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Die Welt · 1899-03-10 · 10 (10.3.1899) · p. 16

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
10 (10.3.1899)
Article
Die Goldschilds
Date
1899-03-10
Page
16 (sequence 2)
Language
German
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Seite 16 „Die Welt“ Nr. 10 Mit dieser trivialen Erklärung tröstete inan das arme Kind seit Jahren und nie lu tte es eine Einwendung dagegen erhoben. Aber heute schüttelte der Kranke den Kopf. Ein unsagbar trauriges Lächeln umspielte seine Lippen, als er erwiderte: „Aber — David — das Märchen glaube ich ja schon lange nicht!“ „Was — das glaubst Du nicht?" rief der Arzt betroffen, denn er war auf diese von ihm ersonnene Erklärung nicht wenig stolz gewesen. „Schon lange — lange nicht!" wiederholte Jonathan mit feiner Ironie. „Dann bist Du ja ein ganz erbärmlicher Schwindler!" polterte David, um seine Verwirrung zu verbergen. „Weshalb verstellt sich denn der junge Herr so?" „Um Euch eine Freude zu machen/ Rührend schlicht und einfach klangen die Worte aus dem Munde des Siechen. Dann aber fuhr er mit entsetzlicher Kaltblütigkeit fort. ..Früher'habe ich geglaubt, dass ich unbedingt sterben müsse!" „Den Unsinn hast Du aber hoffentlich wieder aufgegeben?" zwang sich der'Arzt, obgleich ihm die Thränen nahe waren, zu scherzen. Das Kind nickte ernsthaft. „Ja — jetzt hoffe ich wieder!" „Na — das ist ja schon! Wer hat Dir denn den Kopf zurechtgesetzt?" Einen Augenblick zögerte Jonathan. „Du musst mir versprechen, ihm nicht böse zu werden?" meinte er dann vorsichtig. „Weshalb sollte ich ihm denn böse sein?" entgegnete David. „Im Gegentheile — das muss ja ein patenter Kerl sein?" „Das ist er auch," bestätigte der Kranke. „Es ist der Pfarrer!" „Der?" Es war das einzige Wort, welches der alteDoctor auf die Eröffnung seines Grossneffen erwiderte. Aber dieses „der" klang so vielsagend und gedehnt, dass es Erstaunen, Missbilligung, Aerger und Befürchtung beredten Ausdruck gab. „Und der Pfarrer will Dich heilen?" fragte er nach einer kleinen Pause misstrauisch. „Nicht der Pfarrer!" lächelte Jonathan überlegen und altklug. „Aber — die Mutter Gottes Maria. Hast Du denn nie von dem wunderthätigen Wasser der Grotte zu Lourdes gehört? Alle Jahre kommen dort hunderte von Heilungen vor. Man muss nur recht inbrünstig beten — sagt der Plärrer — und allerdings — Christ soll inan wohl sein David sprang auf und durclnnass mit grossen Schritten das teppichhelegte Gemach. Die Leberrumpelung war vollständig gelungen. Die Möglichkeit, dass der Pfarrer dem todkranken Kinde als Preis für die Taufe Genesung versprechen könnte, hatte der greise Arzt nicht in seine Rechnung gezogen. War denn der kindlich gläubige Priester, der Wunder verhiess, und der kühl berechnende Agitator, der nie müde ward, dem Volke auf Heller und Pfennig den unausbleiblichen Ruin vorzurechnen, ein und dieselbe Person? „Was soll denn ich dabei thun?" stiess der alte David nach einer Weile rauh hervor. „Soll ich etwa Pathe stehen?u „Nein,“ erwiderte Jonathan, „Du sollst mir nur die Einwilligung des Gross vaters erwirken — meint der Pfarrer!" Der Doctor blieb wie festgewurzelt stehen. Darauf batte er ja ganz vergessen. Der Ueb er tritt des unmündigen Knaben bedurfte ja der väterlichen Gutheisung, und da Baron Moritz entmündigt war; fiel'dieses Recht dem Vormunde, Baron Isak, zu. Dem klugen ‘ Priester freilich war dies keineswegs entgangen, und da er selbst wohl sich keinen Einfluss auf den geriebenen alten Börsenfreibeuter zutraute, war niemand anders als Dr. David dazu ausersehen, die Sache beim Grossvater zu führen. Das hiess nun dehn doch die Unverfrorenheit auf die Spitze treiben. Aber zum Werkzeuge der ehrgeizigen Pläne eines fanatischen Priesters gab sich Dr. David noch lange nicht her! Ganz im Gegentheil! A Einen Strich wollte er dem Hochwürdigen durch die saubere Rechnung machen und Isak im entgegengesetzten Binne bearbeiten. G Ein hässliches, nagendes Gefühl, das er während Seines langen Lebens noch nie empfunden, zog in das Herz des alten Arztes. Es war die Schadenfreude. Da wiederholte Jonathan noch einmal seine Bitte. „Es ist umsonst," entgegnete David brutal. „Dein Grossvater wird niemals in einen Glaubenswechsel willigen!" Der kranke Knabe atlimete tief auf und schwieg eine Weile. „Dann muss ich eben sterben!" klang es ergeben von seinen jungen Lippen. . Dr. David Goldschild kam sich in diesem Augenblicke recht erbärmlich vor. „Aber Kind!" rief er, „wer wird so sprechen!" „Nur die Mutter Gottes könnte mich gesund machen," beharrte der Kranke, während seine Augen ängstlich und bittend die des Arztes suchten. Und da — da war dieser besiegt. Wie barbarisch, wie kleinlich wäre es. aus eitlem Ehrgeiz einem unglücklichen, siechen Menschen auch nur eine Minute der Hoffnung zu rauben! David fand nicht den Mutti, länger zu widersprechen. „Wir wollen den Grossvater halt sehr schön bitten!" lenkte er ein, „vielleicht erlaubt er es doch!" Aber der Glaube des Kindes war noch schwankend und leicht erschüttert. Leise zweifelnd, fragte er den bewährten Rathgeber: „Sag’ — glaubst auch Du — dass die Mutter Gottes mich gesund machen kann?" t Dr. David fühlte, wie das traurige, ängstliche Auge Jonathans auf seinem Gesichte nach der Antwort forschte. Er war nicht ein Mann, der auf halbem Wege stehen bleibt. Seine innere Ueberzeugung, seine Neigung und seinen Hass gewaltsam unterdrückend, beugte er sich über den Knaben und tröstete ihn : „Die Mutter Gottes kann alles — alles — mein liebes Kind!" Und wie er sich wieder aufrichtete — da fühlte er sich so gross, stark und zufrieden — als sei nicht der Pfarrer, sondern vielmehr er als Sieger aus dem Kampfe um die Seele des jüngsten Goldschild hervorgegangen. ' (Forsetzung folgt.) Briefkasten der Redaction. Fraternitas, Prag, Mariahilf-Neubau, Wolfgang Sternberg : Herzlichen Dank und Gruss. Cb. M. L—y„ Kiew. Besten Dank. Wird verwendet. ffliPPP PpnQifln un ötudiant, exmaltre d’ecole, UUllli C I CUMvll conrum«ant parfaitement le fraiKjiis, bonnes references, cherche une place eomme preci-pteur et professeur de fraixjais pres d’uue bonne famille Israelite ä Vienne. — Ecrire „Mentor“ postlag. II., Obere Donaustrasse. Herausgeber: P. Lsschsuer Berantw. Red.: Dr. Siegm. Werner. Buchdruckerei „Industrie" (S. Bergmann) VIII., Schlöffelg. 1l

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