Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 10 (10.3.1899)
- Article
- [Ohne Titel] / Rosenberger, Erwin
- Date
- 1899-03-10
- Page
- 6 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 6 „Die Welt** Nr. 10 Literatur, und in der nächsten Spalte ist der geharnischte Aufruf, der die Rückkehr zum jüdischen Schrifttthume der Bibel stürmisch begehrt. Ahnungslos den bewundern, den man bitter hasst, im Nebel denjenigen kosend umhalsen, den man erwürgen möchte, das ist eine geradezu satanische Ironie. O, dieser angespuckte jüdische Geist weiss sich grausam zu rächen. Er umstrickt, wie mit gigantischen Polypenarmen ihren dünnen Geist, er gräbt seine tiefen Furchen in ihre Denkweise, wie das Seil in das Fleisch des Gefesselten, er dictiert ihnen seine Lebensregeln, er suggeriert ihnen, wie sie nach den Geboten seines, ihres Glaubens - Systems ihr irdisches Wandeln zu gestalten haben und gängelt sie so von der Wiege bis zur Truhe. Sie sind seine Feinde und müssen seine Sclaven sein . . . „Dich fesselt mein Gedankenbann „Und was ich dachte, was ich sann, „Das musst Du denken, musst Du sinnen, „Du kannst nicht meinem Geist entrinnen.“ Erwin Rosenberger. P Zur Cuttirrfrage. Wir erhalten vom Secretariate des Actionscomitös folgende Zuschrift: „Von mehreren Seiten werden wir verständigt, dass in orthodoxen Kreisen eine lebhafte Agitation gegen den Zionismus versucht wird. Man kennt jetzt schon die Leute, die mit ebensolcher Aufrichtigkeit an einem Orte das konservative Judenthum vor Neuerungen des Zionismus zu retten versuchen, wie sie anderswo den Freisinn gegen die anstürmende, reaktionäre zionistische Bewegung zu vertheidigen haben. Hoffentlich erfahren sie bei ihren Anbiederungen an die Chafsidim den entsprechenden Empfang. Um aber jede Zweideutigkeit zu vereiteln, sei hier auf die Schlussworte des Präsidenten am ersten Baseler Congresses hingewiesen: „Ich kann Sie versichern, der Zionismus beabsichtigt nichts, was die religiöse Ueberzeugung irgendeiner Richtung innerhalb des Judenthums verletzen könnte." Zu diesem autoritativen Ausspruche gesellen sich die Erklärungen Dr. Güsters am zweiten Congreffe beim Referate über die Culturcommission. „Der Zionismus muss nach allen Richtungen hin befriedigen, er muss nicht nur die ökonomische und politische, sondern auch die geistige Wiedergeburt des jüdischen Volkes anstreben, und er befindet sich hierbei auf dem Boden der modernen Cultur, an deren Errungenschaften er festhält.„Wir müssen uns aber dazu einverstehen, uns gegenseitig zu achten in unserer religiösen Freiheit, wir respektieren und wünschen die absolute individuelle Geistesfreiheit. Wir wallen dabei nicht gestatten, dass die Fackel des Wissens oder die Ueberzeugung des Glaubens einen Augenblick in unserer Mitte ausgelöscht werde." Man sollte glauben, dass diese Erklärungen genügen würden, um den Zionismus als eine alle religiösen und auch politischen Parteien umfassende Bewegung zu dokumentieren. Es wäre ja auch ein verzweifeltes Unternehmen, die Freisinnigen den Orthodoxen oder den Chassidismus dem modernen Jndenthume zu unterordnen. In dieser Hinsicht gab auch der Referent der Culturcommission Dr. Leopold Kahn in den Jänner-Conferenzen bindende Erklärungen ab. Demnach hat die Culturcommission, die fast ausschließlich die Correspondenz hebräisch führt, vorläufig nichts anderes unternommen, als den allgemeinen hebräischen Sprachverein zu gründen, in dem sie derzeit schon für die zionistischen Vereine und Studentenverbindungen Wiens hebräische Sprachkurse eröffnet hat, und das Wörterbuch zu edieren. Die Jänner- Conferenz fasste auch folgenden Beschluss: „Das Actionscomite nimmt den Bericht über die Geschäftsordnung der Culturconnniffion genehmigend zur Kenntnis und billigt, dass die Thätigkeit des gegenwärtigen Culturausschusses auf die Ausbreitung der Kenntnis der hebräischen Sprache und Verbreitung der jüdischen Literatur und Geschichte sich beschränke." Im Sinne dieser seiner Haltung zu den Culturarbeiten hat das Actionscomitö erst in den letzten Tagen der Jerusalemer Bibliothek des Dr. Chasanowitsch 300 Rubel gewidmet. Das Mitglied des Actionscomitös, Rabbi Rabbinowitsch aus Alexot, versendet in dieser Angelegenheit an seine orthodoxen Amtscollegeu ein Rundschreiben, dem wir folgende beherzigenswerten Stellen entnehmen: „Die Orthodoxen blicken auf die Culturarbeit argwöhnisch; sie befürchten, diese werde sich in Dinge der Religion einmengen und unter dem Deckmantel der Nationalität das traditionelle religiöse Gefühl schwächen.... Ich glaube, dass Sie mich nicht im Verdachte haben werden, die Nothwendigkeit der Kenntnis allgemeiner Wissenschaften nicht einzusehen. Auch der orthodoxeste Chassid weiß es, dass sein Sohn als ein Verirrter auf dem Lebenswege dastehen wird, wenn er ihm nicht das nothwendige Wissen vermittelt!... Wir müssen uns bei all unseren Worten und Thaten hüten, den Parteikampf heraufzubeschwören, und dürfen nicht nur keine Partei unterdrücken und ihr gegen ihren Willen neue, ihrer Denkweise fremde Begriffe aufdrängen, sondern es liegt uns sogar die Pflicht ob, eine jede Partei ihren eigenen Entwicklungsgang wandeln zu lassen." Rabbi Rabbinowitsch plaidiert nun dafür, die Agitation nicht in einförmiger Weise zu betreiben, sondern den einzelnen Volksschichten entsprechend zu modificieren. V Professor Dr. Th. Pilat über die galizischen Juden. Den Lesern der „Welt" dürfte noch in Erinnerung sein, dass im November des vorigen Jahres die „Oesterreichisch-israelitische Union" in Wien eine Enquete veranstaltete, deren Zweck es sein sollte, über „die ökonomische Lage der Juden in Galizien" zu berathen. Unmittelbare Veranlassung zu diesem Schritte gaben, wie ebenfalls bekannt, die im Vorjahre ausgebrochenen antisemitischen Unruhen. Zu der Enquete wurden alle (?) Kreise eingeladen. Die Berathungen und das Resultat derselben sollten ein Geheimnis bleiben. Nichtsdestoweniger sind aber hie und da einige Enunciationen mancher „Indiscreter" verlautbart worden. Die meisten jedoch erzählten nur allgemeine, jedermann bekannte Thatsachen. Jüngstens veröffentlichte wieder der Lernberger „Ruch katolicki" eine Artikelserie (in den Nummern 40 bis 45 des laufenden Jahrganges), worin nach einer genauen Inhaltsangabe die Aeusserungen des Lemberger UniversitätsprofessorsHofrathes Dr. Thaddäifl Pilat referiert wurden. Da Dr. Pilat gleichzeitig auch Director des statistischen Bureaus für Galizien und einer der besten Kenner des Landes ist, verdient manches aus dem Referate obigen Blattes wiedergegeben zu werden. In der Einleitung werden vor allem alle diejenigen Momente geschildert, welche gleichsam nothgedrungen bewirken müssen, dass Galizien keine bessere ökonomische Lage habe, wie -seine gegenwärtige ist. Galizien sei notorisch ein Agriculturland par excellence. Ein solches dürfe aber den Sättigungspunkt seiner Bevölkerung nicht überschreiten, sein Ueberrest müsse aus wandern oder andere Erwerbszweige aufsuchen. Nun ist die Gesammtbevölkerung Galiziens in dem Zeiträume 1869—1880 um 9 4 Percent, in den Jahren 1880—1890 um 10-9 Percent gewachsen; während nämlich im Jahre 1880 ein Quadratkilometer 84Personen bewohnten, kamen im Jahre 1890 schon 90 Personen auf dieselbe Fläche, und gegenwärtig ist die Einwohnerzahl gewiss noch bedeutend gestiegen. Infolge des grossen Bevölkerungszuwachses wird ferner der Boden fortwährend parcelliert, und daher die Landbevölkerung proletarisiert. Schliesslich bewirkt noch die geographische Lage, insbesondere die klimatische, dass die Verhältnisse fast unerträglich geworden sind, Nach dieser allgemeinen Darstellung übergeht Prof,