Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 10 (10.3.1899)
- Article
- Rudyard Kipling
- Date
- 1899-03-10
- Page
- 10 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 10 „Die A Welt44 Nr. 10 an Lungenentzündung erkrankt war, heute gestorben sei. Die jüngere Tochter Kiplings ist ebenfalls erkrankt. Eine interessante Wette. „Patrie“ erzählt, Dupuy habe mit dem Deputierten Binder gewettet, die Affaire Dreyfus werde am 20. März beendet sein. Mit Rücksicht auf die jüngsten Ereignisse habe Binder eine Prolongation angetragen, was Dupuy mit den Worten: „Es sei, ich acceptiere auf zehn Tage", annahm. Drumont über Beaurepaire. Beaurepaire erhält in der „Libre Parole“, als von befreundeter Seite kommend, folgende Würdigung aus der Feder Drumonts: „Beaurepaires Buch („Panama und die Republik“) gibt uns keinen sehr hohen Begriff von dem Verfasser. Das ist ein Leben, das seine schönen Seiten, aber auch recht hässliche Capifcel hat. Das ist das Buch eines Mannes, dessen moralischer Sinn sich etwas verwischt hat.“ Die neueste Dreyfusfrage. Im Londoner East-End ist gegenwärtig folgendes Scherzwort im Umlaufe: Frage: Wie tief ist Frankreich gesunken? — Antwort; Drei Fuss (Dreyfus). G Correspondenzen. Oesterreich-Ungarn. Wien. Man war allgemein der Ansicht, dass die neue Wahlgeometrie der Antisemiten, die mit der Wahlreform für denniederösterreichischenLandtageinenbesonderen Erfolg zu erringen gedenken, das Amüsanteste sei, was in den verehrlichen Landtagen für die Juden geleistet werden würde. Amüsant deshalb, weil es die ganze Verschrobenheit der jüdischen Führer ins hellste Licht setzt, wenn man von ein Paar Landtagsmandaten das Wohl und Wehe der Juden abhängig macht. Darüber kann man nicht mehr in Zorn gerathen, ein solches jämmerliches Gethue weckt bereits das befreiende Lachen und amüsiert. Mit diesen Kleinkrämern der Anfangsgründe aller Politik zu rechten, fällt uns gar nicht ein. Sie würden es nicht einmal verstehen, wenn man ihnen klar zu machen suchte, dass selbst diese schließlich nicht allzu empfindlichen Schläge auf das Conto ihrer ingeniösen Führung zu setzen seien. Sie werden auch ruhig ihren alten Weg fortzutrotten versuchen, bis irgend ein großer Stein sie stolpern machen und vielleicht darüber belehren wird, dass diese Straße vielleicht doch nicht recht gangbar sei. Da sind die umsichtigen Führer der mährischen Juden doch andere Leute! Sie gehen in vollem Bewusstsein ihrer Verkehrtheit bis ans Ende. Wird da z. B. ein Landesansschussmandat durch den Tod des berüchtigten „Liberalen" Prowber frei. Man kennt die Thütigkeit dieses Mannes, welcher ein Abgott der gewissen Deutfcheu jüdischer Cvnfession war. Wir brauchen auch kein Wort darüber zu verlieren. Nun wurde da und dort der schüchterne Wunsch im deutschen Lager mosaischer Cvnfession laut, den langjährigen Ersatzmann Dr. Merores, der sich unendlichen Demnthigungen unterzogen hatte, nm seine deutsche Rolle durchznsnhren, an Stelle P r o m b e r s zu wählen. Natürlich geschah das nicht. Denn Dr. Merores war — hm — war zu „über b ürd et" und verzichtete freiwillig auf eine Ehre, die ihm sicher nicht zutheil geworden wäre. Diese Bescheidenheit wird ihm gewiss von den Deutschen jüdischer Confessivn hoch angerechnet werden. Sie passt so ganz in die schauerliche Verwirrung hinein, welche in den Köpfen und Herzen unserer Brüder durch die wahnwitzigen Excesse der Assimilations-Politik angerichtet wurde. Sie ist die nothwendige Vorbedingung, die zu Exemplaren ä la Dr. Stransky führt, der wenigstens seinerseits alle Konsequenzen aus seinem czechischen Chauvinismus zieht. Wenn sich dieser getaufte Jude gegen die Gewährung eines hypothekarisch sichergestellten Darlehens für die Olmützer Cultnsgemeinde wendet, so ist diese, gelinde gesagt, Geschmacklosigkeit derselben Seelengröße entsprungen, die Dr. Merores zu seinem Verzicht bewegte. Ob Deutsche oder Czechen jüdischer Cvnfession, sie haben sich wirklich gegenseitig nichts vorzuwerfen. Das jüdische Volk in Oesterreich aber mag sich gratulieren zu den Obersten, die es sich selbst gesetzt oder deren Vordringlichkeit es nicht rechtzeitig gebürend zurückzuweisen verstanden hat. Deutschland. Freiburg i. Br. Vor kurzer Zeit hielt im hiesigen Mendelssohn-Verein Rabbiner Dr. L e w i n einen Vortrag über den „Widerstreit des Religiösen und Nationalen im Judenfchum“, womit auf „wissenschaftliche“ Weise dem Zionismus der Tod bereitet werden sollte. Wenn auch nur die „ollsten Kamellen“ aufgetischt wurden, so war die Darstellung doch ein Muster von Geschichtklitfcerung. Die Methode ist einfach : man nennt halt alles, was dauernd und gross ist in unserer Vergangenheit, religiös; der Rest ist national! Wenn Jesaja das Recht der Armen vertritt, so ist das religiös; wenn die grossen Latifundien-Besitzer die „kleinen Leute“ ausbeuten, das ist national! Und so fort mit Grazie in infinitum. Soweit wäre die Sache ganz unverfänglich, denn der Vortrag war so gehalten, dass wohl nur wenige etwas mit nachhause trugen. Nun kam die Discussion. Mit grandioser Geberde warf ein Herr dem Zionismus den Fehdehandschuh hin. Als aber darauf erwidert wurde, fieng der Vorsitzende durch allerlei Liebenswürdigkeiten : „Sie sind hier nur Gast, Sie haben uns nicht zu belehren“, den Zionisten zu unterbrechen an. Und als dieser vollends zu entwickeln anhob, dass der ursprüngliche Begriff* des jüdischen Nationalgottes sich zum Weltengott entwickelt hat, den ja auch das Christenthum verehre, und dass somit im Judenthum noch vieles specifisch sein müsse — nicht nur in Formalien — wenn es ein Recht auf eine Soliderexistenz haben will, da wui de mittendrin dem Redner unter* dem stürmischen Protest der* Versammlung das Wort entzogen. Und der Herr Rabbiner hub an, wie ein an geschossener Löwe „in seiner Eigenschaft als Seelsorger“, vor dem Zionismus, der zur Taufe führe, zu warnen. Und nicht genug damit. Er sandte seine Kassandrasclireie auch in die „Isr. Wochenschrift“ — und das erstaunte die Judenschaft dahier gar sehr, hat doch der Rabbiner in seelsorgerischer Weise sich bemüht, auf die Cuitur und die Erziehung der Leute vom Osten der Elbe weidlich zu schimpfen und den in Süddeutsehland leider herrschenden Hass gegen Preussen — die Reichsverdrossenheit — auch in seiner „Herde“ zu stärken. — Nun wir haben es nicht nötliig, den Gedanken ' abzuwehren, als stünden wir dem Taufbecken schon so nahe. Herr Klausner hat seinem Berichterstatter gleich heimgeleuchtet. Wir wollen das Judenthum wieder gross und stolz machen, in den sterbenden Leib wollen wir neues Leben giessen, dass nicht mehr gute Söhne sich von ihm abwenden — aus Ekel vor dem weihelosen, mumienhaften „Kirchenjudenthum“. Was hassen den die Protestler so wild am Zionismus? Das Ziel — mit nichten : trotz der ganzen Bitternis, die ihnen ihre selbstgeschaffene, wesenlose Situation jeden Tag neu stärkt, haben sie noch ein Mitgefühl für ihre Glaubensgenossen, Was sie aber nicht verzeihen können — das ist unsere Bewegung. Zwanzig Jahre Icing hat der hiesige Rabbiner gearbeitet, den Indifferentismus grosszuziehen, durch die Sanctionierung sinnlosester Reformen (Verbot, am Sabbath den Gebetmantel in der Synagoge zu benützen, Aufstellung des Caiitors dem Publicum zu gerichtet wie im Concertsaal u. s. f.) das Gemeindeleben zu zertrümmern. Und nun kommt der Zionismus! Und wenn er auch, noch nicht Sieger ist, er wühlt auf die Entschlossenen zur Mitarbeit, die Trägen zur Bewegung, alle aber die er auf seinem Zuge berührt — zum Nachdenken über das Judenthum und zum Studium seiner Gegenwart und Vergangenheit. Und. das können die Herren Protestrahbiner uns nicht verzeihen. Frankreich Paris, <>. März. Die vereinigten Senate des Cassations- Iiofes unter dem Vorsitze Mazeaus bestimmten Ballot- Beaupre zum Berichterstatter über das Revisionsbegehren im Proccsse Dreyfus. Der Berichterstatter ist der Nachfolger Beaurepaires als Präsident der Civilkammer. Wie man versichert, wird die öffentliche Verhandlung im Revisionsverfahren nicht vor dem 20. April stattfinden. Paris, G. März. Der Cassationshof suspendierte den Richter Grosjean wegen seiner Intervention in der Dreyfus- Affaire auf zwei Monate. Untersuchungsrichter Pasques verhörte heute in der Affaire Ddroulede den Obersten und einige Soldaten des 82. Infanterie-Regiments,