Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 10 (10.3.1899)
- Article
- Professor Dr. Th. Pilat über die galizischen Juden
- Date
- 1899-03-10
- Page
- 7 (sequence 2)
- Language
- German
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Gerte 7 Nr. 10 „Die Welt“ Pilat zu dem eigentlichen Thema. Die Anzahl der Juden wuchs seit dem Jahre 1869 von 575.433 auf 770.468 Seelen mvi Jahre 1890, d. h. von 1056 Percent auf 1H>8 Percent der . iesammtbevölkerung. Im allgemeinen constatiert Pilat, dasse gen war t i g der Z u w ach s kleiner wird. \ Während in dem Zeiträume 1869—1880 ihrer 111.173 zu- :;ekommen sind, wuchs ihre Anzahl im Decennium 1880 bis iS90. schon bloss um 83.972. Bei dieser Gelegenheit berichtigt Prof. Pilat die allgemein verbreitete Ansicht, als ob der im Verhältnisse zur nichtjüdischen Bevölkerung raschere .uiwachs der Juden eine Folge ihrer grösseren Vermehrungsi ihigkeit sei. Verhältnismässig werden seiner Meinung nach l icht mehr Juden geboren als Nichtjuden, die Sterblichkeit icr erster en hingegen sei eine kleinere. Es sei aber , u s de r giinstigeren S t erb 1 ic hkei t sz i ff er; 1) s o 1 u t nicht der oberflächliche Schluss u ziehen, dass die materielle Lage der Juden ine bessere als d i e d er a liderenBevölkerung ei. Die eigentliche Urs ache des günstigerem e r h ä 11 n i s s e s sei darin zu suchen, dass ihre Lebensweise im allgemeinen eine massige st, besonders aber, dass ihnen die Trunkucht fremd ist, da-ss sie ihre Gesundheit uss'ero rd en t li c h s c ho n e n und stets rasche, - achkundige ärztliche Hilfe . aufsuchen. Zum Aufenthalte der Juden in Galizien übergehend, stellt Pilat Lost, dass sie hauptsächlich die Städte und Städtchen cwohnen. In Lemberg und Krakau bilden sie 28 Percent, ii 21 Städten (auf 98) umhin 61 Städtchen (auf 321) mehr Is die Hälfte der Gesammtbevölkerung. Am dünnsten ist :ie jüdische Bevölkerung im Westen, wo bekanntlich im Lommer des Vorjahres die antisemitischen Unruhen ausbrachen. Aus Krakau u h d 19 anderen Bezirken andern die Juden - fortwährend aus. Veranlassung dazu geben die ungünstigen Existenzbedingungen. In den südlichen Bezirken V Ln gegen ist ihre Anzahl gewachsen; in denselben soll auch in meisten der Wucher^ blühen. Die Erwerbsverhältnisse önnen nicht genau dargestellt werden, da die Berufstatistik in Oesterreich und übrigens auch in den anderen taaten nicht nach dem Religionsbekenntnisse geführt wird. Ule diesbezüglichen Schlüsse können daher nur mittelbare ein. Ein gewisser Theil der Juden gibt sich geistigen berufen hin. Sehr gross ist ihre Zahl hauptsächlich unter len Advocatcn und Aerzfcen. >Seta wenige dienen in offentiehen Aemtern, mehr bei der Bahn- und Postverwaltung, oniger bei Gerichts- und Finanzämtern. Der Tabularbesitz der Juden betrug 1890 11*01 Percent des gesummten Tabularigent-hums und 13*20 Percent des privaten Besitzes. In dem ’aehterwerbe haben sie 18 Percent. Nur Christen, und zwar IS an der Zahl, pflegen meistens ihre Güter zu verpachten, ährend von den jüdischen bloss 65 Tabulargüter verachtet wurden. Daraus sei zu schliessen, dass die :uden selbständig ihre_Güter verwalten. Im Origen ernähren sich die Juden meistens, sowohl in den leinen Städten, wie auch in den Dörfern, vom Scliankoweihe und ihren Krämerläden, vom Mauth- und Küheachten, von Vermittelung in den verschiedensten Geschäften nd Dienstleistungen, besonders aber von Creditgeschäften, eiche letztere sie hauptsächlich als Nebenbeschäftigung etreiben. Da nun in einer jeden Gesellschaft nur eine, ewisse beschränkte Anzahl Individuen im Handel ihre hnährung finden kann, so ist leicht ersichtlich, dass die konomischen und ethischen Verhältnisse der galizischen ■uden keine erfreulichen Resultate aufweisen. Es mussten ahlreiche Wucherer entstehen. Aber auch die Lage dieser len sehen wird immer schlimmer. Nebst den Wuchergesetzen ewirkte dies noch die in neuester Zeit vor sich gehende Organisierung des Credites, so besonders im Westen: die Vorschusscassen, die Landbauvereine (Kölka rolnicze), die hristlichen Dorfhandlungen, die bäuerlichen Milcligesell- •-haften und die Productiv-Genossenschaften. Daher v erden täglich die Bedingungen für die ortexistenz der Juden schwieriger. Die Folge iessen sei, dass sie sich anderen Berufen werden zuwenden aussen. Die ethischen Grundsätze der jüdischen lassen werden auch unerträglich. Eigentlich hätte üe jüdische Intelligenz die Pflicht, diesen Heb eiständen abuhelfen. Das geschehe aber nicht. So werde in vielen Ly mnasien nicht einmal jüdische Religion 1 e 1 ehrt, da es keine jüdischen Religion s-; e ii r er gebe. Es sei daher die Gründung einer Rabbiner- <huie nothwendig. Offenbar meint Prof. Pilat ein Religionslehrer-Seminar, da doch für „Rabbiner“ durchaus keine Posten“ in Galizien bestehen, und es doch schwer angeht, dass absolvierte Rabbiner Religionsichrerposten bekleiden. Am grössten, meint Prof. P. weiter, ist der Hass gegen die Juden unter den breiten Massen der christlichen Landesbevölkerung. Damit müsse man rechnen! Dieser gleichsam latente Hass werde von den nach Popularität lechzenden Volksparteien mit Glück ausgenützt. Einen schlagenden und übrigens auch amtlich festgestellten Beweis habe man während der „Unruhen“ bemerkt. Tonangebend war hierin Stojalowski mit seinen Genossen. Hingegen seien die Geistlichkeit und die katholische Presse gegen die Unruhen aufgetreten. (?) Es hätten zwar in der Publicistik kleine (!) Entgleisungen stattgefunden, aber der Episcopat habe dieselben sofort aufs Strengste gerügt und laut bekannt gegeben, dass der Antisemitismus mit der kirchlichen Lehre im offenbarem Widerspruche stehe. Der Antisemitismus in Galizien habe übrigens keinen unmittelbaren Zusammenhang mit der analogen Bewegung in Niederösterreich, zwischen beiden bestehe nur eine indirecte wechselseitige Einwirkung. Um eine Sanierung der jüdischen Verhältnisse in Galizien herbeizuführen, ist es nach der Ansicht des Prof. Pilat unumgänglich noth wendig, die Juden auf andere Erwerbszweige zu lenken. Schwierigkeiten gebe es unbestreitbar sehr grosse. Ein Plan einer inneren jüdischen Colonisation (wie er im Fragebogen der „Enquete“ vorgeschlagen war) gewähre keine Aussicht auf grossen Erfolg. Es sei auch nicht opportun, der jüdischen Masse das Handwerk anzurathen, da sie einerseits schon gegenwärtig viele Arten desselben erfolglos betreiben, andererseits aber es eine erwiesene Thatsache sei, dass die Grossindustrie das Kleingewerbe verdränge. Auch das Bergwesen sei kein probates Mittel. Es bleibe daher nur die Grossindustrie, d a s F abrikswesen, übrig. Das sei nicht nur für die Juden noth wendig, sondern auch der christlichen Bevölkerung ungemein nützlich. Zweifellos seien auch hierin ungemein grosse Schwierigkeiten. Dieselben sollten aber, so ist der Wunsch des Prof. Pilat, von den reichen Juden des In-und Auslandes überwunden werden. Diese sollten vor allem sich der Sache annehmen und in ihren Etablissements ausschliesslich nur jüdische Arbeiter beschäftigen. Die Hilfsaction der Baron Hirsch-Stiftung sei eine minimale gewesen, da sie mehr einen wohlthatigen Charakter angen ommen habe. Es sei aber nicht zu leugnen, dass hingegen die Baron Hirsch-Schulen von sehr gutem Einflüsse seien und zahlreiche Erfolge aufweisen, ja sogar der christlichen Bevölkerung gewähren sie grossen Vorth eil, da sie gleichsam einen grossen Rivalisationskampf zwischen Juden und Christen hervorrufen. Zuletzt kommt Prof. Pilat nochmals auf die Ursachen der „Unruhen“ zurück. Sie seien vorzüglich auch infolge der ungemein schlechten Gemeinde-Organisation ausgebrochen. Dieselbe sei eine fast unerhörte. Der Zloczower Gemeindebezirk z. B. nehme 30, der Dolinaer sogar 46 Ouadratm eilen ein! Es sei daher unmöglich, , von drei Beamten der Bezirkshauptmannschaft zu verlangen, dass sie von ihrem Centrum aus über ein so immenses Gebiet eine gute Aufsicht führen. Es müsse daher auch diesbezüglich eine Besserung ein treten. Die Frage, ob die galizischen Juden eine eigene politische Partei bilden sollten, beantwortet Prof. Pilat, dass das seiner Ansicht nach geschehen könne; eine solche Selbstorganisation hätte den Vorzug der Ehrlichkeit, nur müsste sie ihren Sitz und ihre Leitung im Lande selbst haben, nicht von Elementen, deren politische Bedürfnisse oft ganz entgegengesetzte seien, beeinflusst werden. P Das jüdische Proletariat in Fraakreich. In der letzten Nummer der „Revue der Revuen" veröffentlicht Paul Pottier einen sehr interessanten Artikel unter dem Titel „Essay über das jüdische Proletariat in Frankreich", in dem er die Lage der israelitischen Arbeiter prüft und die Ursachen ihrer kläglichen Lebensverhältnisse auseinandersetzt, die er haupisächlich in der Ausbeutung der Armen durch ihre anderen Glaubensgenossen erblicken will. Nach des Verfassers Berechnung gibt es in Frankreich ungefähr 79.600 Juden, von denen 45.000 auf Paris entfallen. In der Provinz zählt die Umgebung von Naney die meisten Juden, nämlich 4467, und die von Bayonne die wenigsten, nämlich 2000. Die anderen Juden vertheilen sich auf folgende Haupteentren: Bordeaux, Lyon, Marseille, Epinal, Lille und Besanyon. Pottier zufolge gibt es in Paris ungefähr 20.000 jüdische Proletarier. Diese Ziffer beruht auf den Listen des jüdischen Wohlthätigkeitsbureaus der Rue Sainfc-Claude, aber man darf wohl annehmen, dass die jüdischen Proletarier noch zahlreicher sind, denn es gibt doch auch unter ihnen zahlreiche, schlecht bezahlte Arbeiter, die trotzdem niemals Unterstützungen erbeten haben. Die Pariser Juden sind besonders in folgenden Handwerken beschäftigt: Mützenmacher, Schneider, Schuster, Tischler, Pelz- und Kautschukwaren-Arbeiter. Viele treiben natürlich auch Hausierhandel mit Schuhschnüren, Spiel-