtheit zu gefährden. Wäre der Jude nicht gewesen, das Feudalsystem hätte um fünf Jahrhunderte früher verschwinden müssen. Aber die regelmässigen Judengemetzel wendeten durch sehr lange Zeit den Hass der Menge von den Herren ab, und diese konnten ungestraft Schweiss und Blut des Volkes an sich pumpen, indem sie sich des Juden wie einer Hohlnadel bedienten, deren Stich schmerzt. Die christlichen Chroniken des Mittelalters erwähnen des Juden immer nur, wenn sie zu erzählen haben, dass er ermordet oder in den Rechtsformen verbrannt, gehängt oder nach gewissenhafter Plünderung vertrieben wurde. Die einzige Rolle, die er spielt, ist die eines Gefolterten oder eines geschändeten: Leichnams. Sonderbarer Geschmack bei einem Ausbeuter! In der Dichtung erstaunt uns der Ausbeuter durch die nämliche Seltsamkeit seiner Gewohnheiten. Nehmen wir das bekannteste Beispiel: Shylock. Dieser. sprichwörtliche Bösewicht wird von einem edeln „Arier“ bestohlen, der ihm sein Ge^^eine .ijU'Weien und noch obendrein seine Tochter, das einzige Wesen auf Erden, das er liebt, abgaunert. Und Shakespeare ist sichtlich überzeugt, uns. das vollendete Urbild des Ausbeuters gezeigt zu haben! Wahrhaftig, das Ausbeutergeschäft ist in Shakespeares Stück nicht einträglicher, als im feudalen Ghetto. Doch lassen wir Geschichte und Theater und Jdicken wir lim uns in die gesegnete Wirklichkeit, die

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