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Die Welt · 1899-03-10 · 10 (10.3.1899) · p. 11

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
10 (10.3.1899)
Article
Paris / N. P. J.
Date
1899-03-10
Page
11 (sequence 1)
Language
German
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Nr. 10 „Die x£ Welt“ Seite 11 Paris. Esterhazys im „Daily Chronicle“ veröffentlichte Enthüllungen, namentlich jener Theil derselben, wo er davon spricht, dass er stets nach den Instructionen seiner Vorgesetzten vom Generalstabe gehandelt habe, hat grosse Sensation hervorgeruien. Die revisionsfeindlichen Blätter gehen allerdings über die Enthüllungen hinweg oder bezeichnen dieselben bestenfalls als Aufwärmung alter Geschichten. Dafür nehmen die anderen Journale die Enthüllungen für sehr ernst. Der „Figaro“ erinnert daran, dass Esterhazy diese Mittheilungen unter Eid abgab, sich somit für den Fall des Meineids schweren Strafen aussetzte. Esterhazys Mittheilungen, sagt das Blatt, sind von höchstem Interesse. Man muss sie lesen und wieder lesen und nur wünschen, dass trotz der Beeidigung Esterhäzys das Ganze nichts sei als ein Gewebe von Unrichtigkeiten. Der „Happel“ ruft jene Stelle von Zolas offenem Briefe an Faure: „J’accuse“ ins Gedächtnis zurück, worin Zola das zweite Kriegsgericht beschuldigte, dass es die von dem ersten Kriegsgerichte begangene Ungesetzlichkeit auf höheren Befehl gedeckt hab e. Esterhazy, sagt der „Rappel“, klagt nun klipp und klar Boisdeffre, Gonse und Pellieuix an, dass sie mit dem stillen oder ausdrücklichen Einverständnisse Billots jene ungeheuerliche Intrigue angezettelt haben, welche mit der Freisprechung Esterhazys endete. Milierand in der „Lanterne“ will nicht das Beispiel der gegnerischen Journale nachahmen, welche Esterhazy noch vor kurzem glorifieierten und heute verachten. Er glaubt heute ebensowenig wie gestern, dass man die Worte desselben als Evangelien anseh en solle. Aber gewisse, mit Namen, Daten und Documenten versehene Behauptungen Esterhazys werde man doch auf ihre Wahrheit prüfen müssen. Schon die, wenn auch in noch so milder Form erfolgte Disciplinarbehandlung Patys zeige, dass Esterhazy doch nicht lauter Fabeln erzähle. — Der „Radical“ glaubt jetzt an die Möglichkeit, dass die wahren Schuldigen in die Fallen stürzen werden, die sie anderen gelegt haben, was vielleicht traurig für die Gewalten, aber gut für die Moral sein werde. Giern enceau ruft in der „Aurore“ aus, das Dossier Billot wird sich machen. Zu einem eigenthümlichen Schlüsse kommt der „Gaulois“. Er meint, Esterhazys Enthüllungen zeigen, dass der Generalstab, um einen Soldaten zu retten, vor keiner Verantwortlichkeit zurückweiche. Es sei darnach unglaublich, dass solche Menschen, welche den „Esprit de corps“ so hoch stellen, einen der ihrigen, den Capitän Dreyfus, grundlos verurtheilt hätten. Cassagnac drängt in der „Autorite“ auf die Rückkehr Dreyfus', dessen Anwesenheit und directes Verhör unerlässlich sei. N. P. J. England. London. Sir Francis Monte f io re sprach im Norden von London über die jüdische Colonialbank. Es ist dies das viertemal, dass er innerhalb zweier Monate in Versammlungen sprach. Er gieng sehr ins Detail über alle Angelegenheiten der Bank und erklärte selbe als ein vornehmes Werk, durchaus auf gesunde kaufmännische Grundsätze basiert, total unähnlich den versumpften Gesellschaften, von denen mehrere am lautesten ihr absprechendes Uriheil über die Bank ah gaben. Er werde Bankactien zeichnen uud hoffe, dass jeder Jude das Gleiche thun werde. — Sir Albert S a s s o o n ist zum Parlamentsmitgliede gewählt worden. Sein Gegner war ebenfalls ein Jude, namens Israel Hart, ein Liberaler. Es ist unwürdig, dass die Juden im Parlament auf der conservativen Seite sitzen, trotzdem die Regierung sich in Verhandlungen über die Einwanderungsfrage einliess.—In der vergangenen Woche ist der Zionismus in der Hardwiek e-Gesellschaft, welcher nur Rechtsanwälte angehören, besprochen worden. Die Pro-Zionisten siegten in der Debatte. Die Gesellschaft besteht fast durchgeheuds aus Nicht-Juden. G Allerlei Nachrichten. Eine moralische Ohrfeige hat die vierte Kammer des A pp e 11 h o f e s in L yon dem St. E t i e n n e r G e r i c h t e appliciert wegen eines Passus in der Urtheilsbegründung gegen den Verleger und Geranten des „Antijuif**, worüber wir vor einiger Zeit berichteten. In dem Urtheile war die Rede von einer Campagne gegen die Armee durch ein „Syndicat des Verrathes“ behufs „Rehabilitierung des Verrathes“, und dazu bemerkt mm das Lyoner Gericht: „dass ein Urtheil sich in seiner Motivierung nur mit der Sache selbst beschäftigen dürfe; dass die Richter sich zu hüten hätten, ihre politische, sociale oder religiöse Meinung zu äussern, namentlich wenn dadurch Personen, die mit dem vorliegenden Rechtsfalle gar nichts zu thun haben, getroffen werden; dass aber das erste Gericht seine Meinung über eine Angelegenheit geäussert, die einer anderen Instanz zur Beurtheilung vorliegt, und es überhaupt ein Unrecht war, seine Meinung auszusprechen in dem ernsten Conflicte, der leider Frankreichs Bürger in zwei Lager getheilt und das Land in Aufregung hält.“ Es wird jetzt vielfach hervorgehoben, wie der verstorbene Präsident Faure bedeutende geschäftliche Beziehungen zu grossen jüdischen Leder- und Fellgeschäften, namentlich in Hamburg und Altona, hatte, und wie er noch als Präsident der Republik in freundschaftlichem, brieflichem Verkehr mit den betreffenden Chefs gestanden; auch dass diese bei der Leichenfeier persönlich anwesend waren oder sich vertreten Hessen. Umso bezeichnender ist die Stellungnahme des Verstorbenen in der Dreyfus-Affäire. Ueber Deroulede wird, berichtet, dass er im Jahre 1870 in Breslau als Kriegsgefangener interniert war und in der Verkleidung eines — polnischen Juden nach Frankreich entfloh. Eine Ironie des Schicksals, die Deroulede den Juden noch heute nicht verzeihen kann. Ein merkwürdiger Unterschied besteht in Preussen bezüglich der jüdischen Seminaristen und den bereits in Stellung befindlichen jüdischen Religionslehrern. Während erste re nach Ablegung ihres Abiturienten-Examens genau wie ihre christlichen Collegen behandelt werden mit Bezug auf die verkürzte militärische Dienstzeit, müssen die Lehrer ihre vollen zwei Jahre -übdienen. Durch geeignete Vorstellung heim Reichskanzler hofft man diesen durch nichts begründeten Unterschied in der Behandlung zu beseitigen. In Leipzig verweigerte ein Militärverein einen ausgedienten Soldaten die Aufnahme. Darob Trauer und Wehklagen im Lager der — dermalen. Das vornehmste Organ der Partei, die „Köln. Volksztg.“, schreibt über den „Fall“, dass, wenn ein derartiges Princip einmal acceptiert würde, man dann sehr bald auch die Katholiken in den überwiegend protestantischen Landestheilen ebenso behandelt werden, wie die Juden. Der Fall ist nämlich umso „interessanter“, als die „Deutsche Tageszeitung“ die Zurückweisung damit motiviert, dass die Voraussetzung echter Kameradschaftlichkeit das gleiche Religionsbekenntnis sei. Bezüglich der mehrfach erwähnten Verordnung des preussischen Unterrichtsministers, diejenigen jüdischen Lehrer betreffend, welche an einem Cnrse im Obst- und Gartenbau theilzunehmen willens sind, hat der Minister auf eine Anfrage hin den Bescheid ertheilt. dass die Theilnehmer 8 Marie Diäten per Tag, sowie freie Hin- und Rückfahrt in (lasse Eisenbahn erhalten. Der Name des Initianten der ganzen Angelegenheit ist Katz. Derselbe ist Dirigent des jüdischen Waisenhauses in Rybnik, Oberschlesien, und hat sich durch seine Anregung ein grosses Verdienst erworben. Dass die Oberbehörde in Berlin sich des vernachlässigten jüdischen Religionsunterrichtes angenommen, haben wir früher bereits erwähnt. Nun kommt, wie aus Petersburg berichtet wird, „die heilige Synode“ und will ein Gesetz erlassen, das den Juden die christlichen Festtage zu feiern verbietet. Jüdische Geistliche verlegen den Sabbath auf den Sonntag und christliche verbieten es. — Verkehrte Welt das! In Moskau wurde ein Jude wegen betrügerischen Bankerotts in Untersuchung gezogen und verurtheilt, obgleich er gelten d,machte. dass ihm in folge der Juden ausweisung plötzlich aller Credit abgeschnitten worden sei. Die obere Instanz cassierte das erste Urtheil und sprach den Angeklagten frei

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