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Die Welt · 1899-03-10 · 10 (10.3.1899) · p. None

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
10 (10.3.1899)
Date
1899-03-10
Page
None (sequence 5)
Language
German
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Der Abrüstungsvorschlag des Kaisers von Russland bat wieder einmal eine recht beschämende Wahrheit ans tlicht gebracht. Die Wahrheit nämlich, dass nichts so sehr von den Bleigewichten der geheimen oder eingestandenen Neben- und Sonderzwecke gehemmt ist wie die Menschlichkeit, wenn sie zu einer guten That ausholt. Menschlich sein will jeder, nicht bloß in dem Sinne des alten „Nihil i.umani a me alienum puto“, sondern auch in jenem idealen Sinne des Altruismus, der die Menschheit gewissermaßen als eine einzige große Genossenschaft mit gemeinsamer Haftung ansieht. Aber wenn es nun gilt, um der Menschlichkeit willen Opfer zu bringen — wären es auch nur Opfer der Ambition oder der Bequemlichkeit — so schrumpfen die idealen Vorsätze meist zu schönen Worten zusammen, deren man sich schandenhalber bedient, um die egoistischen Hintergedanken zu verbergen. Menschlich zu scheinen ist so wohlfeil, menschlich zu sein so schwer. Im großen wie im kleinen wiederholt es sich, ander Straßenecke wie an den Kreuzwegen der Geschichte. Die arme Menschlichkeit! Die Initiative des Kaisers von Russland ist evochemachend in den Annalen der Humanität. Von allen wird sie gerühmt, und niemand wagt sie zu tadeln. Sie ist auch nicht etwa bloß großmüthig, sondern daneben von ungeheurer wirtschaftlicher Tragweite; man kann in Ziffern ausdrücken, was ihre Verwirklichung für die Entlastung der Völker bedeuten würde. Humanität, die in den Zahlencolonnen der Budgets, in der Statistik der verfügbaren Arbeitskräfte, in den Vorschreibungen der Blut- und Eeldsteuer zum Vorschein kommen würde — kann man sich etwas Einleuchtenderes, etwas Ueberzeugenderes denken? Aber siehe da! Anstatt die Initiative des Kaisers von Russland wie eine Erlösung zu begrüßen, beschwert v;an sie mit allerhand egoistischen Ambitionen und Hintergedanken. Der Vatican will zu der Friedensconferenz eingeladen sein, um die Frage der weltlichen Papstberrschaft am grünen Tische zur Sprache zu bringen. Frankreich ist verdrießlich, weil es die Abrüstung nicht mit dem Elsaß-Phantom, das doch endlich zerronnen sein sollte, verquicken kann; England ist frostig, weil es nicht daran denkt, seine maritime Ueberlegenheit um eines Humanitätszweckes willen preiszugeben. Und wenn man diese Präludien näher behorcht, so kann man gar nicht mehr zweifeln, dass der Zusammentritt der Friedensconferenz nur ein Act der Courtoisie gegen den Kaiser von Russland, ihr Ergebnis aber sehr reduciert sein wird. Man könnte darüber lachen, wenn es nicht so traurig wäre. An Idealen ist ja die Welt nicht ärmer geworden, nur die Zahl derer, welche sich um sie kümmern, schrumpft immer mehr zusammen. Wir wissen an unserer Stelle ein Lied davon zu singen. Nicht etwa, weil wir uns an den Phantasien vom ewigen Frieden, von den Sprüchen internationaler Schiedsgerichte, von der Abschaffung der stehenden Heere jemals berauscht hatten; so wenig realpotitisch ist man billigerweise im Zeitalter Bismarcks nicht. Nur weil wir ebenfalls eine große Idee auf unsere Fahne geschrieben haben und ebenfalls auf Schritt und Tritt diesem dürren Realismus begegnen, meinen wir, sagen zu dürfen, dass der Idealismus altersschwach geworden ist. Und gerade uns Juden hat er doch durch die Jahrtausende die festeste Stütze geboten! Auf keinem Volke, soweit geschichtliche Erinnerung zurückreicht, hat das Schicksal so schwer, so andauernd und unerbittlich gelastet wie auf dem unserigen, und was uns aufrecht hielt, war ganz allein das Ideal unseres Zusammenhanges. Aber auch uns sucht dieser herzlose politische Realismus heim, auch unter uns ist er eingedrungen wie der Wolf in die Hürde. Wir waren jung, als man auf uns während zweier Jahrtausende losschlug, und richteten uns immer wieder auf in dem Glauben an unser Volksthum und dessen Erneuerung; jetzt wird dieses Volksthum selbst von denen verleugnet, die bestellt sind, es zu hüten. Wie stolz idealistisch war noch das Wort Moses Mendelssohns, als Friedrich der Große seiner Wahl in die Berliner Akademie die Bestätigung versagte! „Besser," sprach der jüdische Philosoph, „die Akademie hat michernannt undderKönig verworfen, als dass der König mich ernannt und die Akademie mich verworfen hätte." So stolz sind die Nationslosen unter uns längst nicht mehr, obwohl ihnen auf allen Gassen sehr empfindlich gezeigt wird, dass es ganz umsonst ist, die Gesinnung zu wechseln, wenn man nicht gleichzeitig die Haut wechseln kann. In einem Spruche, den er der Farbenlehre vorgesetzt hat, sagt Goethe: „In der Jugend sind wir monoton, im Alter wiederholt man sich." Es war doch eine wunderschöne, unvertilgbare, jugendliche Monotonie

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