Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 10 (10.3.1899)
- Article
- Die Friedensconferenz und die Juden
- Date
- 1899-03-10
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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in der Glaubensstärke, mit welcher die Juden das Lied der Sehnsucht nach der Heimat sangen. Und wir. die wir es noch immer singen, fühlen uns jung bei dieser Monotonie, wir sind auch stolz darauf, dass unsere Jugend gerade von dieser idealen Monotonie sich unwiderstehlich angezogen fühlt. Mit dieser unserer Jugend werden wir den Marasmus überwinden, der sich dem Zionismus widersetzt und, vor dem Neuen zitternd, das so schön und so alt ist, sein gedankenloses Sprüchlein vom Schutze des Erworbenen automatisch wiederholt. O, dieses Erworbene, wie geringfügig, wie unsicher, wie leer es ist! Man sieht den Bettel, wenn man nach Paris blickt, wo die „Asfaire" die Legende von den Menschenrechten auf den Kopf stellt, man sieht ihn, wenn man hört, wie in Berlin die jüdischen Lehrerinnen zurückgesetzt werden, man sieht ihn, wenn man in Wien die Liste der städtischen jüdischen Magistratsbeamten überblickt. Auch den sogenannten jüdischen Realisten müsste bei alledem die Einsicht aufdämmern, dass es mit dem Traume von dem Segen der Assimilarion unwiederbringlich vorüber isi. Und was will denn nur der Zionismus anderes, als daraus die unabweisliche Consequenz ziehen? Der Zionismus ist nicht revolutionär, er erschüttert nichts Bestehendes, er strebt, die Juden um ihr altes Ideal zu sammeln, nachdem ihr neues Ideal zerronnen ist. Und dabei schwebt ihm der große civilisatorische Gedanke vor, die hinter der modernen Entwicklung zurückgebliebenen russischen, rumänischen, galizischen Juden auf eine Weise zu erheben, die sie unter den Verhältnissen, unter denen sie gegenwärtig leben, nun einmal nicht erreichen können. Ist das nicht etwa ein Friedensgedanke, ähnlich dem, der den Kaiser von Russland bestimmt hat, die Abrüstungsconferenz anzuregen? Kein Volk hat so sehr wie das jüdische zu allen Zeiten den Frieden geliebt, obgleich keinem so wie ihm der Unfriede der anderen die Ruhe verkümmerte. Als die Juden aus dem babylonischen Exil heimkehrten und den Wiederaufbau des Tempels begannen, mussten sie die Kelle mit der einen und das Schwert mit der anderen Hand umklammern, zugleich bauen und sich vor feindlichem Ueberfalle schützen. Ach, und im Ghetto, wie mussten sie jederzeit grauenhafter Ueberraschungen gewärtig fein! Das hat sie gelehrt, den Segen des Friedens zu verstehen. Und nun ist es so natürlich, dass sie der Friedensinitiative des Czaren von ganzem Herzen Gedeihen wünschen. Wir sagen ohne Zaudern, dass der Zionismus eines der Elemente ist, welche den internationalen Friedensgedanken verbürgen, dass er nicht mehr aus der öffentlichen Discussion verschwinden wird, auchwenn jetzt seine Verwirklichung noch mehr als problematisch ist. Einen Theil der Friedensmission nimmt der Zionismus auf sich, indem er darnach strebt, den vulcanischen Boden Kleinasiens, wo die Fäden der internationalen Diplomatie von jeher sich ineinanderzuwirren drohten, mit einer ebenso civilisationsbedürftigen wie civilisationsbegehrenden Bevölkerung zu besetzen, deren Lebensbedingung der Friede ist. Hier begegnet sich das Friedenswerk der Abrüstungsconferenz mit dem Zionismus, der keine Hintergedanken hat und keine „Frage" tangiert von denen, um deretwillen das Ergebnis der Initiative des Kaisers von Russland so schwankend ist. Er verbindet mit dem Friedensverlangen keinen Sonderzweck außer dem eingestandenen, die alte Heimat der Civilisation zu erschließen und diejenigen, die nach der alten Heimat verlangen, in ihren Dienst zu stellen. W Dir Jüdische Colonialbanü. Die Vorarbeiten sind vollkommen fertig. In dieser Woche wird die Jüdische Colonialbank in London registriert. Unverzüglich nach der Registrierung wird der vom Directorium, den Governors und dem Aufsichtsratl: unterschriebene Prospect versendet. Als Centralstelle für die Subscriptionen aus allen europäischen Ländern dient die Jewish Colonialbank Limited Broad Street Avenue," London E. C. Vorläufige Auskünfte können bei jedem Zionsverein eingeholt werden. Die Subscription wird am 28., 29. und 30. Mär: 1899 in der ganzen Welt erfolgen. Snbs criptions-Bcdingungen. Die Subscribenten haben die Wahl zwischen den folgenden Zahlungsweisen: a) 20 Percent per Aktie bei der Subscription und d-c Restzahlung in vier gleichen Beträgen von ze 20 Percent am 1. Juli, 1. Oktober 1899 nun I. Jänner und 1. April 1900. Vom 1. April 18'.<'! wird den Subscribenten 6 Percent Zinsen über die noch nicht eingezahlten Beträge berechnet. b) 20 Percent per Aktie bei der Subscription und den Restbetrag bei der Zutheilung. e) Vollzahlung bei der Subscription. Bon gegnerischer Seite werden alle möglichen Versuche gemacht, das volksthümlicb Unternehmen der Jüdischen Colonialbank zu untergrabe». Der hochverehrte Londoner Chiefrabbi Dr. Gast er lenk!!' in einer kürzlich ab gehaltenen Versammlung die Auf merksamkeit unserer Genossen auf diese Thatsache hin Manche Protestbankiers möchten die Jüdische Colonia! bank am Entstehen hindern. Das wird ihnen nicht ge lingen. Es ist jedermann bekannt) dass die Jüdische Colonialbank ohne jeden Gründergewinn er richtet wird. Die bedeutend en Gründung? losten wurden durch freiwillige Beiträge opferf ähigerMänne rauf ge bracht. Die Auf sicht der vom Congresse gewählten Vertrauensmänner in statutenmäßig gesichert. Agitation. Aus vielen Orten kommen ausgezeichnete Berichle über den Gang der Agitation. Wo die Propaganda noc! nicht wirksam ist, muss sie in den nächsten Tage» energisch begonnen werden. Es empfiehlt sich, namentlich, in den größeren Orten Versammlungen abzuhalten, in denen die Zwecke und Ziele der Bank als des/einzig wirkungsvollen Instrumentes für die Ausführung unsere Pläne erklärt werden. Rach kleineren Orten sind Wände; redner zu entsenden. Anregung eines Rabbiners. Ein hochgeschätzter Gesinnungsgenosse, einer von de guten Rabbinern, gibt folgende vortreffliche Anregung: „Ich empfehle, alle Rabbiner, die den Zionismus i, welcher Form immer gutheißen, aufzufordern, am erste» Tage des Peßachfestes die Förderung der Jüdische Colonialbank zu befürworten." „Im künftigen Jahre im Lande Israels". Unter diesem Titel veröffentlicht die von Docto Kurr ein in Teplitz ausgezeichnet geleitete Monats schrift „Jüd is che Chronik" einen Leitartikel übe die Colonialbank. Den ganzen Artikel nachzudruckei. gestattet leider der hier zur Verfügung stehende Raun: nicht. Es sei nur auf den kernigen Schluss hingewiese» Es heißt in der Jüdischen Chronik: „Wenn die mehr und weniger Bemittelten im heurige: Jahre das Peßachfest einkeiten mit den Worten: „Das künftig, Jahr im Lande Israels", so sei das ihnen ein erschütternder Weckruf, eine ins Herz und Gewissen tief eindringende Mahnung