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Die Welt · 1899-03-10 · 10 (10.3.1899) · p. 14

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
10 (10.3.1899)
Article
Wien [Nachricht]
Date
1899-03-10
Page
14 (sequence 2)
Language
German
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Seite 14 „Die H seines letzten Vortrages ist: „Die Einsetzung und Bedeutung des Sabbaths. Gäste (Damen) willkommen. 1L, Tempelgasse. Tempelgebäude, S Uhr abends. Wien. (J ii d.V ereinig ung„J o r d a ni a“). Am Montag <>. d. fand bei grosser Betheiligung seitens der Mitglieder und anderer Vereine ein Discussionsabend statt. Anschliessend an das von Dr. J. W. Marmorek besprochene Thema: „P o 11 i k i m J ude n t h u nv‘. Redner suchte die allgemein bekannte Erfahrung zu erklären, dass die Juden in neuerer Zeit auf ihre Nationalität sich besonnen haben, was durchaus nicht als Verdienst der nationalen Strömung allein anzusehen sei. Die liberale Partei machte es so, wie man in Russland die Bären fängt, indem man ein mit Blut bestrichenes scharfes Messer in den Schnee steckt, woran sie verbluten — so lag die Gefahr für uns Juden nahe, an der Assimilierung, diesem zweischneidigen Schwerte, leckend, uns zu verlieren und allmählich zugrunde zu gehen. Doch wir kamen noch rechtzeitig zu Besinnung und Selbstbewusstsein. Auf diesem Wege kam der Vortragende allmählich auf den Zionismus zu sprechen, auf dem die Zukunft des Judenthums beruhe. Jeder Nationaljude muss zugleich Zionist sein, gleichviel welchem Staate er als Unterthan angehört. So gut wie die patriotisch-dynastische Treue der Polen. Magyaren, Czechen u. s. w. nicht angezweifett wird, so soll auch das jüdische Nationalgefühl kein Hindernis bilden, dem Staate, dem wir gegenwärtig angehören, treue Dienste zu leisten. Das einigende Band aller Juden des Erdenrunds sei die gleiche Vergangenheit, ihre Geschichte, ihre Nationalsprache und Literatur, wie auch die nationale Hoffnung. Nach Schluss des Vortrages erscholl stürmischer Applaus, und der Vorsitzende ertheilte nach kurzer Pause Herrn Hofrath Dr. Kar eis das Wort zur Entgegnung. Der Zionismus, meinte er, sei nur zu acceptieren als Auskunftsmittel für die vielen „Ueberzähligen“ in Galizien etc., sie in Colonien unterzubringen, doch jene, die in Europa und anderwärts Zurückbleiben wollen, mögen sich gleich ihm ihrer Haut wehren, und mit Spinoza erhoffe er eine Zeit, in der die Ethik zur Weltreligion erhoben, die sittlichen Kräfte im socialen Leben allgemeine Geltung und Anerkennung finden werden. Dies dürfte die erhoffte messianische Zeit sein, in der es nur eine einige Menschheit, wie eine Gottheit geben wird! Darauf wies Dr. Marmorek in einer schneidigen Replik auf die bekannte Stelle im Theol.-polit. Tractat Spinozas hin, der nicht daran zweifelt, dass die Juden dereinst wieder ihr Reich erhalten, —- notabene wenn die Mächte über einen modus vivendi mit den anderen Nationen sich einigen würden. Socialdemokrat Bauer erklärte sich als Zionist, doch nur dann, wenn im „Judenstaat“ nach der biblischen Lehre der Capitalismus nicht zur Suprematie gelangt, indem die socialdemokratische Partei — ungleich der liberalen — die Pforte geöffnet und auch den Juden die gewünschte Freiheit in gleicher Weise gewährt. Letzteres wird von Herrn Gros s, W e i s senberg u. a. an gez wer Leit. Die Reihe der Redner beschliesst Herr L e der er, derHrn. B au er beipflichtet, doch in versöhnlichem Sinne spricht, so dass diesmal zwei Lager sich bildeten — ohne dass es deshalb zu einem Streite kommen musste. —n. Kolomea. Im eleganten und grossen Saale der Kolomeaer Sparcasse versammelte sich eine ca. 1500 Köpfe zählende Menge — der jüdisch-nationale Verein „Beth Israel“ feierte die alljährliche Purimfeier. Nach einer Begrüssung von Dr. Rosen heck ergriff das Wort zur Tendenzrede die unermüdliche, nichtruhende und aufopfernde Vorkämpfer in der Frauen in Galizien, das speciell aus Tarnopol eingeladene Fräulein Rosa Po m er an. z. Mit einer Klage über das Leid der Juden begann sie, mit einer starken Anklage führ sie fort, und mit einer unübertroffenen, nie gehörten, überzeugenden und durchdringenden Darstellung des Zionismus schloss sie. Einen ganz hervorragenden Theil in der Rede nahm die Frauenbewegung ein; sie schilderte so anmuthig, so kräftig und ins Herz dringend die Notliwendigkeit des Eintretens der Frau in die Bewegung, dass sich niemand der Gewalt ihrer Rede entziehen konnte. Ein stürmischer Applaus begann nach der Rede, der nicht enden wollte. Audi die anderen Mitwirkenden passten sich der vortrefflichen Rede an. Frl. Rosenkranz aus Snyatin declamierte wunderbar hebräisch, die jüdische Musikcapelle, vom Kapellmeister Hirom dirigiert, spielte hübsche jüdische Lieder und das Ahasver-Potpourri und der Volksdichter H. Buxenbaum gab zwei jüdische Monologe zum besten. Nach der Feier fand im Restaurant Luttwak zu Ehren des Gastes Frl. Pomeranz ein Festcommers statt, der einen glänzenden Verlauf nahm. Basel. Samstag den 25. Februar gab der Verein „Jung- Zion“ der Baseler Judenschaft ein Fest, wie es die Baseler Judengemeinde noch nie erlebt hatte. Die oberen Säle des Welt“ Nn 10 Stadtcasinos, in welchen der erste Baseler Zionistencongress stattfand, war überfüllt mit festesfreudigen, geschmückten Herren und Damen. Wohlwollende Ironie spielte vor Eröffnung des Festes sich auf den lächelnden Gesichtern ab, welche sehen wollten, was die handvoll junger Zionskämpfer zustande brächten. Aber die Ironie wurde rasch in wahre Freude und Begeisterung umgewandelt. Die Ansprache des Vereinspräsdenten Herrn Ed. Mezger, der die Ideale des Juden Volkes und die Wege ihrer Verwirklichung in beredten Worten schilderte, hatte einen ungeheuren Erfolg, und mancher, der vorher den Spott auf der Zunge hatte, wurde zu besserer Ansicht bekehrt. Einen nicht geringeren Erfolg hatte die satirische Localposse des Jung-Zionisten Fr. Arnstein. Das Stückchen verspottete die jüdische junge Damenwelt Basels, welche in jeder Weise gebildet, ja sogar gelehrt zu nennen wäre, wenn sie sich auch nur ein wenig mit Judenthum, jüdischer Geschichte und Literatur und jüdischen Tagesfragen beschäftigen wollte. Der Epilog zeigt den Weg der Versöhnung zwischen jüdischen Jünglingen und erst zukünftigen jüdischen Jungfrauen. Ohne die übrigen Mitwirkenden verletzen zu wollen, die alle ihre Aufführungen in schönster Weise dem sichtlich freudiggestimmten Publikum darboten, sei nur noch die bekannte Baseler Specialität „die Schnitzelbank“ erwähnt, die nie bei derartigen Gelegenheiten fehlen darf. Auch sie, die nur für Baseler Interesse haben dürfte, erzielte den gewünschten Lacherfolg. Der ganze Festabend, den ein grosser Ball beschloss, war ein ausgesprochener Erfolg. Der Verein „Jung-Zion“ aber darf stolz auf diesen Erfolg sein. G Zeitschriftenrundschau. Das zweite Heft der französischen zionistischen Monatsschrift „Le Flambeau“ hat alle die Erwartungen, die man schon nach dem ersten Hefte hegen konnte, nicht nur erfüllt, sondern übertroffen. Jacques B a h a r, der Gründer und Herausgeber dieser ganz ausgezeichnet geschriebenen Revue, hat unserer Bewegung ein Organ geschaffen, für das wir ihm aufrichtig dankbar sein müssen. Aus der Fülle des Gebotenen sei hervorgehoben: Der Artikel Nord aus „Die ausbeuterischen Juden" der in ausgezeichneter Weise den Vorwurf der Ausbeutung der Völker durch die Juden bespricht, ein Aufsatz Dr. Klugm an ns „Friedrich Nietzsche und die Juden", B a h a r s Artikel „Zionismus und Patriotismus", ferner die prächtige Besprechung der rabbinischen (Konferenzen des Grandrabbins und Seminar- Professors L e v y durch Pinchas („Rennen um das Judenthum"). Es ist vielleicht ein Unrecht, diese Artikel besonders zu erwähnen, denn nicht minder lesenswert ist der übrige Inhalt. Das Ganze ist augenscheinlich von einer geübten journalistischen Hand gemacht und mit besonderer Sorgfalt redigiert. Die zahllosen Aperyus, die glänzenden Mots zu übersetzen, durch welche sich einzelne Aufsätze auszeichnen, all die liebenswürdigen Bosheiten in einer kurzen Besprechung vorzubringen, welche die vernichtendste Kritik des Betroffenen in sich bergen, ist leider unmöglich. Wir können nur unsere Leser auf den „Flambeau" nochmcÜs aufmerksam machen und ihnen empfehlen, sich am Texte — und fast hätten wir die echt Bahar'sche Satire vergessen — an den Bildern dieser Monatsschrift zu ergötzen. Den „Yankees mosaischer Confession“ — es gibt auch solche Käuze — leuchtete dieser Tage die „Washington Times“, eines der gelesensten amerikanischen Tageblätter, in gründlicher 'Weise heim — nach Palästina. Vor kurzem erschien nämlich in dem genannten Blatte ein Artikel über den Zionismus, der zu dem Besten gehört, was bisher von christlicher Seite über unsere Bewegung geschrieben wurde. Es heisst darin u. a.: „Ein Theil der Presse unseres Landes unterzieht die unter unseren israelitischen Mitbürgern b estehende zionistische Bewegung einer scharfen Kritik. Einzelne Zeitungen behaupten sogar, die Idee, einen Judenstaat in Palästina zu gründen, sei eine Utopie, da doch die Juden in Amerika alle Staats!)ürgerrechte gemessen, und die Vereinigten Staaten sehr wohl als ihr Zion betrachten können. In unseren Augen stellt sich diese Begründung als die denkbar grösste Thorheit dar. Es ist wohl wahr, dass der amerikanische Jude wie der Methodist und Mennonit vollständige Religionsfreiheit geniesst und theoretisch jedes Staatsamt bekleiden kann, allein in Wirklichkeit hat unsere Republik diesen Grad der Unbefangenheit in religiösen Dingen noch nicht erreicht. Wenn z. B. heute Theodor Roseveit, der ein römischer Katholik ist, als Bewerber um die Präsidentschaft unseres Landes auf träte, so hätte er keine Aussichten, gewählt zu werden. Ebenso zweifeln wir, ob selbst der angesehenste und tüchtigste Jude es bei uns jemals so weit bringt, dass

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