Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 10 (10.3.1899)
- Article
- Die jüdische Colonialbank
- Date
- 1899-03-10
- Page
- 3 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 10 Seite 3 „Die H mitzuthun, mitzuhelfen, zu unterstützen und zu fördern, wenn Männer von Geist und Herz an das große Werk herantreteu, die erste Etappe auf dem Wege zur Gründung einer gesicherten Heimstätte für die bedrückten und verfolgten Brüder zurückzulegen und die Gründung der jüdischen Colonialbank der Verwirklichung eutgegenzuführen. Geld und Geld und wieder Geld braucht man heutzutage nicht allein zum Kriegführen, mehr noch zum Kampfe um die Existenz, und wer nur einen annähernd richtigen Begriff vom heutigen Geschäftslebe« hat, der versteht, welch ein lebenskräftiger, lebenverheißender Grundstein für die Besiedlung, den Anbau, das materielle Gedeihen und das Wiederaufblühen des heiligen Landes durch die Sicherung der Jüdischen Colonialbank gelegt wird. Wenn es den deutschen Kaiser nach Jerusalem zog, wenn er begeistert bei dem Anblicke all der historischen, ewig denkwürdigen Stätten heilige Verehrung diesem Boden zollte, wie muss es das jüdische Herz mit Wärme und Begeisterung erfüllen, wenn es denkt, dass dieser Boden, auf dem die Patriarchen wandelten, jüdische Könige herrschten, die im Judenthume einzigen Propheten ihre weltbewegenden Reden hielten, wo Israel seine herrlichsten Tage verbrachte, unvergleichliche Heldenthaten verübte, und wofür es so oft sein Blut vergoss, nach fast 2 Jahrtausenden durch jüdische Hände aus einer Wüste wieder in ein blühendes, bewohntes und bevölkertes Land, in einen Judenstaat verwandelt würde! Es ist daher nur billig vom menschlichen, billig vom jüdischen Standpunkte, wenn alle Juden, bemittelt oder unbemittelt, Zionisten oder Antizionisten und Indifferente an'den Halbtagen des Peßachfestes von 28.—30. März an die Zeichnung der Shares für die Jüdische Colonialbank herantreten und das nöthige Darlehen für die armen Brüder zeichnen. Nicht große Schenkungen und drückende Opfer legt Zion seinen reichen Kindern auf, nur ein Darlehen verlangt es, und es wünscht nicht einmal, dass das altjüdische Erlassjahr für das Darlehen eintrete. Im Gegentheile, bei dem zu hoffenden Aufblühen des Landes, bei dem zunehmenden Wohlstände zahlt es mit Zinsen seine Schuld und wird dem Gläubiger seinen Dank abstatten. Wie eine göttliche Mahnung wird an diesen Tagen aus der Thora uns über das Geldleihen vorgelesen und an Gottes Gnade und Huld erinnert. Wer und wie sehr jeder dieser göttlichen Gnade würdig sei, das wird jeder durch seine Bethätigung bei der Zeichnung der Aktien für die Colonialbank beweisen, wird beweisen sein jüdisches Herz, seinen jüdischen Sinn, seine jüdische Brüderlichkeit und sein jüdisches Erbarmen und seine Freiheit von Vorurtheil, denn um dieser Sache willen, heißt es (Deuteron. 15, 11), wird dich Gott, dein Herr, segnen in all deinem Werk und in allem Geschäfte deiner Hand, ja die gelungene Gründung der Colonialbank wird schon der Anfang des Segens selbst sein." Für Versammlungen eignet sich dieser glänzende Artikel ganz besonders zur Verlesung. Sir Fraueis Montefiore über vie Jüdische Colonialbank. In einer großen öffentlichen Versammlung, die am Sonntag von der „North London Zionist Society“ veranstaltet wurde, hielt Sir Francis Montefiore eine zionistische Propagandarede. Ueber die Bank sagte Montefiore: Er habe den Wunsch, sich offen auszusprechen gegenüber gewissen Verleumdungen, die man gegen die Jüdische Colonialbank auszustreuen versuchte. Er habe sich selbst sehr eingehend mit der Sache beschäftigt und die Statuten der Jüdischen Colonialbank durchstudiert. Und er kam zu dem Ergebnisse, dass es eine gesunde geschäftliche Unternehmung sei. Dieselbe werde nicht von Juden unternommen, die jemals irgend einen Antheil an der Gründung von ungesunden Unternehmungen gehabt haben. Und obwohl die Jüdische Colonialbank den Zweck habe, Gutes für die Volkssache zu wirken, meint Sir Francis Montefiore, dass es doch auch eine einträgliche Unternehmung werden könne. Er selbst sei zu dem festen Entschlüsse Wett" gekommen, Aktionär der Colonialbank zu werden und er hoffe, dass jeder gute Jude dasselbe thun würde. Diese empfehlenden Worte von Sir Francis Montefiore machten, wie man sich denken kann, den größten Eindruck auf die Versammlung. m ..Dreißig Tage vor Passah. . . Von Leo Rafaels. „Steh' auf!" Der Befehl klingt gar nicht hart, nicht einmal fest; wäre der Knabe nicht eben aus dem traumlosen Schlafe ausgescheucht worden, wären seine Sinne scharf, wie sie es gewöhnlich find, er hätte gewiss das Zögern aus den Worten herausgehört,, die Ueberwindung, deren es bedurft hat, um sie auszusprechen. Das alles ist dem Kinde entgangen, es hat nur den unzweideutigen kurzen Machtspruch vernommen; dennoch hüllt es sich fester in die warme Decke und rollt sich behaglich zusammen. Die Lust außerhalb der Decke streicht eiskalt um den Hals, und die Dämmerung, die zum Fenster hereindringt, sieht rauher aus als die Nacht. Kaum eine Minute lang dauerte die Selbsttäuschung; dann wirft er die Decke von sich, setzt die abgehärteten Sohlen auf die nackten Ziegel, die den Boden bilden, streift die dünne Eisdecke von dem Wasser, das ein mächtiges Fass bis an den Rand füllt, und schüttet aus einem Kupfergefäße einen kalten Strom um den andern über Hände, Hals, Kopf nnd Gesicht. Nicht einmal das Eiswasfer vermag den Schlaf ganz zu vertreiben, denn während er beim Abtrocknen Dankgebete für das glückliche Erwachen murmelt, nickt er stehenden Fußes wieder ein. „Es ist spät." Wie er auffahrend in seinem Geschäfte fortfährt, begleitet das leise Singen siedenden Wassers sein Gebet. Jetzt ist er mit einemmale vollständig wach. Er zeigt der Mutter, die vor der altmodischen, mit Holzkohle geheizten Blechmaschine steht, ein munteres Vollmondgesicht, und nachdem er das heiße Getränk aus Wasser und Milch, durch ein Stück Zucker gewürzt, als Kenner und Genussmensch in sich ausgenommen hat, ist die eben verlassene Wärme des Bettes, wie die bevorstehende Kälte des Februarmorgens vergessen, und das Kind marschiert tapfer in das Zwielicht hinaus. Mutter macht mit einem stillen Seufzer und einem ihr selbst unhörbaren Segensspruche die Thüre hinter ihm zu. Es war früh, viel früher als er sonst aufzustehen pflegte; und er war nicht verwöhnt. Es war nicht der alltägliche Gang in die Schule, wo der Unterricht erst um 6 Uhr begann. Heute begann etwas Neues, Ungewöhnliches: er gieng zu einem gelehrten Onkel, um dem Gebote gemäß zwei Stunden vor der Schule die Passah-Vorschriften zu studieren. Den Tag vorher hatte er einen flüchtigen Ferialtag, den Schuschan-Purim, genossen; heute schon setzte der Ernst des Lebens mit doppelter Strenge wieder ein. In der Wohnung seines frommen Onkels brannte bereits Licht — wer weiß, seit wie lange schon? — und wie das Kind in die enge Stube eintrat, musste es sich beeilen. zu seinem Folianten zu kommen, denn der Unerbittliche stimmte bereits mit unfreundlicher Stimme, die der Spätling richtig als Vorwurf deutete, den ersten Paragraphen an. „Dreißig Tage vor Passah wird mit dem Studium der Paffah-Vorschriften begonnen." Und also geschah's. Dreißig Tage , hintereinander wurden kleine und kleinste Dinge in Bezug auf Speise und Trank, Gehen, Stehen und Sitzen, Singen und Sagen, Lachen und Weinen, dem Gedächtnisse eingeprägt — hätte