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Die Welt · 1899-03-10 · 10 (10.3.1899) · p. 8

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
10 (10.3.1899)
Article
Das jüdische Proletariat in Frankreich
Date
1899-03-10
Page
8 (sequence 2)
Language
German
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Sette 8 „Die Welt“ Nr. 10 waren, Apfelsinen u. s. w. Dieser Handel bringt sehr wenig ein, ungefähr zwei Francs per Tag, wahrend die Löhne in den obgenannten Berufen im Durchschnitt Frcs. 3.50 für Mann er und Francs 1.25 für Frauen betragen. Die Ursachen des außerordentlichen Elends des jüdischen Proletariats findet Herr Pottier, abgesehen von den niedrigen Arbeitslöhnen, in der großen Zahl der Kinder, den so hohen Preisen der Lebensmittel nach dem jüdischen Ritus, besonders aber in der Ausbeutung des jüdischen Arbeiters durch den jüdischen Arbeitgeber. „Der arme Jude, der sich vor dem Ausnahmeregime flüchtet, das in gewissen Ländern herrscht und ihn zum Sclaven erniedrigt, kommt in Frankreich an, ohne unsere Sprache zu kennen. Erstaunt und beunruhigt nimmt er ohne Bedenken die Vermittlung der Anwerber für jüdische Werkstätten in Anspruch, die man als wahre Sclavenhändler bezeichnen kann. Dann ist er gefangen, and die Kette des Elends hält ihn solange fest, bis er sich ungefähr mit der französischen Sprache vertraut gemacht hat. Später wird er vielleicht selbst der schändliche Ausbeuter, der vom Schweiße seiner Glaubensgenossen lebt. In London haben die jüdischen Arbeitgeber, die oft sehr reich sind, ungeheure Werkstätten eröffnet, in Paris sind ihre Hilfsquellen viel geringer. Man arbeitet in kleinen, allen Vorschriften der Hygiene hohnsprechenden Gelassen. Sieben, acht, ja zehn Arbeiter sind in einem Raume zusammengepresst, in dem eine furchtbare Atmosphäre herrscht, und der oft gleichzeitig als Wohngemach dient. Die Eltern und Kinder schlafen zusammen auf elenden Strohschütten oder halb verfaulten Matratzen. Die Nahrung besteht fast ausschließließlich in einer Suppe aus Maisgries, geräucherte Häringe bilden die einzige Abwechslung, von Getränken allenfalls Thee. Dieses Elend hindere indes den Pariser Juden nicht, sich für wissenschaftliche Studien zu interessieren und seine Kinder in die Schule zu schicken. Es sind hier gewisse Schulen fast ausschließlich von jüdischen Kindern besucht, besonders in dem Viertel vom Stadlhause bis zur Bastille. So zählt die Schule der Rue des Hospitalibres 350, die der Rue des Toumelles 315, die der Rue des Vosges, (Mädchen) 345, die der Place des Vosges 110 jüdische Zöglinge. Die meisten jüdischen Schülerinnen zählt die Schule der Rue des Hospitalieres, nämlich 879." In Paris ist das jüdische Proletariat sesshaft und neigt zur Verschmelzung mit der französischen Bevölkerung hin, denn die Kinder profitieren hier von den Wohlthaten des öffentlichen Unterrichtes, und die Söhne dieser ein gewanderten fremden Juden steigen eine Stufe auf der socialen Leiter empor. Sie werden bessere Handwerker, Eommis und Angestellte. Einige bringen es zu einem gewissen Reichthum, andere dagegen bilden ein besonderes Proletariat, das Proletariat in Gehrock und Eylinder, das sich allen Nachforschungen der Stalistik entzieht, weil es sich verbirgt. Der Verfasser führt sodann aus, dass der Zionismus sehr viele Anhänger unter den Pariser Juden zählt, dass aber anderseits die weitaus größte Zahl derselben sich dem Soeialismus in die Arme wirft. Es existiert hier eine jüdische Socialistengruppe, die genau dasselbe Programm wie die französischen Eollectivisten verfolgt. Dieselbe besitzt eine kleine Bibliothek, in der sich die Arbeiter abends versammeln, um die Zeitungen zu lesen. Ein besonderes publicistisches Organ haben sie indes noch nicht zu ihrer Verfüllung. Der Typus des orthodoxen Juden, der die Sabbathruhe einhält und sich in die Lectüre der Bibel vertieft, verschwindet in Paris noch schneller als anderwärts. Die Pariser jüdischen Arbeiter feiern fast nur am 1. Mai, aber orthodoxe wie moderne Juden sind hier in ihrem Hasse gegen die großen Financiers, ihre Glaubensgenossen, einig. So ließ sich ein jüdischer Socialist Herrn Pottier gegenüber folgendendermaßen vernehmen: „Den Großen, den Rothschilds und den anderen kann man nicht beikommen, wir allein sind es, die alles zu erleiden haben. O! Diese Financiers sind ausschließlich daran schuld, dass man die Juden hasst, und sie haben uns das größte Leid zugefügt..." * Tridiillk. Air unsere Stamme»- uud Rrligronsgenossen in alle« österreichische« Landen! Ein großer Schatz unerschöpflicher Lebensweisheit und wissenschaftlicher Einsichten einerseits, eme unendlicheFülleschöner Dichtung voll großer, herzveredelnder Gefühle und poetischer Lebensanschauungen andererseits sind in der Literatur unserer altehrwürdigen hebräischen Sprache enthalten, deren Pflege in den sogenannten civilisierten Landern leider Gottes von Tag zu Tag zu immer größerem Schaden des Judenthums und unserer Jugend abniwmt. Man kann es nicht leugnen, dass jene tiefe Pietät, welche in den Zeiten vor der sogenannten Emancipation im Herzen Der Kinder gegen ihre Eltern und gegen die Alten überhaupt den weitesten Raum einnahm, immer mehr im Schwinden begriffen ist, dass aber auch das Selbstbewusstsein, welches in der Kenntnis der Geschicke großer Vorfahren und heldenhafter Geister der eigenen Nation seine unversiegbare Kraft schöpft, dass — das nationale Bewusstsein infolge Mangels der Kenntnis der eigenen Stammesgeschichte einer erschreckenden Muthlosigkeit und einem öden Jndifferentismus Platz gemacht hat. Indem man einerseits die Köpfe der Fugend mit viel sogenanntem elassischem Wissen füllt, lässt man ihre Herzen leer von der Begeisterung für die Großthaten des eigenen Stammes, der Aufopferungen und Siege, wovon die jüdische Geschicyte fo reich an glänzenden Beispielen ist. Da man der Jugend nicht die geeigneten geistigen Waffen zur Vertheidigung ihres Stammesbewusstseins gibt, so muss mau sich nicht wundern, wenn sie, ungerüstet den abscheulichen Verleumdungen des Judenstammes und der Verachtung Uebetwollender ausgesetzt, sich selbst des Judenthums schämt, Das auch sie nicht kennt und nwrauf sie stolz wäre, wenn ihr seine Geschichte nicht fremd wäre. Das soll anders werden! Der vom hohen k. k. Ministerium des Innern für gam, Oesterreich genehmigte „Allgemeine hebräische Sprachverein", Hai sich zur Aufgabe gesetzt, möglichst unentgeltlich Lehrcurse nach praktischen Methoden zur Erlernung der hebräischen Sprache zu errichten, nach Thunlichkeit die Herausgabe von geeigneten Lehr- und Lesebüchern zu veranstalten, wobei durch ein besseres, weniger zeitraubendes System günstige Lehrerfolge erzielt werden sollen. - Der „Allgemeine hebräische Sprachverein" hat auch die Errichtung einer Lehrerbildungsanstalt ins Auge gefasst, um den überall sich'geltend machenden Abgang geeigneter zielbewusster Fachlehrer zu beheben. Man braucht in nichts der allgemeinen Bildung zu ver geben, man braucht durchaus nicht auf die Errungenschaften der Eivilisation zu verzichten und man kann doch seinem Stamme und seiner Geschichte treu bleiben und die edlen Geistesfrüchte großer eigener Denker und Dichter in der schönen Form, in der stammeseigenen wohllautenden Sprache genießen. Der „Allgemeine hebräische Sprachverein" untersteht der Aussicht des Vereines „Erez Israel" in Wien, der sich seiner um sa liebevoller annimmt, als er in demselben ein die Einigkeit der gesammten Volksglieder kräftigendes Band erblickt. Verehrte Stammes- und Glaubensgenossen! Wer immernoch unter Euch ein Fünkchen von jenem verklärten alten Hebräergeiste in sich hat, wird zu diesem wahrhaft großen uüd nutz bringenden Ziele beizutragen sich als eine gute That anrechnen, die jedermann eine edle Genugthuung verschafft. Man kann schon mit einem Mindestbetrage von 1 Krone jährlich Mitglied des genannten Vereines werden, der beiweitem nicht die offi ciellen Kreise zu stören und den etwa von Cultusgemeinden besorgten Unterricht lahmzulegen vorhat, sondern im Gegentheile weite Kreise zum Studium der hebräischen Sprache und damit auch natürlich der jüdischen Geschichte und Literatur heranzuziehen und jene communalen Einrichtungen höchstens durch Förderung und wohlwollendes Mitarbeiten zu stärken beabsichtigt. Ganz besonders erwarten wir die Unterstützung und Förderung dieses Vereines seitens der Zionisten, zu deren Zielen und Bestrebungen die Pflege der Sprache und Geschichte der Nation doch nothwendig dazu gehört. Wer sich diesem Vereine als Mitglied anschließen will, hat nur mittelst einer Eorrespondenzkarte seine genaue Adresse und den Betrag in Kronen, mit welchem er sich an der Realisierung dieser Bestrebungen betheiligen will, anzugeben und diese Karten an einen der untenstehenden Vereinsgründer zu richten. Jedes beitretende Mitglied erhält noch im Laufe dieses Monates die deutsch und hebräisch abgefassten Statuten und natürlich die Jahres- und Rechenschaftsberichte seinerzeit zugesendet. Die Beiträge werden mittelst Postspareassenscheine eingezahlt. M. Friedmann, Dr. Leopold Kahn, Leetor, Hof- und Gerichts-Advoeat, II., Novaragasse Nr. 32. Wien, II., Obere Donaustraße 47, V Weltchronik. Der Zionismus im „Meyer“. Jene verschämt semitischen Tagesblätter, welche — nach dem Grundsätze: qui taeet, non consentire videtur — sich über den Zionismus mit erhabener Consecjuenz ausschweigen, haben es gleichwohl nicht zu verhindern vermocht, dass der Zionismus den Weg in die Oeffentlichkeit nehme. Auch im Repertorium der Zeitgeschichte, in Meyers Conversations-Lexikon, finden wir folgende Notiz : „Zionisten, ein jüdischer Verein, der die Schaffung einer rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina für das jüdische Volk erstrebt; die erste Anregung zur Be-

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